ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2008Apothekenmarkt: Konzerne in den Startlöchern

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Apothekenmarkt: Konzerne in den Startlöchern

Dtsch Arztebl 2008; 105(10): A-485 / B-441 / C-429

Rabbata, Samir

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Samir Rabbata Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Samir Rabbata Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Vermutlich waren die Vorläufer von Drogerien kleine Giftküchen, in denen Alchimisten Heilkräuter in brodelnden Bottichen zu Arzneien verarbeitet haben. Heute verkaufen moderne Drogeriemärkte vor allem Hygieneartikel, Billigschirme, Parfum und Kosmetik. Denn zuständig für den Vertrieb von Medikamenten sind schon lange die Apotheken.

Doch mittlerweile schicken sich die Drogisten an, zu den mittelalterlichen Ursprüngen ihrer Profession zurückzukehren. Während die Drogerieketten Rossmann und dm ihren Kunden bereits seit Längerem über externe Kooperationspartner Medikamente anbieten, startete jetzt auch der Marktführer Schlecker mit seinen fast 11 000 Filialen in Deutschland in das Versandgeschäft mit Arzneimitteln. So bietet der Discounter ab sofort rezeptfreie Apothekenartikel über das Internet an. Noch in diesem Jahr sollen auch verschreibungspflichtige Präparate über die konzerneigene Apotheke Vitalsana im niederländischen Heerlen vertrieben werden. Die Versandapotheke wirbt mit Nachlässen von bis zu 45 Prozent gegenüber den unverbindlichen Preisempfehlungen für viele rezeptfreie Arzneimittel.

Ob die Kunden bereit sein werden, für diese Ersparnis mehrere Tage auf ihr Medikament zu warten, ist fraglich. Bislang jedenfalls fristet der Versandhandel in Deutschland nur ein Nischendasein. Eher ist davon auszugehen, dass die Ketten den Versandhandel nutzen, um mittelfristig in das Vor-Ort-Geschäft mit Arzneimitteln einzusteigen. Nicht nur Drogerien, auch Einzelhandelsriesen wie Rewe rüsten sich für das neue Tätigkeitsfeld. Noch ist den Konzernen der Markteintritt im großen Stil verwehrt. Doch das könnte sich ändern. Denn vieles deutet darauf hin, dass der Europäische Gerichtshof das deutsche Fremdbesitzverbot für Apotheken noch in diesem Jahr kippt und damit Kapitalgesellschaften den Weg in den milliardenschweren Apothekenmarkt ebnet. Außerdem hat die EU-Kommission in Brüssel Ende Januar ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet, weil Apothekern hierzulande verwehrt ist, mehr als vier Filialen zu betreiben.

Wie die neue Apothekenwelt aussehen könnte, zeigt das Beispiel Tschechien: Nach US-amerikanischem Drugstore-Vorbild betreibt Schlecker dort bereits sieben Drogerien mit integrierter Apotheke. Die Preise von rezeptfreien Medikamenten liegen in den Märkten rund 15 Prozent unter denen der ortsansässigen Apotheken. Auch in Großbritannien konnten Lebensmitteldiscounter mit eingebundener Apotheke ihren Marktanteil wegen niedrigerer Preise im Over-The-Counter-Bereich ausbauen.

Kenner der Branche meinen, dass die britischen Apotheker die Einzelhandelsmultis selbst herausgefordert haben, als sie anfingen, in ihren Verkaufsräumen Lebensmittel anzubieten. Mittlerweile ähneln auch deutsche Apotheken häufig kleinen Drogerien oder Beautyshops. Medikamente werden zwischen Wellnessprodukten, Gummibärchen und Tees offeriert und dadurch zu einer beliebigen Ware. Bei allem Verständnis für den Wettbewerbsdruck unter den Apotheken: Gerade vor dem Hintergrund des steigenden Arzneimittelmissbrauchs ist dies eine gefährliche Entwicklung. Dass Internetapotheken Mengenrabatte für Medikamente in Form von Versandkostenbefreiungen und Gutscheinen offerieren, verschärft das Problem zusätzlich.

Wirklich heikel wird es, wenn Discounter in ihren Märkten Medikamente zu Dumpingpreisen anbieten dürfen. Ärztinnen und Ärzte sollten darauf vorbereitet sein, dass dann Arzneimittelmissbräuche und -falschanwendungen zunehmen werden. Denn bei Fragen zu Risiken und Nebenwirkungen werden sich die Patienten kaum an die nette Dame an der Kasse wenden können. Auf Ärzte kommt deswegen in Zukunft eine noch größere Verantwortung zu, ihre Patienten ausführlich über ihre Medikation aufzuklären.
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