ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2008Männer und Gesundheit: Konkurrenz, Karriere, Kollaps

EDITORIAL

Männer und Gesundheit: Konkurrenz, Karriere, Kollaps

Bühring, Petra

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LNSLNS Alice Schwarzer möge doch bitte ihren Platz räumen – 20 Jahre lang hätten die Frauen die Gesundheitsthemen dominiert, jetzt solle man sich doch um den Mann kümmern, forderte Prof. Dr. Lothar Weißbach von der Stiftung Männergesundheit bei der Vorstellung des aktuellen Gesundheitsreports der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK). Ein bisschen Polemik sieht frau einem Mann in dieser Funktion schon nach – aber muss jetzt tatsächlich ein vermeintlich schwaches Geschlecht speziell versorgt werden? Sollen Männerärzte, Männergesundheitstage und Psychotherapeutinnen, die gelernt haben, dass Gefühlsabwehr eigentlich der Versuch ist, die männliche Identität aufrechtzuerhalten, das Land überziehen? Wir brauchen sicherlich keine Männerbewegung – doch Kenntnis darüber, warum Männer häufiger als Frauen selbstschädigendes (Alkohol- und Zigarettenkonsum) und risikoreiches Verhalten (beim Sport, im Straßenverkehr) an den Tag legen, sich ungesünder ernähren und deutlich weniger Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen, ist wichtig, um gegenzusteuern.

Dieses Verhalten drückt sich zunächst ganz profan in Zahlen aus, die beispielsweise die DAK für ihren Schwerpunkt Männergesundheit ermittelte. Die Zahl der Krankheitstage aufgrund von Herzinfarkt übertraf 2007 die der Frauen um das Fünffache. An Lungenkrebs und alkoholbedingter Leberzirrhose starben doppelt so viele Männer wie Frauen. Sie waren fünfmal so häufig wegen Schlafstörungen im Krankenhaus. Bei Männern ist außerdem die Zahl der Fehltage wegen psychischer Störungen, hauptsächlich wegen Depressionen, stark angestiegen: seit dem Jahr 2000 um 18 Prozent.

Die DAK befragte Experten zu den Gründen für das gesundheitsschädigende Verhalten. Fast alle argumentieren mit rollentheoretischen Ansätzen: die traditionelle Geschlechterrolle beinhalte einen wenig rücksichtsvollen Umgang mit der eigenen Gesundheit. Belastungen würden nicht als Beanspruchung, sondern als gelungene Herstellung von Männlichkeit empfunden. „Konkurrenz, Karriere, Kollaps“ sind die drei Ks der Männer. Gegengesteuert werden soll mit interdisziplinären Männersprechstunden, die auch Psychologen mit einbeziehen, und mit Präventionsangeboten im Betrieb, um die Vorsorgemuffel sicher zu erreichen.

Bei solchen betriebsmedizinischen Untersuchungen könnten auch Routine-Sreenings auf Depression eingebaut werden, denn die ist nach Ansicht der Experten bei Männern immer noch unterdiagnostiziert. Die Statistiken weisen für Frauen eine wesentlich höhere Prävalenz aus, obwohl Männer mit 63 Prozent aller Sterbefälle durch Suizid mehr als die Hälfte ausmachen. Die männertypischen Symptome einer Depression, wie aggressives Verhalten, Feindseligkeit, Gereiztheit, Unruhe oder geringe Stresstoleranz, würden häufig besonders von Hausärzten nicht erkannt. Zudem neigten Männer dazu, ihre Symptome nicht wahrzunehmen, sie zu bagatellisieren oder zu verleugnen. Eine Rolle spielten auch das Ausblenden psychischer Probleme in der ärztlichen Kommunikation mit männlichen Patienten sowie der Genderbias bei der Diagnosezuweisung. Geschlechtspezifische Elemente in Diagnostik und Therapie sind deshalb wichtig – allerdings für beide Geschlechter.

Alice Schwarzer hat übrigens vor Kurzem tatsächlich ihren Chefredakteursessel bei „Emma“ freigemacht. In der feministischen Zeitschrift dürfen sich inzwischen auch Männer auslassen, was vor 30 Jahren noch undenkbar war. Denn wie sang schon Herbert Grönemeyer: „Männer sind so verletzlich, sind auf dieser Welt einfach unersetzlich.“

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