ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2008Friedrich Joseph Haass (1780–1853): Der „heilige Doktor“ von Moskau

THEMEN DER ZEIT

Friedrich Joseph Haass (1780–1853): Der „heilige Doktor“ von Moskau

Dtsch Arztebl 2008; 105(10): A-518 / B-466 / C-454

Pfeifer, Katharina; Gerabek, Werner E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Kreml und Steinbrücke, F. J. Alexejew 1801, Aquarell und Gouache Foto: picture-alliance/akg
Kreml und Steinbrücke, F. J. Alexejew 1801, Aquarell und Gouache Foto: picture-alliance/akg
Arzt und Seelsorger für die Häftlinge und Deportierten in Russland

Zwei Ärzte betreten im Jahr 1848 einen der Krankensäle des Moskauer Armenspitals. Der eine ist schon älter, hochgewachsen und breitschultrig, und trägt einen abgewetzten Gehrock und im Knopfloch das Abzeichen des Wladimirordens – es ist Friedrich Joseph Haass, so wie er in seinen letzten Lebensjahren für seine Patienten und die Moskauer Bevölkerung ein vertrauter Anblick war. Er wird begleitet von einem hospitierenden ärztlichen Kollegen, A. K. Schisnewsky, der später von dieser Szene berichten wird, die sich während der zweiten großen Choleraepidemie in Moskau abgespielt hat.

Haass betrachtet jeden seiner Patienten im Raum, von denen die meisten alt, schwach, schwer krank und ärmlich gekleidet sind, mit gütigem, wohlwollenden Blick. Er hat für jeden von ihnen ein aufmunterndes Wort, eine freundliche Berührung oder eine persönliche Frage; ihr Befinden, körperlich und seelisch, scheint ihm sehr am Herzen zu liegen. So gehen die beiden durch den Raum und kommen schließlich an einem Bett am Ende des Saals an, in dem ein Schwerkranker liegt und stöhnt. Haass wendet sich zu seinem Begleiter und sagt mit Nachdruck: „Das ist der erste Cholerakranke bei uns“, beugt sich über den Patienten und küsst ihn liebevoll. Der erschrockene Kollege schaut ungläubig und weicht einen Schritt zurück.

Hätte man den noch jungen Haass mit solch einer Perspektive konfrontiert, würde er wahrscheinlich nur nachsichtig den Kopf geschüttelt haben. Denn eigentlich sah es aus, als würde er eine ärztliche Bilderbuchkarriere machen: Geboren im August 1780 in Münstereifel, aufgewachsen in einer christlichen Familie als Sohn eines Apothekers, besuchte Haass als Jugendlicher das Gymnasium der Stadt und setzte seine Ausbildung zunächst an der Hohen Schule in Köln und seit 1802 an den Universitäten von Jena und Göttingen fort. Als Student der Medizin, Philosophie und Naturwissenschaften bildete er sich – ganz im Stil der damaligen Zeit – auf breiter Front und hatte engen Kontakt zu den Naturphilosophen um Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, deren Ideen ihn begeisterten und die ihn stark beeinflussten. Um sich in der Augenheilkunde fortzubilden, ging Haass nach seiner Promotion 1805 nach Wien.

Schon im nächsten Jahr nahm er ein Angebot der Petersburger Fürstin Repnin an, sie als ihren Hausarzt nach Russland zu begleiten. Die Reise ging bis Moskau, wo Haass es innerhalb kürzester Zeit schaffte, sich einen Namen als fähiger und vertrauenswürdiger Arzt zu machen und im Juni 1807 als Chefarzt des Pauls-Krankenhauses in den Staatsdienst berufen zu werden. Neben dieser Anstellung, die er 1812 wieder aufgab, und seiner Tätigkeit als Stadtphysikus von Moskau in den Jahren 1825 und 1826 war Haass in den nächsten 21 Jahren ohne Unterbrechung in seiner gut gehenden Privatpraxis als Hausarzt des Moskauer Bürgertums tätig und betreute außerdem unentgeltlich und freiwillig die Kranken in den Armenhäusern der Stadt. Er war Mitglied in der Moskauer Naturwissenschaftlich-Medizinischen Gesellschaft und unternahm 1809 und 1810 zwei Reisen in den Kaukasus, wo er die von ihm so benannten Alexanderquellen erforschte.

Alles deutete also darauf hin, dass er den Traum eines jeden jungen aufstrebenden Arztes verwirklicht hatte: Seine Praxis florierte, er war mittlerweile wohlhabend genug für den Erwerb eines großen Stadthauses, einer standesgemäßen Kutsche und eines Landguts. Seine Patienten schätzten ihn als guten Arzt, und auch sein Verhältnis zu den Regierenden der Stadt und den ärztlichen Kollegen war ungetrübt.

Doch dann kam das Jahr 1828 und damit die große Wende in Haass’ Leben – er wurde von Generalgouverneur Golicyn als einer der ärztlichen Direktoren in das Moskauer Gefängnisschutzkomitee berufen. Haass war erschüttert von den menschenunwürdigen Zuständen, die in den städtischen Gefängnissen und in den Sammelstellen für die Deportationen nach Sibirien herrschten. Ohne Zögern machte er sich daran, das ihm Mögliche zu einer Verbesserung der Verhältnisse umzusetzen. Bereits 1829 wurde ihm die ärztliche Oberaufsicht über die Gesundheit der Deportierten übertragen.

In den folgenden zehn Jahren bemühte er sich immer wieder, das Beste für seine Schützlinge zu erreichen: Ob es sein Einsatz für leichtere und menschenwürdigere Fesseln auf dem Fußmarsch war, die Verlängerung des Kranken­haus­auf­enthalts eines kranken Deportierten, eine Familienzusammenführung oder die Versorgung mit Bibeln und Süßigkeiten für den Marsch – mit einer Mischung aus medizinischer Begründung und moralischem Appell an die Verantwortlichen, mit Bittbriefen, Eingaben bei Behörden und persönlichen Besuchen erreichte Haass meistens das, was er wollte; und zwar ohne Rücksicht auf sich selbst, seine Würde, Gesundheit oder finanzielle Lage. Gerade dieses unermüdliche, für die Mächtigen Moskaus so unbequeme Engagement bescherte ihm jedoch auch viele Feinde und führte dazu, dass er dieses Amtes 1839 wieder enthoben wurde – was ihn nicht daran hinderte, bis zu seinem Tod 1853 damit inoffiziell weiterzumachen.

1829 war Haass auch zum Chefarzt der Moskauer Gefängniskrankenhäuser berufen worden. Auch hier tat er mit seinen unkonventionellen Methoden alles in seiner Macht Stehende für seine Patienten und trieb zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen unter anderem den Neu- und Umbau des Katharinen-Krankenhauses und den Bau eines Obdachlosenkrankenhauses voran. Dort zog er 1845 auch selbst ein und verband damit sein Leben endgültig untrennbar mit dem der Armen, Kranken und Hilflosen.

Immer mehr war Haass als tiefgläubiger Christ um das seelische Heil der Gefangenen und um ihre Rückkehr zu Gott besorgt. Sein ungebrochener Glaube an das Gute im Menschen, gerade bei den Verbrechern in seiner Obhut, und die bedingungslose Liebe, Güte und Nachsicht, mit der er ihnen stets begegnete, waren für ihn der einzig richtige und glaubwürdige Weg, dies zu erreichen. So verschob sich im Lauf der Jahre sein Fokus immer mehr hin zu einem eher seelsorgerischen Umgang mit den Gefangenen und weg von ihrer rein ärztlichen Betreuung. Seine medizinischen Behandlungen waren gegen Ende seiner ärztlichen Tätigkeit eher veraltet und wurden von seinen Kollegen und auch den Moskauer Bürgern mehr belächelt als tatsächlich für wirksam erachtet.

Friedrich Joseph Haass starb nach kurzer Krankheit im August 1853. Er blieb, wie es auch schon in der eingangs beschriebenen Szene anklingt, nach seinem Tod im Gedächtnis der Menschen, die ihm begegnet waren, als der „heilige Doktor von Moskau“ verhaftet: eine etwas kauzige und eigensinnige, jedoch von ungebrochenem Eifer und schier grenzenloser Liebe beseelte und vom Volk verehrte Persönlichkeit, die eine Berufung im Leben gesucht und mit ihrem Wirken für die Armen und Gefangenen gefunden zu haben schien. Aufgrund seines Geburtsorts Bad Münstereifel wurde 1998 vom zuständigen Erzbistum Köln das Seligsprechungsverfahren eröffnet. Dieses ist nach Durchlaufen von verschiedenen vorgeschriebenen Stadien (Zeugeneinvernahme, Bildung einer Historikerkommission, Sammlung der Schriften des „heiligen Doktors“) noch nicht abgeschlossen.
Katharina Pfeifer
Universität Regensburg
Prof. Dr. Dr. Werner E. Gerabek
Institut für Geschichte der Medizin
Universität Würzburg
Anzeige
1.
Koni AF: Doktor Friedrich Haass – Lebensskizze eines deutschen Philanthropen in Rußland. Zur Geschichte des russischen Gefängniswesens im 19. Jahrhundert. Übersetzung aus dem Russischen, Leipzig 1899.
2.
Müller-Dietz H: Friedrich Joseph Haass als Arzt in Moskau. Biographische Skizzen, Berlin 1980.
3.
Hamm A, Teschke G: Ein deutscher Arzt als „Heiliger“ in Moskau. 2. Aufl. Berlin, Bonn 2000.
4.
Haass FJ: Meine Reise zu den Alexanderquellen in den Jahren 1809 und 1810. Dr. Friedrich Joseph Haass als Arzt und Naturforscher im nördlichen Kaukasus. Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Dietrich M. Mathias, 2. Aufl. Aachen 2007.
5.
Neshnyi A: Der „heilige Doktor“ von Moskau. Friedrich Joseph Haass, Münstereifel 1780–Moskau 1853. Mit einem Vorwort von Fritz Pleitgen und einer Schlussbetrachtung von Karl Kardinal Lehmann, aus dem Russischen von Maria Klassen, hrsg. von der Friedrich-Joseph-Haass-Gesellschaft, Bad Münstereifel 2007.
1. Koni AF: Doktor Friedrich Haass – Lebensskizze eines deutschen Philanthropen in Rußland. Zur Geschichte des russischen Gefängniswesens im 19. Jahrhundert. Übersetzung aus dem Russischen, Leipzig 1899.
2. Müller-Dietz H: Friedrich Joseph Haass als Arzt in Moskau. Biographische Skizzen, Berlin 1980.
3. Hamm A, Teschke G: Ein deutscher Arzt als „Heiliger“ in Moskau. 2. Aufl. Berlin, Bonn 2000.
4. Haass FJ: Meine Reise zu den Alexanderquellen in den Jahren 1809 und 1810. Dr. Friedrich Joseph Haass als Arzt und Naturforscher im nördlichen Kaukasus. Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Dietrich M. Mathias, 2. Aufl. Aachen 2007.
5. Neshnyi A: Der „heilige Doktor“ von Moskau. Friedrich Joseph Haass, Münstereifel 1780–Moskau 1853. Mit einem Vorwort von Fritz Pleitgen und einer Schlussbetrachtung von Karl Kardinal Lehmann, aus dem Russischen von Maria Klassen, hrsg. von der Friedrich-Joseph-Haass-Gesellschaft, Bad Münstereifel 2007.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema