ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2008Von schräg unten: Zivilisation

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zivilisation

Dtsch Arztebl 2008; 105(10): [112]

Böhmeke, Thomas

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Eigentlich sind sie mir so willkommen wie Nachzahlungen an die Ärzteversorgung oder Beitragssteigerungen meiner Krankenkasse, trotzdem hilft keine Abwehrspannung gegen sie: die frechen Neffen. „Onkel Thomas, ich habe in einer Zeitschrift gelesen, dass ihr niedergelassenen Ärzte völlig unfähig seid, etwas gegen die Zivilisation zu tun!“ Das klingt wie ein verhedderter Stacheldraht in meinem Gehörgang, daher bitte ich um präzisere Erläuterung. „Also, Onkel Thomas, da stand drin, dass ihr völlig versagt, wenn die Leute zu fett und zu dick sind und dauernd rauchen!“ Aha, es geht also um die Sekundärprävention von Zivilisationserkrankungen. Nun, diesmal gibt diese Zeitschrift den Sachverhalt völlig korrekt wieder, und zwar begründet sich dieses ärztliche Versagen durch die Meinungsfreiheit sowie die Errungenschaft des Internets. Die lieben Neffen sind für einen Moment so verblüfft, dass ich mich in ihrer motorischen Aphasie suhlen kann wie ein Helicobacter pylori im Schleim der Magenwand. Aber leider nur für einen kurzen Moment. „Ach, was erzählst du wieder für einen gedrillten Müll!“ Nein, nein, dem ist tatsächlich so. Schließlich gibt es mittlerweile Portale im Internet, in denen Doktoren benotet werden können wie Schuljungen in der Mittelstufe – „Ist ja auch richtig so!“ – oder Grazien beim Eislaufen – „Wurde auch langsam Zeit!“. Das Problem ist nur, dass man einem typischen Exponenten unserer Zivilisation, also einem übergewichtigen, rauchenden, hypertonen Diabetiker kaum beikommen kann, wenn man nur Süßstoff erzählt. Welcher einem in den besagten Internetportalen die guten Noten bescheren würde. Wenn man jedoch dem betroffenen hypertonen Diabetiker mit klaren Worten ins Gewissen grätscht, dass er geradewegs auf einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder eine Amputation zusteuert, falls er nicht seine Lebensweise ändert, dann läuft man ein hohes Risiko, dass er völlig beleidigt ist. Sind diese Menschen doch der Meinung, dass ihr Übergewicht von den schweren Knochen kommt und der schlechte Zucker von den Genen. Und – schwupps – landet man wegen allzu harter Risikofaktorenschelte am Pranger dieses Internetportals als miesester anzunehmender Arzt. Was keiner von uns Doctores wirklich will. Früher, also vor den Zeiten des Internets, haben wir Ärzte unseren Patienten noch unsere ehrliche Meinung sagen können, da haben wir sie auch noch vor all diesen schlimmen Folgeerkrankungen bewahren können, aber heute . . . wenn man für die Wahrheit öffentlich verprügelt wird . . . tja, das ist halt der Preis für Blümchenreden und Weichspülen bei Zivilisationssünden . . . aber was sollen wir machen . . . so sind halt die Zeiten . . .

Der Neffe zündet sich eine Zigarette an und ruft auf seinem Mobiltelefon einen Lieferservice an, um sich eine Doppelportion Currywurst-Pommes-Mayo zu bestellen.

Oh liebstes Neffelchen, denke an dein Cholesterin und esse vielleicht doch ein bisschen mehr Salat, flöte ich.

„Onkel Thomas, du bist auch schon so ein korrumpiertes A. . . , das einem nicht mehr ehrlich die Meinung sagen kann und Schiss vor der öffentlichen Meinung hat!“

Schlechte Zeiten. Noch nicht mal die Verwandtschaft hat Verständnis für einen.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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