ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2008Praxisführung: Mit Kreativitätstechniken zur guten Idee

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Praxisführung: Mit Kreativitätstechniken zur guten Idee

Dtsch Arztebl 2008; 105(10): A-539 / B-483 / C-471

Letter, Karin; Letter, Michael

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LNSLNS Immer neue Herausforderungen im Praxisalltag erfordern immer neue Lösungsansätze, um die Existenz der Praxis langfristig zu sichern.

Die Suche nach der geeigneten Strategie, Privatpatienten zu gewinnen oder Kassenpatienten vom Nutzen einer medizinisch sehr sinnvollen Selbstzahlerleistung zu überzeugen, die Reaktion auf die permanenten Veränderungen in der Gesundheitspolitik, die Herausforderung, ein Qualitätsmanagement-(QM)-System einzuführen – alles das sind Aufgaben, die sich nur mit einer gehörigen Portion Kreativität bewältigen lassen. Arzt und Praxisteam sollten Probleme als zu lösende Aufgaben und Herausforderungen definieren, ist doch der Begriff „Problem“ in unserem Kulturkreis eher negativ besetzt. Eine Herausforderung hingegen ist eine interessante Situation, mit der man sich gern beschäftigt. Über diese positive Motivation ist es eher möglich, sein kreatives Potenzial zu entfalten.

Schwierige Situationen meistern zu können und die Überzeugung, über schöpferische Fähigkeiten zu verfügen, sind die Voraussetzungen der Kreativität. Für den Arzt heißt das: Er muss sich und seinen Mitarbeiterinnen zutrauen, Aufgaben kreativ lösen zu können. Hinzu kommen muss die Fähigkeit, eingefahrene Denk- und Verhaltensstrukturen aufzubrechen und den Prozess der kreativen Problemlösung in der Praxis zu organisieren. Dabei hilft die Kenntnis entsprechender Kreativitätstechniken.

Wenn ein Reiter rücklings auf seinem Pferd sitzt, warum nehmen wir dann automatisch an, er und nicht das Pferd sei verkehrt platziert? Erfolgreiche Problemlösungsprozesse beginnen damit, festgefügte Ansichten zu erschüttern. Nach dem Biochemiker Albert von Szent-Györgi beruht kreatives Denken darauf, „etwas Beliebiges wie jeder andere zu sehen, sich aber etwas ganz anderes dabei zu denken“. Die Kreativität in der Arztpraxis macht dann Fortschritte, wenn Arzt und Mitarbeiterinnen spielerisch an eine Problemlösung herangehen: das Selbstverständliche hinterfragen, provokativ sein, Analogien bilden. Ungewöhnliche Problemlösungen kommen zustande, indem man einen anderen Blickwinkel einnimmt: Ist der Arzt ein Mann – mit einer entsprechend „typisch männlichen Sichtweise“ –, so wechselt er mit fliegenden Fahnen in das Lager des weiblichen Geschlechts und betrachtet das aktuelle Problem aus einer eher „weiblichen Perspektive“.

Gute Ideen entstehen, wenn man das System verlässt, lautet der „erste Lehrsatz der Kreativität“. Dies wird durch die „Umkehrtechnik“ ermöglicht. Nehmen wir als Beispiel die Herausforderung, ein QM-System aufzubauen. Die Fragestellung lautet dann nicht: „Was müssen wir tun, um in alle Praxisabläufe höchste Qualität hineinzubringen und so Patienten zu begeistern?“, sondern umgekehrt: „Wie verhindern wir Qualität und verscheuchen so Patienten?“. Allein die Absurdität der Fragestellung setzt Gehirnzellen in Bewegung, die sonst brachliegen. So werden ungewöhnlich viele „Unsinnsideen“ geboren. Im zweiten Schritt dann überlegen sich die Problemlöser Gegenmaßnahmen: „Wie also bringen wir Qualität in alle Praxisabläufe?“

„Gehirnstürme“ werden entfacht, wenn der Arzt im Kreativ-Meeting Techniken einsetzt, die beim Team eine Denkblockade lösen. Zu den traditionellen Techniken gehört das Brainstorming. Dabei rufen die Teilnehmer ihre Ideen einer Person zu, die die Ideen notiert. Dabei gibt es keine „schlechten Ideen“; das gilt übrigens für alle kreativen Prozesse. Erst im zweiten Schritt steht die Bewertung und Kategorisierung der Ideen an, Wiederholungen werden aussortiert, die Realisten und kritischen Geister kommen zu ihrem Einsatz. Schließlich bleiben die Ideen übrig, die das Praxisteam für umsetzbar hält.

Durch die Reizwortanalyse kann das Brainstorming kreativ modifiziert werden. Dazu schlägt etwa der Arzt ein Lexikon oder einen Katalog an einer beliebigen Stelle auf, und das so gefundene „Reizwort“ wird hinsichtlich seiner Eigenschaften und Funktionen auf das zu lösende Problem bezogen. Welche Bilder lässt das Wort in den Köpfen des Teams entstehen? Was kann es zur Problemlösung beitragen? Das Reizwort fungiert als Impulsgeber für neue und „abwegige“ Brainstorming-Ideen.

Hilfreich ist auch die Walt-Disney-Strategie: Bei diesem Rollenspiel-Brainstorming nimmt jeder Teilnehmer verschiedene Rollen ein und ist zunächst der Visionär, der seiner Fantasie freien Lauf lässt und Ideen entwickelt. Schließlich tritt man als der realistische Macher auf, der nach den Umsetzungsmöglichkeiten einer Idee fragt. Zuletzt schlüpft man in das Kostüm des Kritikasters, der den Schwachpunkten der Idee nachspürt. Der Vorteil: Jeder Teilnehmer nutzt zum einen seine spezifischen Kreativitätsstärken (die kritische Mitarbeiterin darf sich als Fragestellerin austoben). Zum anderen jedoch wird so mancher realistische Arzt seine Fantasie-Ader entdecken. Und die Macherin unter den Mitarbeiterinnen überrascht durch ihre ungeahnte visionäre Kraft.

Bei der 635-Methode erhalten sechs Personen (falls vier Mitarbeiter mitmachen, handelt es sich eben um die 435-Methode) je ein Formblatt und notieren dort in fünf Minuten drei Ideen. Dann werden die Listen weitergereicht. Jeder notiert wieder drei Ideen in fünf Minuten. Der Prozess ist abgeschlossen, sobald alle Listen an ihrem Ausgangspunkt zurückgekehrt sind. In nur 30 Minuten haben sich 108 Ideen angehäuft, bei vier Personen in 20 Minuten immerhin 48 Gedankenblitze. Schließlich streicht das Team Doppelungen und prüft die verbleibenden Ideen hinsichtlich ihrer Realisierbarkeit.

Wichtig ist stets: Der Kreativphase muss die Umsetzungsphase mit der Festlegung der konkreten Umsetzungsmaßnahmen und der Aufgabenverteilung folgen. Am Schluss sollten alle Beteiligten wissen, was zu tun ist, damit die Ideen den Weg von der Theorie in die Praxis finden.
Karin und Michael Letter
E-Mail: info@5medical-management.de
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