ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2008Medizinstudium: Gute Lehre darf kein Zufall sein

POLITIK

Medizinstudium: Gute Lehre darf kein Zufall sein

Dtsch Arztebl 2008; 105(10): A-494 / B-450 / C-438

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Gut vorbereitet ins praktische Jahr: Erfahrungen zeigen, dass das bei vielen Studierenden nicht der Fall ist. Foto: Peter Wirtz
Gut vorbereitet ins praktische Jahr: Erfahrungen zeigen, dass das bei vielen Studierenden nicht der Fall ist. Foto: Peter Wirtz
Wie kann man Studierende gut auf das praktische Jahr (PJ) vorbereiten? Was muss geschehen, damit das PJ ein erfolgreiches Training für Staatsexamen und Arztberuf ist? Die medizinischen Fakultäten suchen nach Rezepten.

Die Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO) aus dem Jahr 2002 hat das Medizinstudium grundlegend verändert. Das frühere erste, zweite und dritte Staatsexamen wurde zum Zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung (M2) zusammengelegt. Dieses „Hammerexamen“ findet nach dem praktischen Jahr (PJ) statt. Besonders ins Visier der Kritiker gerieten zunächst die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen, denn überdurchschnittlich viele Studierenden fielen durch – nicht zuletzt, weil ein Großteil der Fragen anhand von neu konzipierten Fallbeispielen gestellt wurde. Im Herbst 2007 lag die Misserfolgsquote nun aber bei 5,7 Prozent (Herbst 2006: 9,8 Prozent). Man hat den Eindruck, dass langsam Normalität einkehrt.
Eine Herausforderung für die Fakultäten ist aber weiterhin der mündlich-praktische Examensteil. Er soll praxisorientiert sein und findet nicht mehr an einem, sondern an zwei Tagen statt – ein deutlicher Mehraufwand für die Prüfer. Der mündlich-praktische Teil hat ein starkes Gewicht, denn er macht ein Drittel der Endnote aus. Das lässt Forderungen nach mehr Qualität und besserer Vergleichbarkeit laut werden.

Bleiben schließlich noch die Auswirkungen auf das PJ. Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Die Studierenden gehen schlechter vorbereitet in die praktische Ausbildung als früher, denn sie haben zuvor keine Prüfung. Die Wissenslücke kann das PJ in seiner bislang vielfach unstrukturierten Form kaum ausgleichen. Viele Fakultäten bemühen sich daher, die Lehre den neuen Gegebenheiten anzupassen – auch um die Studierenden auf das bevorstehende M2 vorzubereiten.

„Ich glaube nicht, dass das Ei des Kolumbus schon irgendwo herumliegt“, sagte Prof. Dr. med. Udo Obertacke, Mannheim, bei einem Symposium des dortigen Kompetenzzentrums PJ. In der Tat wurde bei der Veranstaltung deutlich, dass die Fakultäten mit ganz unterschiedlichen Ansätzen auf die neue ÄAppO reagiert haben. So hat beispielsweise die Regensburger Fakultät eine PJ-Reifeprüfung eingeführt. Die Studierenden müssen vor dem PJ eine theoretische Prüfung mit 90 Aufgaben, davon 70 Multiple-Choice-Fragen, bestehen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten habe sich die Prüfung gut etabliert, berichtete Dr. med. Falitsa Mandraka. „Auch für uns überraschend sind die Proteste der Studenten mittlerweile in Sympathie umgeschlagen.“ Bestätigt sieht sich Mandraka durch das gute Abschneiden der Regensburger Studierenden im neuen M2.

Entscheidend für ein erfolgreiches PJ ist aber nicht nur eine fundierte theoretische Grundlage zu Beginn. Auch die Ausbildung im PJ darf nicht dem Zufall überlassen werden. Deshalb arbeitet die Technische Universität (TU) München seit Oktober 2007 im Chirurgie-Tertial mit einem PJ-Logbuch. Es enthält Lernziele sowie eine Liste praktischer Tätigkeiten, die der PJler ausführen muss. Mindestens 70 Prozent der Anforderungen sind nachzuweisen. Das sei nicht nur als Kontrolle zu verstehen, sondern als Ansporn, erläuterte Prof. Dr. med. Robert Brauer. „Die Studenten sollen Leistungen einfordern können.“ Ergänzt wird das Logbuch unter anderem durch eine Mentorenschaft, die Oberärzte übernehmen. Seit Beginn des Tertials im Februar kommen an der TU Logbücher in zehn weiteren Fächern zum Einsatz.

An der Universität Lübeck wird neben einem gut struktuierten PJ in der Inneren Medizin ein Repetitorium zur Prüfungsvorbereitung angeboten. So wolle man den Studierenden die Angst vorm „Hammerexamen“ nehmen und den Lerndruck im PJ reduzieren, sagte Dr. med. Susann Fuhrmann.

Dr. med. Bernhard Marschall, Münster, hat die Erfahrung gemacht, dass PJ-Studierende einer guten Betreuung oftmals hinterherlaufen müssen. Deshalb hält er es für sinnvoll, hier neue Anreize schaffen. In Münster erfolgt die Vergütung für die PJ-Ausbildung an die akademischen Lehrkrankenhäuser deshalb nicht direkt als Pauschale. Die Studierenden werden hier an der Geldvergabe beteiligt. Unter anderem können die PJler auf einer Onlineplattform zehn Euro am Tag einem Arzt zuweisen, der sie besonders gut betreut hat.

Auch Brauer forderte mehr Anreize für eine gute Ausbildung. Die Einwerbung von Drittmitteln und der Erwerb von Impact-Punkten seien vielfach höher angesehen als ein guter Studentenunterricht. Er plädierte für einen höheren Stellenwert der Lehre neben Forschung und Krankenversorgung: „Nur wenn die Lehre etwas wert ist, wird sie gut.“
Dr. med. Birgit Hibbeler
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema