ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2008Interview mit Dr. Kirsten von Sydow, Psychotherapieforscherin: „Es ist ein bisschen gefährlich, sich mit den Medien einzulassen“

THEMEN DER ZEIT

Interview mit Dr. Kirsten von Sydow, Psychotherapieforscherin: „Es ist ein bisschen gefährlich, sich mit den Medien einzulassen“

PP 7, Ausgabe März 2008, Seite 113

Sonnnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Dr. phil. Kirsten von Sydow lehrt als Privatdozentin an der Universität Hamburg und hat als Psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin eine eigene Praxis in Hamburg. Sie forscht unter anderem zur Wirksamkeit der systemischen Therapie/Familientherapie, zur sexuellen und Partnerschaftsentwicklung und -problemen und zum Public Image von Psychotherapeuten. Foto: privat
Dr. phil. Kirsten von Sydow lehrt als Privatdozentin an der Universität Hamburg und hat als Psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin eine eigene Praxis in Hamburg. Sie forscht unter anderem zur Wirksamkeit der systemischen Therapie/Familientherapie, zur sexuellen und Partnerschaftsentwicklung und -problemen und zum Public Image von Psychotherapeuten. Foto: privat
Kirsten von Sydow über ihre Forschungen zum „Public Image“ der Psychoberufe und was getan werden müsste, um Klischees entgegenzuwirken.

Sie haben aus Ihrem systematischen Forschungsüberblick abgeleitet, dass Psychotherapeuten in Bildern und Karikaturen fast ausschließlich in Form von vier Typen dargestellt werden. Der Haupttypus ist der „Freud-Typus“, aber es gibt auch noch ein paar andere Typen. Was steckt dahinter?

Kirsten von Sydow: Wir haben vier Typen abgeleitet, nämlich den Freud-Typus, den Neurotiker-Typus, den intellektuellen Typus und den „Öko“. Ganz dominant ist natürlich der Freud-Typus, den findet man überall. Man braucht wahrscheinlich in den Medien zur schnellen Verständlichkeit immer die gleichen Bilder, und daher ist es eben immer wieder das Gesicht des Herrn Freud – der als Ikone der Psychotherapie gilt – und die Couch.

Sind die vier Typen überall auf der Welt bekannt?

von Sydow: Außer dem Öko-Typus findet man die drei anderen Typen auch international, zum Beispiel in den USA, aber der Öko-Typus scheint etwas spezifisch Deutsches zu sein. Das hat vielleicht etwas mit der deutschen Alternativbewegung zu tun. Therapeuten werden in Deutschland stark mit der Ökologiebewegung assoziiert, insbesondere mit den berühmten Birkenstocksandalen. Der Psychotherapieforscher Klaus Grawe sprach zum Beispiel von Psychotherapeuten als „Halbgötter in Birkenstocks“.

Psychologie und Psychotherapie werden zunehmend weibliche Domänen. In den Medien findet man aber so gut wie keine Darstellungen weiblicher Psychologen oder Psychotherapeuten. Woran liegt das?

von Sydow: Das finde ich auch eigenartig. Ich glaube aber nicht, dass das spezifisch mit den Psychotherapeuten zu tun hat, sondern mit einem generellen Bias zugunsten der Männer. Es scheint generell eine Neigung der Medien zu geben, bevorzugt Männer darzustellen – das wurde zum Beispiel auch für die mediale Darstellung von Ärzten belegt. Daneben liegt es sicher auch daran, dass das Bild von Sigmund Freud so dominant ist und keine auch nur annähernd ähnlich bekannte Psychotherapeutin existiert, deren Bild man so eingängig verwenden könnte.

Sie stellten fest, dass es einen zunehmenden Psychoboom gibt, der sich unter anderem in einem verstärkten Interesse an Psychothemen in Frauenzeitschriften und Fernsehtalkshows zeigt. Trägt dies dazu bei, dass die Bevölkerung heute mehr über Psychotherapie weiß als beispielsweise vor 20, 30 Jahren?

von Sydow: Der Wissensstand hat durchaus ein wenig zugenommen, wobei er trotzdem heutzutage nicht besonders hoch oder korrekt ist. Es gibt allerdings einen Kohorteneffekt, das heißt, dass jüngere Menschen meistens mehr über Psychotherapie und Psychologie wissen als ältere.

Die jüngeren Leute haben dann vermutlich auch ein differenzierteres Bild von Psychotherapeuten und psychotherapeutischen Methoden?

von Sydow: Ja, es ist ein wenig differenzierter. Trotzdem wird in der Allgemeinbevölkerung nach wie vor nicht unterschieden zwischen Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiatern und Psychoanalytikern, also allen „Psycho“-Berufen. Es ist jedoch nicht nur in der Allgemeinbevölkerung, sondern teilweise auch bei Ärzten so, dass sie die Unterschiede nicht genau kennen. Da gibt es immer noch viele Wissenslücken. Das belegt auch eine Studie, wonach ein hoher Anteil der Bevölkerung annimmt, dass Psychologen Medikamente verschreiben dürften, was ja nicht zutrifft.

Welches Bild von Therapeuten vermitteln Sendungen oder Serien wie zum Beispiel „Dr. Psycho“ oder „Helen, Fred und Ted“?

von Sydow: In beiden Serien wurden viele Klischees bedient, zum Beispiel, dass die beteiligten Therapeuten und Therapeutinnen jeweils sehr viele persönliche Probleme haben, andererseits aber meist auch kompetent, jedoch sehr unkonventionell ihre Arbeit machen. Die Serie „Helen, Fred und Ted“ wurde leider schnell wieder abgesetzt. Ich fand diese beiden Serien durchaus differenziert und interessant, auch wenn sie im Detail noch realitätsgerechter hätten gestaltet werden können.

Dass Psychotherapeuten neuerdings zu Serienhelden werden, zeigt vielleicht, dass ein allgemeines Interesse an diesem Berufsstand besteht?

von Sydow: Ja, das denke ich auch.

Möglicherweise gibt es ja bald so viele Psychotherapeuten- wie Arztserien?

von Sydow: Ja, vielleicht, wobei die Ärzte natürlich noch mehr Dramatik in ihrem Beruf haben. Aber natürlich haben auch die Psychotherapeuten einen spannenden Beruf.

Spielt es denn eine Rolle, welches Image ein Berufsstand in der Öffentlichkeit hat?

von Sydow: Das Image von Psychotherapie ist außerordentlich wichtig, und das wiederum steht im Zusammenhang mit dem Image von Psychotherapeuten. Das Image von Psychotherapie hat nämlich große Auswirkungen auf die Bereitschaft von Menschen mit psychischen Problemen, in Therapie zu gehen, oder auch auf die Bereitschaft von Ärzten, ihren Patienten Psychotherapie zu empfehlen, wenn es Indikationen gibt. Es deutet ja vieles darauf hin, dass manche Menschen mit ernsten psychischen Problemen nicht in Therapie gehen, weil sie negative Einstellungen dazu oder Angst davor haben. Denn noch immer vermeiden es viele Ärzte, ihren Patienten rechtzeitig Psychotherapie zu empfehlen, bevor es zur Chronifizierung kommt.

Warum arbeiten Psychotherapeuten und ihre Verbände so wenig gezielt an einem besseren, realistischeren und differenzierteren Image?

von Sydow: Andere Berufsverbände gehen da viel gezielter vor, etwa die Ingenieure. Die versuchen zum Beispiel, Frauen für das Studium zu begeistern, weil sie Nachwuchssorgen haben. Die Psychologen haben allerdings keine Nachwuchsprobleme in dem Sinne, dass nicht genügend Leute motiviert wären. Ein hoher Prozentsatz der jungen Frauen will Psychologie studieren, und von den Psychologen wollen viele Psychotherapeuten werden. Das scheitert meis-tens nicht an der Motivation, sondern am Geld und daran, dass die Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung inzwischen so unglaublich aufwendig und teuer geworden ist. Deshalb müsste man die Ausbildung erleichtern. Für Männer ist der Psychotherapeutenberuf hingegen offenbar weniger attraktiv, was vielleicht ebenfalls daran liegt, dass die Ausbildung so langwierig und schwer zu finanzieren ist. Früher war das Geschlechterverhältnis jedenfalls ausgeglichener. Insofern müsste man gezielter darauf hinwirken, dass mehr Männer Psychologie studieren und Psychotherapeuten werden. Bei den Ärzten ist die Lage etwas anders, da gibt es mehr Sorgen, weil nur wenige Ärzte motiviert sind, Psychiater zu werden. Das liegt unter anderem am schlechteren Einkommen und auch am Image, wobei es nachgewiesen ist, dass der Entschluss, Psychiater zu werden, sehr früh fällt. Viele treffen diesen Entschluss schon, bevor sie anfangen, Medizin zu studieren.

Psychotherapeuten machen sich selbst und ihr Image nur selten zum Forschungsgegenstand. Warum?

von Sydow: Das haben wir lange sehr vermisst, aber inzwischen gibt es da ein bisschen mehr, zum Beispiel das Buch „Wir: Psychotherapeuten über sich und ihren ‚unmöglichen‘ Beruf“. Trotzdem bestehen immer noch viele Forschungsdefizite.

Fehlt den Psychotherapeuten ein Bewusstsein dafür, dass man sich heute als Berufsstand auch in den Medien entsprechend platzieren muss, um wahrgenommen zu werden?

von Sydow: Das könnte sein. Medienpräsenz ist jedoch eine zweischneidige Sache, weil die Medien einerseits gerne Psychothemen aufgreifen, und es werden ja auch gerne Psychologen eingeladen und gefragt – also es ist ja nicht so, dass Psychoberufe eine ganz schlechte Medienpräsenz hätten. Andererseits haben Psychologen und Psychotherapeuten vielleicht auch eine ambivalente Haltung, weil sie sich Sorgen machen, wie das Gesagte rüberkommt und verbreitet wird. Es ist ein bisschen gefährlich, sich mit den Medien einzulassen. Das ist hierzulande anders als in den USA, wo man professioneller mit Medienkontakten umgeht. Bei uns gilt es hingegen nicht gerade als fein, sich als wissenschaftlich tätiger Psychomensch mit den Medien zu beschäftigen

Wenn „Psychos“ aber gezielter Öffentlichkeitsarbeit betreiben würden, könnten sie die Informationen über sich und ihre Tätigkeit ja auch steuern und qualitativ verbessern. Dann müssten sie sich auch nicht mehr über die vielen Journalisten ärgern, die über Psychologie schreiben und einiges falsch oder verkürzt darstellen.

von Sydow: Ich denke, es liegt an beiden Seiten. Sowohl an den Medien als auch an den „Psychos“, die sich nicht die Mühe machen oder denen es schwer fällt, ihre Forschungsergebnisse allgemeinverständlich darzustellen. Es gibt aber auch eine Reihe kompetenter Menschen, die wissenschaftspublizistisch im „Psycho“-Feld tätig sind.

An welchen Punkten ihres Images müssten Psychotherapeuten noch arbeiten?

von Sydow: An den beiden problematischsten Punkten: Da wäre ers-tens das Klischee des psychisch gestörten, schwer neurotischen Psychotherapeuten, also die Vorstellung, dass Psychotherapeuten selbst große psychische Probleme haben. Das wird sich nicht so einfach ändern lassen, weil es dabei einen kleinen Kern Wahrheit gibt, insofern, als dass eigene psychische Belastungen oft ein Motiv dafür sind, so einen Beruf zu ergreifen. Allerdings kann es auch gerade das Verständnis für die Probleme anderer Menschen stärken, wenn die eigenen Probleme einigermaßen bearbeitet sind. Das andere, sehr problematische Klischee ist das der missbrauchenden Therapeuten, die ihre Patienten sexuell missbrauchen, finanziell ausbeuten oder sonst wie für ihre Zwecke benutzen. Das ist etwas, von dem ich denke, dass es in den allermeisten Fällen nicht zutrifft, aber das gibt es eben leider auch, und deshalb muss noch mehr auf Grenz-überschreitungen in Psychotherapien geachtet werden. Dringend notwendig sind hier mehr Hilfsangebote für Psychotherapeuten in Krisen.

Die Allgemeinbevölkerung versteht unter „Psychotherapie“ meistens „Psychoanalyse“ und glaubt, dass in einer Psychotherapie immer nur die frühe Kindheit erforscht wird. Viele wissen nicht, dass es verschiedene Therapie-schulen gibt und dass die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie eine bedeutende Rolle in der psychotherapeutischen Versorgung spielen. Müsste nicht auch dieses Klischee geändert werden, um psychisch Erkrankten die Scheu zu nehmen, zum Psychotherapeuten zu gehen?

von Sydow: Der Schulenaspekt ist in der Forschung bisher vollkommen vernachlässigt. Die ganzen Klischees sind psychoanalytisch geprägt, wobei sie nicht die reale Psychoanalyse abbilden, sondern wiederum Klischees über Psychoanalyse. Aus diesem Grund sind Verhaltenstherapie und tiefenpsychologische Therapie, die sich ja weniger stark mit der frühen Kindheit beschäftigen, weniger bekannt. Transportiert wird hingegen immer nur eine Art „Vulgär-Psychoanalyse“. Außerdem ist bisher auch gar nicht erforscht, was es zum Beispiel für Klischees über Verhaltenstherapeuten, systemische Therapeuten/Familientherapeuten oder Gesprächspsychotherapeuten in der Bevölkerung gibt. Bemerkenswert unerforscht ist auch, welche Klischees zwischen Vertretern der verschiedenen Schulen über die jeweils anderen vorherrschen und wie sich das auf die professionelle Kooperation auswirkt.

Können Medien dazu beitragen, ein anderes Image zu transportieren? Sollte man sich zum Beispiel an Dokusoaps, die in medizinischen Kliniken spielen, orientieren und Ähnliches in Kliniken für Psychotherapie und Psychiatrie drehen?

von Sydow: Es gibt sicher viele Möglichkeiten, wie man über Psychotherapie und psychische Erkrankungen informieren kann. Dokusoaps finde ich allerdings problematisch, weil man bedenken muss, wie sich die Betroffenen fühlen, wenn ihre intimsten Dinge im Fernsehen gezeigt werden. Aber ich denke, dass sowohl Serien und Spielfilme als auch Dokumentarfilme im Fernsehen und in den Printmedien da schon sehr viel getan haben und weiterhin viel tun können. Dass das Wissen in der Öffentlichkeit etwas besser ist als vor 50 Jahren, hängt ganz entscheidend mit den Medien zusammen. Zum Beispiel steht in der Frauenzeitschrift „Brigitte“ viel über Psychothemen, und das ist auch meistens ganz gut. Ich denke, es gibt viele Ansätze, wo die Medien viel dafür tun, um die Öffentlichkeit zu informieren.

Die Fragen stellte Marion Sonnnenmoser.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema