ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1997Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie: Die klinische Forschung ist in Deutschland defizitär

POLITIK: Leitartikel

Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie: Die klinische Forschung ist in Deutschland defizitär

Dtsch Arztebl 1997; 94(16): A-1033 / B-860 / C-804

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Über die Situation der klinischen Forschung wird in Deutschland schon seit Jahren heftig und kontrovers diskutiert. Inzwischen werden die Stimmen lauter, daß erhebliche Defizite schnell abgebaut werden müssen. Auf dem 114. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in München wurde deutlich, daß Deutschland auf dem Gebiet der klinischen Forschung - mit wenigen Ausnahmen - längst nicht mehr auf dem internationalen Parkett mitspielt. Die Verknappung der Ressourcen im Gesundheitssystem kann jedoch nur zu einem geringen Teil dafür verantwortlich gemacht werden. Strukturelle und mentale Probleme stehen vielen Wissenschaftlern im Wege.


Von den Wandlungsprozessen, die sich derzeit in unserem Wirtschaftssystem abspielen, ist in ganz besonderer Weise die Forschung bedroht. Unter dem Diktat der Mittelverknappung sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in unserem Land in weniger als einem Jahrzehnt um mehr als ein Viertel auf jetzt 2,2 Prozent des Bruttoinlandproduktes gesunken", erklärte Prof. Dr. Hartwig Bauer (Altötting) als Präsident des 114. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in München. "Deutschland steht damit am Ende der OECD-Skala."
Versäumnisse und Fehlentwicklungen seien aber nicht nur durch zu geringe Mittelzuweisungen zu erklären, sondern ganz wesentlich durch eine Überlast an Vorschriften und Genehmigungsverfahren, welche die Forschung hierzulande stärker behindern als in anderen Ländern. "Das Manifest gegen den Niedergang in der Forschung, das Anfang des Jahres deutsche Wissenschaftler an die Politik gerichtet haben, beschreibt eindrücklich die derzeitigen bedrohlichen Defizite in unserem Bildungs- und Forschungswesen", so Bauer. Nach einer Studie der Firma Boston Consulting kommen nur etwa sechs Prozent der weltweiten klinischen Publikationen aus Deutschland, aber 15 Prozent aus Großbritannien - "obwohl der Inselstaat nicht mehr Geld für die klinische Forschung zur Verfügung hat als Deutschland", erklärte Dr. Peter Lange, am Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) in Bonn verantwortlich für medizinische Forschung und Projekte.
Für Prof. Dr. Matthias Rothmund (Marburg) stellen die Niederlande ein gelungenes Beispiel dar, wie auch ein bevölkerungsarmes Land hochwertige und angesehene Forschung betreiben kann. Nach seinen Angaben werden deutsche Studien von renommierten, interna- tionalen Fachjournalen immer öf-ter wegen Qualitätsmängeln nicht zur Publikation angenommen. Die Mehrzahl der Forscher begnüge sich sowieso mit einer Veröffentlichung in deutscher Sprache. "Es ist notwendig, auf englisch zu publizieren, um eine weltweite Verbreitung zu erreichen. Eine Studie, die keine Beachtung findet, ist eine vergebliche", erklärte Lange. Er widersprach der Ansicht, daß Geldknappheit die Ursache für Defizite der klinischen Forschung ist: "Zumindest auf dem Papier stehen Mittel in erheblicher Größenordnung zur Verfügung, nur werden diese nicht für die Forschung verwendet, sondern anderweitig eingesetzt." So stellen die Länder etwa sieben Milliarden DM für den Mehraufwand für Forschung und Lehre an ihren 37 Universitätskliniken zur Verfügung; die Summe, die das einzelne Klinikum tatsächlich als Zuführungsbeitrag erhalte, schwanke zwischen 190 Millionen und - vor allem in den Ostländern - 50 bis 60 Millionen DM. Wie groß der Anteil ist, der hiervon für Forschungszwecke ausgegeben wird, ist nahezu unbekannt. Das Statistische Bundesamt meint, daß etwa 30 Prozent der Gelder der Forschung zufließen. "Es gibt in Deutschland schon jetzt Universitätskliniken, die knapp ein Drittel des Zuführungebetrages in transparenter Weise für qualitätsgeprüfte Peer-review-Forschung aufwenden - das heißt, wo man mit diesen Mitteln in der Lage ist, eine hohe Forschungsqualität zu erreichen", erklärte Lange.
"Ich bin sicher, daß diese Universitätskliniken über kurz oder lang zu den führenden Einrichtungen gehören werden. Wenn ein Großteil der 37 Universitätskliniken nicht unheimliche Anstrengungen unternimmt, hier mitzuhalten, werden sie nicht mehr in der Lage sein, national und international im Forschungswettbewerb zu konkurrieren. Sie werden aus dem Wettbewerb ausscheiden müssen, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen - bis hin zur Schließung. Es ist bereits fünf nach zwölf, und es wird Verlierer geben", wandte sich Lange an das Chirurgenforum. Wiederum aus der Studie der Boston Consulting geht hervor, daß die Arbeitszeitstruktur der Professoren und Wissenschaftler in den deutschen Kliniken sich erheblich von den Verhältnissen in den USA unterscheidet: Ein amerikanischer Kliniker verbringt 50 bis 70 Prozent seiner Arbeitszeit mit Forschung, zehn Prozent mit Lehre und 20 bis 40 Prozent mit der Patientenversorgung. In Deutschland sind die Verhältnisse fast umgekehrt: Hierzulande "verschlingt" der klinische Betrieb 60 bis 80 Prozent der Arbeitszeit, aber nur zehn bis 20 Prozent entfallen auf die Forschung. Der Zeitaufwand für die Lehre ist in beiden Staaten etwa gleich. "Viele Klinikchefs sind auch aus ökonomischen Gründen mehr an der Patientenversorgung interessiert als an ihrem Forschungsauftrag", meint Roth-mund. Und selbst für ambitionierte Assistenzärzte ließe sich sagen, daß Forschung in Teilzeitfunktionen oder als Feierabend- oder Wochenendarbeit sich nicht bewährt habe. Hinzu kämen strukurelle Probleme der Universitätskliniken als Arbeitgeber des öffentlichen Dienstes mit "Zwangsjacken" wie Unkündbarkeit und forschungsfeindliche Arbeitszeitregelung.
Eine fehlende "mentale Forschungskultur" beklagte Prof. Dr. Christian Herfahrt (Heidelberg): Klinische Studien müßten zunächst im kleinen Kreis in "schöpferischer Atmosphäre" entwickelt werden; Forschung könne nicht von extern "verordnet" werden. Auch die Egozentrik der Patienten mache es zunehmend schwieriger, klinische Forschung zu betreiben. "Es sind immer weniger Patienten bereit, und meist nur nach langwierigen Erläuterungen, an einer klinischen Studie teilzunehmen. Der einzelne will unbedingt sicherstellen, der Verumgruppe zuzugehören", berichtete Herfahrt. Angesichts dieser Erfahrungen habe sich die pharmazeutische Industrie bereits stark in den osteuropäischen Ländern, vor allem in Ungarn, engagiert. Als Lösungsansätze für die "Aufholjagd" im internationalen Wettbewerb sehen die Referenten den Aufbau von interdisziplinären Forschungszentren, ein für jede Hochschule spezifisches Forschungsprofil, den Mitteleinsatz nach Qualitätsgesichtspunkten sowie eine transparente Finanzierung von Forschung und Krankenversorgung. Dazu Prof. Bauer: "Zu dieser Transparenz gehört auch eine klare Regelung und Offenlegung der für die Forschung unverzichtbaren Drittmittelfinanzierung durch die Industrie, deren - sicher auch zum Teil selbstverschuldete - Kriminalisierung wir derzeit wieder erleben." Laut Prof. Dr. H. G. Beger (Ulm) stellt die Industrie 20 Prozent aller Mittel für die chirurgische Forschung, hauptsächlich in der Traumatologie und Viszeralchirurgie. In anderen Fachgebieten liegt der Anteil der industriegeförderten Forschung sogar noch höher.
Dr. med Vera Zylka-Menhorn

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema