ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2008Image von Psychotherapeuten: Das „Psycho“-Stereotyp ist männlich

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Image von Psychotherapeuten: Das „Psycho“-Stereotyp ist männlich

PP 7, Ausgabe März 2008, Seite 112

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Das Image von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern in der Öffentlichkeit ist wenig differenziert und geprägt von Vorurteilen.

Wie werden Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater in den Medien dargestellt? Welches Bild hat die Öffentlichkeit von diesen Berufsgruppen? Dr. Kirsten von Sydow, Privatdozentin an der Universität Hamburg und niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, erforscht seit Jahren das Public Image der „Psycho“-Berufe. Sie kam unter anderem zu folgenden Ergebnissen:

- Wenig Wissen, wenig Differenzierung: In den Medien wird in der Regel nicht zwischen verschiedenen „Psycho“-Berufsgruppen differenziert. Alle „Psychos“ werden dort assoziiert mit Psychoanalyse, Hypnose und Elektrokrampftherapie. Auch Patienten wissen nur wenig über unterschiedliche Kompetenzbereiche von „Psycho“-Professionen: So nimmt etwa ein Drittel an, Psychologen dürften Psychopharmaka verschreiben. Darüber hinaus kennt die Mehrheit der deutschen Bevölkerung persönlich keinen Psychologen.

- Ineffizient und selbst behandlungsbedürftig: In den Medien (zum Beispiel in Filmen) gelten „Psychos“ und Psychotherapie insgesamt als wenig effektiv oder sogar als gefährlich. Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern wird unterstellt, sie hätten selbst einen „Tick“. Verbreitete Vorstellungstypen sind hilflose Neurotiker, sexuell, narzisstisch oder finanziell ausbeutende, gefährliche Missbraucher, die ihre Klienten schädigen, und/ oder kompetente, warme, intellektuelle Elternfiguren. Insofern bestehen mehrere, sich überlagernde und widersprechende Stereotype nebeneinander.

- Geschlechterbias: Das „Psycho-Stereotyp“ ist seit Jahrzehnten nahezu unverändert und über alle Medien hinweg männlich. Damit verkennt die öffentliche Darstellung von „Psychos“ die Realität, wonach immer mehr Frauen in „Psycho“-Berufen arbeiten.

- Sigmund Freud und Alternativbewegung: „Psychos“ werden in den Medien am häufigsten Sigmund-Freud-artig dargestellt, das heißt als Mann mittleren Alters mit Brille und Vollbart, weniger werdenden grauen oder weißen Haaren und seriöser Kleidung. Der zweithäufigste Typus in der medialen Darstellung ist der „Öko“, der gekennzeichnet ist durch alternative Kleidung. Die Männer tragen Vollbart und längere Haare, und auch die Frauen sind meist langhaarig und zum Teil mit Symbolen der Frauenbewegung (zum Beispiel Frauen-zeichen, lila Farbe) ausgestattet. Der dritte Typ ist der „Intellektuelle“. Er ist jünger oder im mittleren Alter, trägt seriöse und modische Kleidung (zum Beispiel Kostüm, Anzug) und ist häufig Brillenträger (Brille mit Goldrand). Der vierte Typ ist der „Neurotiker“, charakterisiert durch zerzauste Haare, verwahrlostes Äußeres und ungepflegte Kleidung.

- Psychoanalyse und Wunderheilung: „Psychos“ werden häufig im Gespräch mit Klienten dargestellt, wobei angenommen wird, dass sich die Gespräche auf die Kindheit der Klienten und ihre Mutterbeziehung konzentrieren und dass psychoanalytische Konzepte, wie zum Beispiel „das Unbewusste“, bedeutsam sind. Während der Gespräche liegt der Klient meistens auf einer Couch. In Hollywoodfilmen wird Psychotherapie übersimplifizierend dargestellt – es geht meist darum, verdrängte Kindheitstraumata aufzudecken, fokussiert auf einen einzigen, kathartischen Moment, der dann zur sofortigen Heilung führt.

- Missverständnisse und Übergriffe: In den Medien werden zwei Interaktionsprobleme wiederholt dargestellt: Psychotherapeuten, die ihre Patienten missverstehen oder gar grob fehldeuten, sowie Grenzverletzungen, insbesondere sexuelle Übergriffe von Therapeuten gegenüber Klienten.

- Psychoboom und Küchenpsychologie: Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie nehmen in den Medien mittlerweile einen relativ großen Platz ein, da das Interesse in der Bevölkerung an „Psycho“-Themen wächst. Diesem quantativen „Psycho“-Boom stehen jedoch qualitative Defizite der Darstellung gegenüber – stark verkürzte „Küchenpsychologie“, die teilweise zu simpel, teilweise sogar falsch ist, sowie ein simplifizierendes „Werkzeugkastendenken“, das mit grandiosen Hoffnungen auf „Selbstoptimierung“ verknüpft ist.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Jaeggi E: Wer sind wir eigentlich? Die Öffentlichkeit und das Selbstverständnis der Psychotherapeuten. In: Jaeggi E: Und wer therapiert die Therapeuten? Stuttgart: Klett-Cotta 2001; 82–9.
2. Radtke M: Psychotherapie und Medien. In: Kernberg O, Dulz B, Eckert J: Wir: Psychotherapeuten über sich und ihren „unmöglichen Beruf“. Stuttgart: Schattauer 2005; 353–9.
3. Von Sydow K: Das Image von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern in der Öffentlichkeit. Ein systematischer Forschungsüberblick. Psychotherapeut 2007; 5: 322–33.
4. Von Sydow K, Weber A, Reimer C: „Psychos“ in den Medien. Eine Inhaltsanalyse der Titelbilder von acht deutschen Zeitschriften aus dem Zeitraum von 1947 bis 1995. Psychotherapeut 1998; 2: 80–91.

Kontakt:
Priv.-Doz. Dr. Kirsten von Sydow, Universität Hamburg, Psychologisches Institut III, Von-Melle-Park 5, 20146 Hamburg, Telefon: 0 40/4 20 57 49, E-Mail: k_v_sydow @uni-hamburg.de
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