ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2008Regenerative Medizin im Aufbruch: Wann das Leben beginnt

POLITIK

Regenerative Medizin im Aufbruch: Wann das Leben beginnt

Dtsch Arztebl 2008; 105(10): A-504 / B-456 / C-444

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Noch vor der endgültigen Entscheidung über eine Novellierung des Stammzellgesetzes plädierten Wissenschaftler in Berlin für eine Verschiebung oder Streichung der Stichtagsregelung.

Der Termin für eine Fachkonferenz mit dem Titel „Regenerative Medizin im Aufbruch“ war geschickt gewählt. Kurz nach der ersten Lesung im Bundestag über eine Novellierung des Stammzellgesetzes, aber noch vor der endgültigen Entscheidung des Parlaments erläuterten Wissenschaftler auf der gemeinsamen Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), warum sie die embryonale Stammzellforschung für notwendig halten.

Mehrere Vorträge dienten dem Zweck, die Verdienste der regenerativen Medizin herauszustellen. So berichtete der Geschäftsführer der Firma Cytonet, Dr. med. Dr. Wolfgang Rüdinger, dass schon heute Ärzte Verbrennungsopfern mit vitalem Hautgewebe aus dem Labor helfen könnten. Die Firma Cytonet züchtete, so Rüdinger, Leberzellen, um damit Patienten mit Vergiftungen oder angeborenen Stoffwechseldefekten zu helfen. Prof. Dr. med. Andreas Zeiher, Frankfurt am Main, berichtete, dass es Stammzellen gebe, mit deren Hilfe das menschliche Herz unter Umständen regeneriert werden könne.

Deutschland sollte sich nicht vom Rest der Welt abkoppeln
„Schon heute ist es möglich, mittels embryonaler Stammzellen praktisch jedes beliebige Körpergewebe zu züchten. Diese gezüchteten Zellen lassen sich wieder in ein geschädigtes Körperorgan transplantieren, wodurch dessen Regeneration erreicht wird. Der proof of principle ist im Tierexperiment erbracht, jetzt gilt es, diese Verfahren auch auf den Menschen zu übertragen und so zur Therapie von Patienten zum Beispiel mit Herzinfarkt, Diabetes oder Morbus Parkinson zu nutzen“, sagte Prof. Dr. med. Jürgen Hescheler, Köln. Doch dazu eignen sich nach Ansicht der Forscher die in Deutschland zugelassenen Zelllinien nur bedingt. Außerdem könne sich Deutschland nicht vom Rest der Welt abkoppeln. „Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, damit wir auch noch künftig an internationalen Forschungsverbünden teilnehmen und insbesondere mit unseren europäischen Stammzellkollegen zusammenarbeiten können.“ Hescheler plädierte deshalb für die Zulassung neuer embryonaler Stammzellen.

Diese Ansicht wurde auf der Tagung durchweg geteilt. Der VFA fordert, so Prof. Dr. Klaus Burger, Novartis, die Stichtagsregelung für embryonale Stammzelllinien zu streichen oder zumindest eine nachlaufende Stichtagsregelung einzuführen und deutschen Wissenschaftlern nicht länger Strafen anzudrohen, wenn sie im Ausland oder im Rahmen internationaler Kooperationen an in Deutschland verbotenen Stammzellen arbeiten. Außerdem sollte die Einfuhr von Stammzelllinien nicht nur für Forschungszwecke, sondern auch für diagnostische, präventive und therapeutische Zwecke gestattet werden.

Doch was ist mit dem Embryonenschutz? Für die Beantwortung dieser Frage ist entscheidend, wann man den Beginn des Lebens ansetzt. Nach Ansicht Burgers beginnt menschliches Leben nicht bereits mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, sondern erst mit der Einnistung des Embryos in die Gebärmutter der Frau. Sonst müsse man letztlich jede Zelle als „menschliches Leben und damit als schutzwürdig“ bezeichnen, meint er. Selbst die katholische Kirche sei bis ins 19. Jahrhundert von einer stufenweisen Beseelung des Embryos (Sukzessivbeseelung) ausgegangen. Burger sprach sich deshalb dafür aus, bis zur Nidation vom „Präembryo“ zu sprechen. Hescheler verglich dieses frühe Stadium des „Präembryos“ mit dem des Menschen am Lebensende. So höre das Leben bereits auf, bevor alle menschlichen Gene zerstört seien, weswegen man sich auf das geltende Hirntod-Kriterium geeinigt habe.

„Stellvertretender Kulturkampf“
Unterstützung erhielten die Forscher von Prof. Dr. med. Dr. phil. Urban Wiesing, Tübingen. Er kritisierte vor allem die sogenannten Lebensschützer, die sich gegen jegliche Embryonenforschung aussprechen. Ihnen war bereits der Kompromiss aus dem Jahr 2002 nicht restriktiv genug. Nach Ansicht Wiesings führen die Lebensschützer einen „stellvertretenden Kulturkampf“, in dem es ihnen um eine interpretative Vormachtstellung gehe und darum, „der Pluralität Grenzen zu setzen“. Wiesing wies auf den Wertungswiderspruch hin, dass bereits jetzt Embryonen durch die Spirale und die „Pille danach“ millionenfach daran gehindert würden, sich weiterzuentwickeln, obwohl es durchaus andere Verhütungsmöglichkeiten gebe. Eine Anerkennung der Ansichten der Lebensschützer bedeute auch die Missachtung anderer Staaten, in denen Embryonenforschung erlaubt sei. Für Wiesing sprechen tragfähige Argumente dafür, dass eine Verschiebung des Stichtags oder eine Aufhebung mit Einzelfallprüfung nicht den „unverzichtbaren moralischen Grundsätzen des Zusammenlebens widersprechen“.
Gisela Klinkhammer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema