ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2008Karl Jaspers: Psychopathologie und Existenzphilosophie

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Karl Jaspers: Psychopathologie und Existenzphilosophie

PP 7, Ausgabe März 2008, Seite 110

Goddemeier, Christof

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Foto: picture-alliance/max ppp
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Vor 125 Jahren wurde der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers geboren.

Sein Name ist in der Psychiatriegeschichte vor allem mit dem Werk „Allgemeine Psychopathologie“ verbunden. Damit wurde die Psychopathologie als eigenes Arbeitsgebiet mit methodologischer Ausrichtung und philosophischem Hintergrund zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem eigenen Wissenschaftsgebiet. In der Philosophiegeschichte steht der Existenzphilosoph Jaspers für ein breites und weitgehend geschlossenes System, das, wie die übrige Existenzphilosophie, vor allem von Søren Kierkegaard beeinflusst ist. Dabei sah Jaspers wenig Gemeinsamkeiten mit anderen Vertretern dieser Denkrichtung. In Jean-Paul Sartres Philosophie fand er das Gegenteil seines Denkens: den radikalsten Versuch, die Existenz des Menschen als Selbsterschaffung aus dem Nichts zu deuten. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte Jaspers mit politischen Schriften Einfluss auf die „innere geistig-sittliche Verfassung“ in Deutschland zu nehmen.

Am 23. Februar 1883 wird Karl Jaspers in Oldenburg i. O. geboren. Die Familie ist wohlhabend, der Vater Direktor der Spar- und Leihkasse. Bereits der Gymnasiast zeigt eine unbestechliche Unabhängigkeit im Denken, die in der Oberstufe zu Konflikten führt. Seinen „Geist der Opposition“ gegen „Gehorsamssinn (. . .) und wichtigtuerischen (. . .) Philologengeist“ bezeugt Jaspers noch bei der Abschiedsfeier. Als der Direktor ihn auffordert, die lateinische Rede zu halten, lehnt er ab, „weil wir so viel Latein gar nicht gelernt haben, dass wir lateinisch sprechen können; diese künstlich vorbereitete Rede ist eine Täuschung des Publikums“. Der Direktor entlässt Jaspers mit den Worten: „Aus Ihnen kann ja nichts werden, Sie sind organisch krank!“

1901 diagnostiziert Dr. Albert Fraenkel bei Jaspers Bronchiektasen der Lunge und eine sekundäre Herzinsuffizienz – eine Erkrankung, die Jaspers’ Leben fortan wesentlich bestimmt: Verzicht auf jede physische Anstrengung und regelmäßige Hygiene des Bronchialtrakts, um Infektionen vorzubeugen. Damit sind früh die Weichen gestellt: „In der geistigen Tätigkeit liegt doch die einzige Wirkungsmöglichkeit für mich.“ Jaspers studiert zunächst Jura, dann Medizin und promoviert 1908 mit einer Studie über „Heimweh und Verbrechen“. Ein Jahr zuvor hat er Gertrud Mayer kennengelernt, 1910 heiraten die beiden. Bereits während des Studiums ist Jaspers klar geworden, dass die Psychiatrie für das Verstehen das „schwierigste Gebiet der Medizin“ ist. 1909 beginnt er seine Tätigkeit als Assistent an der Heidelberger Psychiatrischen Klinik. Wegen seiner Krankheit wird er von regelmäßiger Arbeit freigestellt und kann sich ganz seiner Forschung widmen. Dafür verzichtet er auf jegliches Gehalt.

Anfang des 20. Jahrhunderts befindet sich die Psychiatrie auf dem Stand klinischer Empirie ohne einheitliches wissenschaftliches Sys-tem. Theodor Meynert und Carl Wernicke stehen für eine positivistisch-naturwissenschaftliche Psychiatrie, die im Seelischen lediglich ein Epiphänomen somatischer Vorgänge sieht: Wissenschaftlich könne vom Psychischen nur geredet werden, wenn es anatomisch, körperlich vorgestellt werde. Solche Annahmen entlarvt Jaspers in seiner „Allgemeinen Psychopathologie“ (1913) als „durchaus fantastisch“, „Hirnmythologien“ und „somatisches Vorurteil“: Nicht ein einziger Hirnvorgang sei bekannt, der einem bestimmten seelischen Vorgang als Parallelerscheinung zugeordnet wäre. Um vom Seelischen wissenschaftlich zu sprechen, ist demnach ein neuer methodologischer Ansatz erforderlich. Jaspers findet ihn in der Phänomenologie des Philosophen Edmund Husserl: „Die Phänomenologie hat die Aufgabe, die seelischen Zustände, die die Kranken wirklich erleben, uns anschaulich zu vergegenwärtigen, (. . .) sie möglichst scharf zu begrenzen, zu unterscheiden und mit festen Termini zu belegen.“ Damit ist sie bei Jaspers, wie in den Frühschriften Husserls, vor allem deskriptiv, weitgehend frei von Vorurteilen und theoretischen Voraussetzungen. Ihm zufolge gibt es in der Psychopathologie nämlich kein einheitliches theoretisches System wie in den Naturwissenschaften: „Eine Theorie, die die ,richtige‘ wäre, ist nicht möglich.“ So sind Theorien für Jaspers „unumgängliche Irrtümer“: „Sie müssen geschehen, um überwunden zu werden.“ Ein wesentlicher Grund für diese Kritik liegt nicht zuletzt im Gegenstand der Psychologie selbst. Ihr Gegenstand ist der Mensch. Jede menschliche Äußerung versteht Jaspers als Erscheinung eines unbekannten, unendlichen Ganzen. So will seine Psychologie die „Unendlichkeit jedes Individuums“ respektieren und von jeder „theoretischen Vergewaltigung“ (Saner) freihalten.

Von Wilhelm Dilthey übernimmt Jaspers die Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen. Dilthey hatte die beiden Methoden auf die Formel gebracht: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ Jaspers unterscheidet zudem statisches Verstehen (Beschreiben, Abgrenzen, Benennen) und genetisches Verstehen. Mittels diesem verstehen wir, wie Seelisches aus Seelischem hervorgeht: „Der Angegriffene wird zornig und macht Abwehrhandlungen, der Betrogene wird misstrauisch.“ Die Psychologie tut beides, sie erklärt und versteht; wesentlich ist, dass sie sich darüber im Klaren ist. Sie erklärt etwa alle Dinge, die sie als außerpsychisch betrachtet. Während dem Erklären keine prinzipiellen Grenzen gesetzt sind, ist das Verstehen eingeschränkt durch die Grenzen des Einfühlungsvermögens und der Einfühlbarkeit.

Jaspers wird Philosoph
Mit der „Allgemeinen Psychopathologie“ ist Jaspers’ Tätigkeit in der Psychiatrie an ein Ende gekommen. 1913 habilitiert er sich mit dieser Schrift und wird drei Jahre später Professor in Heidelberg, zunächst für Psychologie, ab 1920 für Philosophie. Das Werk „Psychologie der Weltanschauungen“ (1919) markiert den Übergang vom philosophierenden Arzt zum Philosophen. Jaspers ist in einer schwierigen Situation. Zwar bahnt sich sein Weg in die Philosophie seit Jahren an, doch hat er sie nie als akademisches Studium betrieben. Mit diesem „Mangel“ muss er sich neben Heinrich Rickert, dem bedeutendsten Schulphilosophen der Zeit, behaupten, und der macht es ihm nicht eben leicht.

Mit Martin Heidegger verbindet Karl Jaspers zunächst ein „Hindenken zum Sein“ und eine mehrjährige freundschaftliche Korrespondenz, die mit Heideggers Rektoratsrede in Freiburg 1933 ein Ende findet. Was ist dieses Sein? Alle Versuche, es mittels einer Kategorie zu fassen, erheben eine bestimmte Art vorkommenden Seins zum Sein schlechthin. Das ist jedoch unmöglich. Das Sein selbst ist ungreifbar. Alles Sein, das wir wissen können, ist nicht das Sein. Jaspers nennt dieses Sein „das Umgreifende“, ein bildhaftes Wort für das Bildlose. Weil wir es nie als Ganzes überblicken können, kann es nur als Grenze bewusst werden. Jedes Philosophieren drängt nun über diese Grenze hinaus, um zu erfahren, was das Sein ist und was wir selbst sind. In „Grenzsituationen“ erlebt der Mensch seine Ohnmacht und sein grundsätzliches Scheitern. Solche Grenzsituationen sind etwa Leid, Schuld und Tod – Situationen, die nicht verändert oder umgangen werden können, Situationen, in denen Existenz sich unmittelbar verwirklicht: „Grenzsituationen erfahren und Existieren ist dasselbe.“ Viktor E. Frankl nennt diese Grundphänomene menschlichen Daseins die „tragische Trias“. „Existenzerhellung“ ist Jaspers zufolge nur möglich, wenn der Mensch die Grenzsituation annimmt, in sie „eintritt“ und sie als individuelle Aufgabe begreift. Versuche, der Grenzsituation zu entgehen, nennt er „Ausweichen“ und „Verschleiern“. Während Frankl der „tragischen Trias“ einen je konkreten Sinn abzugewinnen sucht, verwirklicht Existenz sich Jaspers zufolge gerade nicht durch die Befreiung von der Schwere mittels eines Sinnbezugs. Indem der Mensch in die Grenzsituation eintritt, setzt er vielmehr selbst einen Sinn angesichts des Scheiterns. Dabei ist der Weg zur Existenz kein Weg des Einzelnen in seiner Einsamkeit. „Kommunikation“ ist ein weiterer, wesentlicher Begriff in Jaspers’ Philosophie: „Ich muss veröden, wenn ich nur ich bin.“ Philosophisch wahr ist ihm ein Gedanke „in dem Maß, als der Denkvollzug Kommunikation fördert“: „Wahrheit ist, was uns verbindet.“

Gegenüber der Psychoanalyse verhält Jaspers sich zunächst reserviert. Später kritisiert er die Lehre Sigmund Freuds heftig und teilweise polemisch: Sie sei ein „verwirrendes Durcheinander psychologischer Theorien“ und eine „weltanschauliche oder Glaubensbewegung“. Nicht einverstanden ist Jaspers zudem mit Freuds Annahme, „ungefähr alles Seelische auf Sexualität (. . .) als die einzige primäre Kraft (. . .) zurückführen zu können“. Jaspers seinerseits übergeht das Thema Sexualität nahezu vollständig.

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hält Jaspers zunächst für eine „Operette“ und hofft auf ein schnelles Ende. Doch bald gilt er als Staatsfeind – seine Frau ist Jüdin, und eine Trennung kommt für ihn nicht infrage. 1937 wird er von der Universität ausgeschlossen, ab 1943 darf er nicht mehr publizieren. Acht Jahre lang lebt das Ehepaar Jaspers in täglicher Angst vor einer drohenden Deportation. Im März 1945 erfährt Jaspers, dass der Abtransport für den 14. April vorgesehen sei. Dazu kommt es nicht – am 30. März besetzen die Amerikaner Heidelberg.

Nach dem Ende des Dritten Reiches beteiligt Jaspers sich am Wiederaufbau der Heidelberger Universität. Mit Dolf Sternberger gründet er die Zeitschrift „Die Wandlung“, Gesprächsforum einer sittlich-politischen Erneuerung. 1948 nimmt Jaspers einen Ruf nach Basel an. Erst Jahrzehnte später spricht er öffentlich von den Gründen: Neben dem Wunsch, sein weiteres Leben ganz der Philosophie zu widmen, wollte er seiner Frau, die „unter den Gespenstern der Vergangenheit (. . .) unendlich litt“, nicht zumuten, länger in Deutschland zu leben. Am 26. Februar 1969 ist Karl Jaspers in Basel gestorben.
Christof Goddemeier
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