ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2008„Euthanasie“-Verbrechen: Jedes Opfer hat seine eigene Geschichte

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„Euthanasie“-Verbrechen: Jedes Opfer hat seine eigene Geschichte

Dtsch Arztebl 2008; 105(11): A-580 / B-515 / C-502

Jachertz, Norbert

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Foto: Picture Alliance/Doris Spiekermann-Klass
Foto: Picture Alliance/Doris Spiekermann-Klass
Dr. Reinhard N. bringt seine Schwester Elfriede 1927 in die brandenburgische Landesanstalt Görden. Sie ist 34 Jahre alt, sehr zart, eine intelligente und gebildete Frau, die gelegentlich Stimmen hört, suizidgefährdet ist und aggressiv sein kann. Das vor allem, wenn sie nach Hause möchte. Friedlich gibt sie sich immer, wenn der Bruder zu Besuch kommt. Das tat er vier Jahre lang, bis 1931. Reinhard machte damals schon Karriere in der NSDAP und stieg später zum Justizrat und Präsidenten der Reichsrechtsanwaltskammer auf. Eine Schwester in der Anstalt störte da.

1938 wird in Görden Platz geschaffen für Patienten aus der aufgegebenen Anstalt Potsdam. Elfriede wird nach Landsberg an der Warthe verlegt. Sie fragt immer noch nach dem Bruder, doch der hat längst den Kontakt abgebrochen. Im Oktober 1940 kommt sie nach Teupitz, eine „Zwischenanstalt“. Drei Monate später wird sie mit 70 anderen Frauen nach Bernburg transportiert, hier, in der Tötungsanstalt, wird sie umgebracht, eines der Opfer von T 4.

T 4 steht für die Berliner Tiergartenstraße 4, wo 1940/41 die „Euthanasie“ von Geisteskranken und Behinderten vom Schreibtisch aus organisiert wurde. 70 000 Patienten fielen der Aktion zum Opfer, weit mehr noch kamen in den folgenden Jahren durch Verhungern und Medikamente („Luminalschema“) um, insgesamt wohl rund 300 000.

Solche Zahlen schreiben sich schnell dahin. Die Tötungsmaschinerie wurde schon oft beschrieben und ist immer noch Gegenstand historischer Aufarbeitung. Wer aber ermisst die Schicksale, Ängste und Leiden der Menschen, die hinter den Zahlen stecken? Es hapert an der „inneren Übersetzung des Zahlenmaterials“, heißt es im Geleitwort dieses Buchs. „Die psychisch kranken und geistig behinderten Menschen (finden) in der öffentlichen Diskussion der nationalsozialistischen Verbrechen kaum Beachtung“ (Einführung). Dieser Satz von Harald Welzer, bezogen auf den wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust, gilt erst recht für den Umgang mit den Psychiatrieopfern: „Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst.“

Die Autoren des gleichnamig betitelten Buchs wollen dem entgegenwirken, indem sie den Opfern ihre Stimme geben; sie versuchen, aus den Krankenakten Lebensläufe nicht nur zu rekonstruieren, sondern durch Erzählen lebendig werden zu lassen. Das gelingt überraschend gut, wenn man bedenkt, wie sporadisch die Krankengeschichten der mehr „verwahrten“ als therapierten Patienten geführt wurden. Die Wissenschaftler, die zu Erzählern wurden, verbinden ihr Hintergrundwissen über die Zeit und die Organisation von T 4 mit Einfühlung in die aktenkundigen Biografien und stellen so die Individualität des Einzelnen wieder her. 23 solcher Biografien sind in dem Lesebuch versammelt. Dazu kommen fünf Aufsätze; zwei behandeln die NS-„Euthanasie“, drei die Methode der biografischen Aufarbeitung.

Das Buch entstand aus einem Projekt der Psychiatrischen Universitätsklinik und des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg. Dabei wurde eine Stichprobe von 3 000 T-4-Akten ausgewertet, ursprünglich in der Absicht, Näheres über die Abläufe von T 4 zu erfahren, doch drängte es die Bearbeiter zunehmend, auch den Opfern gerecht zu werden.

Das Schicksal der T-4-Akten ist eine Geschichte für sich: Sie galten lange als vernichtet. Die Tiergartenstraße 4 war im Krieg zerstört worden. Nach der Wiedervereinigung tauchten in der Zentrale des Ministeriums für Staatsicherheit (MfS) überraschend 30 000 Akten auf. Das MfS hatte die Akten vermutlich genutzt, um gegen einzelne Täter belastendes Material in der Hand zu haben, denn die Stasi trug in den 60er-Jahren gezielt Belastungsmaterial gegen einzelne mutmaßliche Täter zusammen, verwertete es in einzelnen Fällen auch, schloss anderes hingegen weg. Die bei der Wende aufgefunden Akten waren in desolatem Zustand; sie wurden, auch mithilfe der Ärzteschaft, aufgearbeitet und stehen heute im Bundesarchiv Berlin als „Bestand R 179“ bereit.

Auf dem Gelände der Tiergartenstraße 4 liegt heute die Berliner Philharmonie. Eine Gedenkplakette im Bürgersteig erinnert an T 4. Zurzeit parkt daneben ein grauer Bus, aus Zement gegossen, ein Denkmal von Horst Hoheisel und Andreas Knitz. Der Betonklotz wird von Zeit zu Zeit mit einem Tieflader durch die Lande gefahren und vor den Orten der Tat abgestellt. Im Original eines solchen Busses fuhr 1941 auch Elfriede in den Tod. Norbert Jachertz

Petra Fuchs, Maike Rotzoll, Ulrich Müller, Paul Richter, Gerrit Hohendorf (Hrsg.):
„Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst“. Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“. Wallstein Verlag, Göttingen, 2007, 392 Seiten, gebunden, Schutzumschlag, 29,90 Euro
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