ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2008Ärzte als IM: Appell an das Gewissen der Gewissenlosen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Nun endlich eine Studie, das ist gut, eine „zeithistorische Aufarbeitung“. Mit diesem Wissen über das Kapitel deutscher Vergangenheit in der DDR sehe ich uns am Beginn eines Aufklärungsprozesses. Beim Lesen des Artikels über die Buchpräsentation war ich jedoch nicht ganz frei von Zweifeln, wie die Initiatoren der Studie weitermachen werden. Bleibt es angesichts von Ausmaß und Schwere des Geschehens um die „persönlichen Schicksale, die (der Autorin) schlaflose Nächte bereiteten“, lediglich bei Feststellungen, dass solches Handeln „unethisch“ sei, wie es der Bundes­ärzte­kammerpräsident einschätzt? Oder tauchen da nicht vielleicht auch Fragen an den Juristen auf? Ein Appell an die IM-Ärzte, „ihr Gewissen zu überprüfen“, wirkt reichlich fade und eher geeignet, den weiteren Klärungsbedarf im Sande verlaufen zu lassen . . . Abgesehen von denjenigen, die in einen Gewissensnotstand getrieben worden sind, hatte jeder gesunde Bürger der DDR den inneren Freiraum Ja oder Nein zu sagen zu einem Angebot von Judasdiensten. Die Stasi hatte mir in die Psychiatrie einen als Patient verdeckten Werber einweisen lassen, und ich kann noch heute den Druck spüren, unter den ich mich gesetzt sah. Solange Ärzte und Ärztinnen als Betroffene mit ehemaligen IM-Ärzten unter einem Dach arbeiten oder denselben Patienten behandeln, ist das Thema nicht vom Tisch. Die im Bericht des DÄ weiterhin anempfohlene Anonymität der ehemaligen IM-Aktiven und die Kränkung und Beschädigung der betroffenen Kolleginnen und Kollegen sind als ein unüberwindlicher Widerspruch geeignet, die Atmosphäre auf Dauer zu vergiften. Es geht um die Aufarbeitung der gestörten Beziehungen, um die Klärung der Motive, um die Beteiligung an diesem machthaberisch gelenkten Geschehen des Einzelnen und auch um die Rolle von uns allen, die wir passiv oder aktiv unser Leben und unsere Arbeit unter diesem Regime gestaltet haben. Sollten wir der Gefahr der weiteren Verdrängung entgehen wollen, hilft es eher, uns Auge in Auge gegenüberzusitzen und Wort gegen Wort auseinanderzusetzen, um wenigstens den Versuch zu wagen, einander zu verstehen. Ohne die persönliche Anwesenheit der Beteiligten wird es nicht gelingen, die historische Aufarbeitung in einem Prozess der Wiederannäherung verstrickter Menschen überzuführen. Und wie wäre es da mit einer in Interviews erarbeiteten Studie über die Opfer? . . .
Dr. med. Hans-Peter Foertsch, Bickbeernbusch 2, 29614 Soltau
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige