ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2008Risiken ärztlichen Handelns: Unerwartete Wissenslücken

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Risiken ärztlichen Handelns: Unerwartete Wissenslücken

Dtsch Arztebl 2008; 105(11): A-557 / B-497 / C-485

Merten, Martina

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Fehler kommen vor und sind menschlich – dessen sind sich die meisten Ärzte inzwischen bewusst. Was viele noch nicht verinnerlicht haben: Auch Disziplinen jenseits der Chirurgie bergen Risiken.

Behandlungsfehler wecken Assoziationen an Scheren, die in der Bauchhöhle vergessen wurden, an Amputationen des falschen Beins, häufig auch an Medikamente, die nicht richtig dosiert worden sind. Insbesondere von der Chirurgie ist bekannt und empirisch belegt, dass in diesem Fachbereich die meisten (Beinahe-)Fehler auftreten (DÄ, Heft 51–52/2007). „Doch auch spezielle Medizinfelder bergen Risiken“, unterstrich Prof. Dr. med. Jürgen Hammerstein, Geschäftsführer der Kaiserin-Friedrich-Stiftung. Weil dies so ist, stellte die Stiftung für das ärztliche Fortbildungswesen „Spezielle Risiken ärztlichen Handelns“ auf ihrem 36. Symposium für Juristen und Ärzte in den Mittelpunkt.

Größerer Aufmerksamkeit bedarf nach Ansicht von Barbara Burkhard in dieser Hinsicht die Komplementär- und Alternativmedizin. Schließlich, sagte die Fachärztin für Innere Medizin, bedeute die Angabe „Nebenwirkungen unbekannt“ nicht automatisch, dass es keine Nebenwirkungen gebe. „Sanfte Verfahren wie die Homöopathie können ernsthafte Nebenwirkungen nach sich ziehen“, betonte Burkhard, die 20 Jahre beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen tätig war. Dabei lag einer ihrer Arbeitsschwerpunkte auf der Begutachtung alternativer oder komplementärer Methoden und Arzneimittel. Solche Risiken können Burkhard zufolge direkter Natur sein: Eine Akupunkturnadel bricht ab, ein Medikament interagiert mit einem anderen. Für risikoreich hält Burkhard die Alternativ- und Komplementärmedizin aber auch, weil sie zum Teil notwendige Diagnostiken und Therapien ablehne. Mit Schrecken erinnert Burkhard sich an eine Brustkrebspatientin, die nicht länger schulmedizinisch behandelt werden wollte und stattdessen ihr Glück in alternativen Methoden suchte. Ein Chirurg bot der Patientin selbst hergestellte, alternative Medikamente an, behandelte sie zusätzlich mit Wärmetherapie. Er versprach eine vollständige Heilung. Das Karzinom weitete sich aus, der Patientin mussten letztlich beide Brüste abgenommen werden. Solche Vorkommnisse haben Burkhards Einstellung geprägt. Ihr Urteil fällt entsprechend klar aus: „Eine Behandlung mit einer ungeprüften Therapie ist ebenso gefährlich wie das Fahren mit einem Auto, das nicht durch den TÜV gegangen ist.“ Ärzte müssten besonders wachsam sein.

Spezielle Risiken berge auch die Psychotherapie, sagt Barbara Lieberei. Bleibt die erhoffte, positive Wirkung einer Psychotherapie aus, ja verschlimmert sich der Zustand des Patienten sogar noch, ist eine Erklärung schnell gefunden: Der Behandelte arbeitet nicht richtig mit. Dabei könne das Versagen auch aufseiten des Therapeuten liegen, so die Oberärztin an der Abteilung Verhaltenstherapie und Psychosomatik im Berliner Rehazentrum Seehof. „Nebenwirkungen und insbesondere Behandlungsfehler in der Psychotherapie sind ein Sonderproblem, denn sie entstehen stets aus persönlich zu verantwortenden Handlungen des Therapeuten.“ Aber, berichtet Lieberei, sie kämen vor. Auch wenn empirisch gesicherte Forschungsergebnisse bislang weitgehend fehlten.

Fehler beziehungsweise unerwünschte Therapieeffekte in der Psychotherapie könnten auf unterschiedliche Weise entstehen, erläutert Lieberei. „Vorschnell wurden anhaltende Müdigkeit und Lustlosigkeit für Folgen einer Depression gehalten. Dabei litt der Patient unter einer Schlafapnoe“, schildert die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin. Durch diese anfängliche Fehldiagnose, ausgelöst durch eine unzureichende Abklärung oder oberflächliche Befundung, wurde der Patient letztlich falsch behandelt. Ein weiterer Patient machte sich um alles und jeden Sorgen, wirkte antriebslos. Der Therapeut ging mit dem Patienten im Gespräch ein Problem nach dem anderen durch, forderte ihn dazu auf, etwas an seinem Leben zu ändern. Letztlich stellte sich heraus, dass er unter einer generalisierten Angststörung litt und sich deshalb so viele Sorgen machte. Durch den falschen Therapiefokus hatte er begonnen, sein Leben umzukrempeln, Dinge zu verändern, die eigentlich richtig waren. Am Ende stand sogar der Verlust der Ehe, erinnert sich Lieberei. Nicht zuletzt kann auch falsches therapeutisches Vorgehen in Form einer unpassenden Gesprächsführung oder falsch angewandter Verfahren zu unerwünschten Therapieeffekten führen.
Martina Merten
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