ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2008Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: Vorstand bemängelt formale Fehler bei Auftragsvergaben

POLITIK

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: Vorstand bemängelt formale Fehler bei Auftragsvergaben

PP 7, Ausgabe März 2008, Seite 106

Gerst, Thomas; Rieser, Sabine

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LNSLNS 71 Aufträge wurden unter die Lupe genommen, sechs waren nicht korrekt
vergeben worden. Zu diesem Ergebnis kamen Wirtschaftsprüfer. Was für die Zukunft schwerer wiegt: Es mangelt an geeigneten, unabhängigen Gutachtern.

Einen Schlussstrich unter die „IQWiG-Affäre“ hat dessen Vorstand gezogen. Er nahm ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO zur Auftragsvergabe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zustimmend zur Kenntnis. Darüber hinaus wurden die Vergaberegeln strenger gefasst. Der Leiter des IQWiG, Prof. Dr. med. Peter T. Sawicki, wurde wegen formaler Fehler ermahnt. Gleichzeitig sprach ihm der Vorstand aber sein Vertrauen aus. Denn eine persönliche Vorteilsnahme sei nicht festzustellen. Auch seien in allen Fällen entsprechende Gegenleistungen für die gezahlten Gelder erbracht worden.

IQWiG-Vorstandsmitglied Gernot Kiefer, hauptberuflich Vorstand des Bundesverbands der Innungskrankenkassen, erläuterte, dass von 71 überprüften Aufträgen sechs als kritisch eingestuft worden seien. Drei davon betreffen das Deutsche Institut für evidenzbasierte Medizin (DIeM). Dessen Mitinhaber ist Sawicki früher gewesen, seine Ehefrau ist weiterhin daran beteiligt. Moniert wurde unter anderem, dass das DIeM als Unterauftragsnehmer mit an Expertisen beteiligt war, ohne dass der IQWiG-Vorstand vereinbarungsgemäß darüber informiert wurde. In drei weiteren Fällen wurden vom IQWiG unter anderem Aufträge an Institutionen vergeben, ohne dass der Vorstand diese wie vorgesehen wegen ihres Volumens genehmigt hatte.

„Es handelt sich um formale Fehler“, stellte Kiefer allerdings klar. Die Auftragsvergabe des IQWiG habe anfangs „Schwächen gezeigt“, weil das Institut noch nicht vollständig besetzt war, aber rasch mit der Arbeit beginnen sollte. Kiefer betonte: „Das Vertrauensverhältnis mit Herrn Sawicki ist weiterhin gegeben.“

Auch Vorstandsmitglied Dr. med. Andreas Köhler, hauptberuflich Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, äußerte sich abgewogen: „Es sind Fehler gemacht worden, das will der Vorstand nicht beschönigen.“ Allerdings sei es in Deutschland auch schwer, unabhängige Wissenschaftler zu finden: „Es gibt Gutachter, die sich nicht mehr trauen, Aufträge anzunehmen, weil der Druck der Industrie so groß ist.“ Aus den Universitäten heraus kämen kaum Bekundungen, als Gutachter für das IQWiG arbeiten zu wollen. „So kann es nicht weitergehen“, befand Köhler. Man müsse zudem die Frage beantworten, wie das IQWiG sich ein Netz von kompetenten Wissenschaftlern aufbauen könne, ohne dass zugleich Abhängigkeiten entstünden.

Erfahrungen als Gutachter für das IQWiG hat Prof. Dr. med. Andreas Engert von der Universität zu Köln gesammelt. Er ist als „Coordinating Editor“ der Cochrane-Haematological-Malignancies-Gruppe in Deutschland erfahren darin, neue medizinische Verfahren so zu bewerten, wie es auch das IQWiG fordert. Engert hatte sich als Gutachter für den Vorbericht zur Stammzelltransplantation bei akuten Leukämien beim IQWiG beworben, wohl wissend, dass dies Äger geben könnte. Den gab es dann in der Tat.

Umgehend Ärger mit der Fachgesellschaft
Als der Vorbericht erschien, sah sich der Experte der geballten Kritik seiner Fachgesellschaft ausgesetzt, der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie. Denn Gutachter des IQWiG bleiben nur so lange anonym, bis der Vorbericht veröffentlicht wird. Engerts Fachkollegen warfen ihm vor, sich nicht rechtzeitig mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Nur: Ein solcher Austausch ist gemäß den Vertragsbedingungen des IQWiG gar nicht erlaubt. Engerts Fazit: „So viel Mühe man sich auch gibt, man läuft als IQWiG-Gutachter Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten.“

Trotzdem ist der Kölner Wissenschaftler überzeugt von der Grundidee des IQWiG: „Anderenfalls ist man auf das angewiesen, was uns die Industrie erzählt.“ Die Pharmaindustrie habe gleichwohl in seinem Fall keinen Druck ausgeübt. Was auch daran liegen mag, dass das zu begutachtende Verfahren für Pharmafirmen nicht allzu relevant ist. Dennoch gilt das IQWiG in Fachkreisen als überzogen pharmakritisch. „Als Gutachter wird man deshalb bereits unter Anfangsverdacht gestellt“, weiß Engert.
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