ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2008Geschlechtstests: Kein Export nach China und Indien

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Geschlechtstests: Kein Export nach China und Indien

PP 7, Ausgabe März 2008, Seite 107

Klinkhammer, Gisela

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Umstritten: der Geschlechtstest der Firma Plasmagen AG (www.maedchenoderjunge.de)
Umstritten: der Geschlechtstest der Firma Plasmagen AG (www.maedchenoderjunge.de)
Der Test der Plasmagen AG zur Geschlechtsbestimmung stieß auf scharfe Kritik. Die Firma hat daraus inzwischen Konsequenzen gezogen und nimmt Stellung zu den Bedenken.

Seit gut einem Jahr ist ein Test zur Geschlechtsbestimmung beim ungeborenen Kind auf dem Markt. Mit dem molekulargenetischen „Gendertest“ der Kölner Firma Plasmagen AG kann durch eine einfache Blutentnahme bei der werdenden Mutter das Geschlecht des Kindes mit 99-prozentiger Sicherheit bestimmt werden. Innerhalb von zwei bis acht Tagen, nachdem vier Milliliter EDTA-Blut der Patientin an das Labor von Plasmagen geschickt wurden, erhält der Arzt die streng vertrauliche Auswertung.

In einem Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt wurde dieser Test von Prof. Dr. med. Heribert Kentenich und Dr. med. Katharina Refardt, Berlin, scharf kritisiert (DÄ, Heft 36/2007). Sie schlossen sich der Argumentation der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik an, die in der frühzeitigen Geschlechtsbestimmung ein großes Problem sieht. Es bestehe die Gefahr, dass vermehrt Babys des unerwünschten Geschlechts aus nicht medizinischer Indikation während der gesetzlichen Frist von zwölf Wochen abgetrieben würden. Um einem Missbrauch entgegenzuwirken, hatte der 110. Deutsche Ärztetag die Anwendung neuer Labortests zur Geschlechtsbestimmung ohne ärztliche Indikation vor Ablauf der zwölften Schwangerschaftswoche post conceptionem abgelehnt. Des Weiteren sprach er sich gegen eine durch den Testbefund mögliche Geschlechtsselektion mittels eines Schwangerschaftsabbruchs aus.

Abwicklung über Frauenärzte
Florian Funken, Vorstandsvorsitzender der Plasmagen AG, teilte als Reaktion auf den Beitrag mit, dass die Firma sich bemühe, „jegliches Missbrauchspotenzial auszuschließen“. So sei der Test bislang ausschließlich über Frauenärzte abgewickelt worden, „und diese gaben das Ergebnis erst nach der zwölften Schwangerschaftswoche nach Empfängnis weiter“. Da es dazu allerdings – außer in Bayern – keine gesetzliche Verpflichtung gebe „und offenbar die Berufsverbände und Ärztekammern teilweise ihren Mitgliedern diese Ergebnishandhabung nicht zutrauen beziehungsweise ihnen unsere Vorgehensweise nicht bekannt war“, sei es zu dem Beschluss des Ärztetages und dem Beitrag von Kentenich und Refardt gekommen.

Darin hieß es, dass in einigen Ländern, zum Beispiel in Indien und China, Mädchen systematisch abgetrieben oder bei künstlicher Befruchtung vor der Übertragung in den Mutterleib selektiert würden. Es gebe Hinweise, wonach vor allem in Berlin gezielt Gynäkologen mit ausländischen Patientinnen von der Plasmagen AG beworben worden seien. Das wird von dem Unternehmen dementiert: „Wir haben im Dezember 2006 alle öffentlich verzeichneten Frauenärzte angeschrieben und alle in den Großstädten verzeichneten Frauenärzte zwecks Versand unserer Fachinformationen im Laufe des Jahres 2007 telefonisch angesprochen. Dabei wurde keine Auswahl getroffen. Auch zeigt die sehr geringe Anzahl der ausländischen Patientinnen, die uns bisher etwa in Berlin mit der Durchführung von Gendertest beauftragten, dass weder Berlin noch eine andere Region von uns aufgrund ihrer Ausländerdichte angesprochen wurde.“ Nach China und Indien würde Plasmagen auf keinen Fall exportieren, der Test sei ausschließlich in Deutschland und Österreich erhältlich. Kentenich und Refardt halten dies zunächst für beruhigend. „Da aber einmal entwickelte Tests weltweit angewandt werden können, bleibt die Verfügbarkeit eines solchen Tests weltweit gerade für Länder, in denen eine kulturbedingte Geschlechtsselektion stattfindet, höchst bedenklich“, schreiben sie.

Funken teilte weiterhin mit, dass Gendertest seit dem 1. November 2007 aufgrund des Ärztetagsbeschlusses umgestellt worden sei. „Die Patientinnen können seitdem die Blutproben ab der zehnten Schwangerschaftswoche post menstruationem bei ihrem Frauenarzt entnehmen lassen, und die Testdurchführung erfolgt in unserem von der Deutschen Akkreditierungsstelle Chemie akkreditierten Labor frühestens in der 14. Schwangerschaftswoche p. m. Der Frauenarzt bekommt das Ergebnis von Gendertest erst nach Ablauf der 14. Schwangerschaftwoche p. m. schriftlich mitgeteilt und kann es nun sofort an die Patientin weitergeben.“ Refardt und Kentenich begrüßen diese „spontane Reaktion auf den Beschluss des Deutschen Ärztetages“. Sie halten dennoch den Test „aus medizinischer und biopsychosozialer Sicht für überflüssig“ sowie nach wie vor für „ethisch höchst fragwürdig“.
Gisela Klinkhammer
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