ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2008Europäische Tabakpolitik und Gesundheitsschutz: Lutschen statt Qualmen?

POLITIK

Europäische Tabakpolitik und Gesundheitsschutz: Lutschen statt Qualmen?

Dtsch Arztebl 2008; 105(11): A-558 / B-498 / C-486

Spielberg, Petra

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Die Europäische Kommission kämpft seit Jahren für ein rauchfreies Europa. Die Tabakindustrie will dabei ein gewichtiges Wort mitreden.

Seit Mitte der 80er-Jahre steht der Kampf gegen den Tabakkonsum im Mittelpunkt der europäischen Gesundheitspolitik. Die Bilanz ist gleichwohl ernüchternd: In Europa gehen jährlich schätzungsweise 650 000 Tote und Kosten von bis zu 130 Milliarden Euro für die Behandlung der gesundheitlichen Folgeschäden auf das Konto des Zigarettenkonsums.

Die verzweifelte Suche Brüssels nach immer neuen Wegen, um die Europäische Union (EU) vom Tabakrauch zu befreien, versucht die Tabakindustrie für sich zu nutzen. Mit gezieltem Druck auf politische Entscheidungsträger in Europa bemüht sich die Branche beispielsweise darum, das seit 1992 bestehende EU-weite Handelsverbot für feuchten Mundtabak zu kippen. Bislang darf dieser nikotinhaltige, mit Salzen und Aromen versetzte Tabak, den man sich in kleinen Portionen unter die Lippe schiebt, nur in Schweden vertrieben werden. Das skandinavische Land hatte bei seinem EU-Beitritt im Jahr 1995 eine Ausnahmeregelung vom Handelsverbot durchgesetzt, da der Konsum von feuchtem Mundtabak in Schweden seit Langem weitverbreitet ist.

Hersteller wie British American Tobacco (BAT), Philip Morris und Swedish Match werben damit, dass das Erzeugnis gesünder sei als Zigaretten und keine Nichtraucher schädige. Auch verweisen sie darauf, dass die Zahl der Raucher in Schweden parallel zum gestiegenen Verbrauch von Snus, wie der Mundtabak auf Schwedisch heißt, gesunken sei. Nur noch etwa 17 Prozent der Schweden greifen Swedish Match zufolge regelmäßig zum Glimmstängel. Zum Vergleich: In Deutschland raucht etwa ein Drittel der Bevölkerung.

Auch Mundtabak gefährdet die Gesundheit
Die Einflussnahme der Industrie auf die Brüsseler Gesetzgeber zeigte Wirkung. Ende Oktober letzten Jahres forderten Europaabgeordnete die Europäische Kommission auf, die gesundheitlichen Risiken von Snus zu analysieren und der Frage nachzugehen, ob ein EU-weiter Vertrieb des Mundtabaks dazu beitragen kann, den Zigarettenkonsum in der EU nachhaltig zu senken.

Ein von der Brüsseler Behörde beauftragtes internationales Expertengremium legte kürzlich seinen Bericht vor mit dem Ergebnis: Feuchter Mundtabak gefährdet die Gesundheit und macht süchtig. Zwar schade das Lutschen der nikotinhaltigen Droge dem menschlichen Organismus offenbar weniger als der Zigarettenkonsum, weil das Risiko entfalle, an Lungenkrebs zu erkranken, so die Wissenschaftler. Nicht auszuschließen sei jedoch, dass der Tabak, der neben Nikotin auch Nitrosamine, Schwermetalle und Aldehyde enthalte, Bauchspeicheldrüsen- oder Mundkrebs verursache. Auch führe der Genuss von Snus zu Läsionen in der Mundschleimhaut und zu einem irreversiblen Zahnfleischschwund. Hinzu komme ein erhöhtes Risiko, an Herzinfarkt, Bluthochdruck oder Diabetes zu erkranken, heißt es in dem Bericht.

Zurückhaltend äußerten sich die Experten zu der Frage, ob sich Mundtabak als Ausstiegshilfe für Raucher eignet. Hierfür fehlten ausreichende Belege. Der geringe Zigarettenkonsum in Schweden könne ebenso das Ergebnis erfolgreicher Anti-Rauch-Kampagnen sein.

Auch Ärzte sind skeptisch. Der Nikotingehalt von Snus sei zweimal so hoch wie der von arzneimittelrechtlich geprüften Nikotinersatzprodukten, gab Alexander Macara, Vizepräsident des Ständigen Ausschusses der Europäischen Ärzte, kürzlich im British Medical Journal zu bedenken. Er befürchtet, dass eine Legalisierung von Mundtabak neue Nikotinabhängige erzeuge, statt Raucher vom Zigarettenkonsum abzubringen. Die österreichische Initiative „Ärzte gegen Raucherschäden“ verweist darauf, dass die Welt­gesund­heits­organi­sation bereits 1988 vor derartigen Entwicklungen gewarnt und deshalb ein Verbot von Oraltabak empfohlen habe.

Eine EU-weite Zulassung von Mundtabak würde zudem die Frage aufwerfen, wie ernst es der EU mit ihrer Anti-Tabak-Politik wirklich sei, meint Martin McKee, Professor für Europäische Öffentliche Gesundheit an der Londoner Hochschule für Hygiene und Tropenmedizin. Keinesfalls jedoch dürfe eine Änderung des geltenden EU-Rechts der Tabaklobby in die Hände spielen, mahnt die Europäische Vereinigung der Krebspatienten in Brüssel.

Beim ehemaligen Gesundheitskommissar David Byrne hat die Tabakindustrie mit ihrem Anliegen, feuchten Mundtabak EU-weit zuzulassen, stets auf Granit gebissen. Der Europäische Gerichtshof bestätigte zudem im Dezember 2004 die Rechtmäßigkeit des EU-weiten Handelsverbots. Das Blatt könnte sich aber wenden. Zu einem klaren Nein kann sich die für Gesundheitsfragen zuständige Abteilung der Kommission nach Vorlage des wissenschaftlichen Gutachtens bislang jedenfalls nicht durchringen. Und auch bei den Europaabgeordneten gibt es vereinzelte Stimmen, die sich für eine Aufhebung des Handelsverbots aussprechen.
Petra Spielberg


EU-Regelungen

- Die Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“ von 1989 verbietet Tabakwerbung im Fernsehen
- Die Richtlinie über Tabakerzeugnisse von 2002 schreibt vor, auf Tabakerzeugnissen Warnungen vor den gesundheitlichen Schäden anzubringen.
- Die Richtlinie über Tabakwerbung von 2003 besagt, dass seit August 2005 Werbung für Tabakerzeugnisse im Rundfunk, im Internet und in den Printmedien EU-weit verboten ist. Die Richtlinie untersagt auch Sponsoring durch die Tabakindustrie bei Veranstaltungen, an denen mehrere EU-Länder beteiligt sind.
- Die Richtlinie zur Gesundheit und Sicherheit am Arbeitplatz enthält einschränkende Bestimmungen zum Rauchen am Arbeitsplatz.
- EU-weite Medienkampagnen sollen vom Rauchen abhalten oder den Ausstieg aus der Sucht erleichtern. Die Gelder hierfür zweigt die EU von ihren Tabakbeihilfen ab. Die derzeitige Subventionsobergrenze liegt bei 338 Millionen Euro pro Jahr. Maximal fünf Prozent davon stehen für Anti-Rauch-Kampagnen zur Verfügung.
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