ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2008Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Joseph Beuys – Zwölftausend!

KUNST + PSYCHE

Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Joseph Beuys – Zwölftausend!

PP 7, Ausgabe März 2008, Seite 98

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Die unscheinbare kleine Holzkiste gehört zu den bekanntesten Werken von Joseph Beuys. Von 1968 bis 1985 wurden circa 12 000 Exemplare produziert. In jede der von einem Schreiner angefertigten Kisten schrieb Beuys eigenhändig mit einem Bleistift das Wort „Intuition“, darunter zeichnete er eine beidseitig mit einem senkrechten Strich begrenzte Linie. Etwas tiefer befindet sich eine links zaghaft, kaum sichtbar beginnende Linie, die kräftiger werdend auf der rechten Seite ebenfalls mit einem senkrechten Strich endet. Während der obere Strich, die klar begrenzte Strecke, als Sinnbild für logisches Denken gesehen werden kann, entspräche der untere dem Verlauf eines intuitiven, kreativen Prozesses. Dieser beginnt im Ungefähren, Unbewussten, wenig Fassbaren, führt dann aber ebenfalls zu einem klaren Ende, einem Entschluss „aus dem Bauch“. Für Beuys war es stets wichtig, auf die Begrenztheit rein logischen Denkens hinzuweisen. Immer wieder betonte er die Notwendigkeit einer Wieder-Anbindung unseres Denkens und Handelns an unbewusste und vorbe-wusste Prozesse, an die individuelle wie auch kollektive Vorgeschichte. Welche große Bedeutung Intuition, „laterales Denken“ et cetera für Entscheidungen in der Psychotherapie, in den Wissenschaften und selbst im nüchternen Geschäftsleben haben, ist heute allgemein anerkannt. Dass Beuys eine Holzkiste – statt einem Blatt Papier – wählte, um seine kleine Zeichnung zu transportieren, eröffnet zahlreiche weitere Assoziationsmöglichkeiten. Die leere Kiste kann zum Beispiel als Aufforderung verstanden werden, sie zu nutzen, mit Notizzetteln oder Gegenstän-den zu füllen. Sie kann aber auch leer bleiben als ein stets offenes Gefäß für die immateriellen Ideen.
Hartmut Kraft


Biografie Joseph Beuys
Geboren 1921 in Krefeld. Nach Teilnahme am Zweiten Weltkrieg 1947–1951 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Ewald Mataré, von 1961–1972 Professur dort. Mit seinen „Aktionen“, seiner Vorstellung eines „erweiterten Kunstbegriffs“ und der Einführung neuer Materialien (Fett, Filz, Schwefel et cetera) hat er als Künstler und als Lehrer großen Einfluss auf die Entwicklung der Kunst genommen. Erster deutscher Künstler, dem das Guggenheim-Museum in New York 1979 eine Einzelausstellung einrichtete. Ausgedehnte politische Tätigkeit, unter anderem bei den Grünen. Gestorben 1986 in Düsseldorf.

Literatur
Gigerenzer G: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. Bertelsmann, Gütersloh 2007.
Schellmann J (Hrsg.): „Joseph Beuys. Die Multiples“. Werkverzeichnis der Auflagenobjekte und Druckgraphik 1965–1986. Edition Schellmann, München und New York, 7. Aufl. 1992.
Schmieder P: unlimitiert. Der Vice-Versand von Wolfgang Feelisch.
Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 1998.

Ergänzung zu PP, Heft 02/2008:
Die Geburts- und Todesdaten des Künstlers Siegfried Kischko (Kunst + Psyche) sind inzwischen bekannt. Kischko wurde 1924 in Rastenburg geboren. Er starb 1991 in Berlin.
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