ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2008Ostern auf Korsika: Der Masochismus des Roten Büßers

KULTUR

Ostern auf Korsika: Der Masochismus des Roten Büßers

Dtsch Arztebl 2008; 105(11): A-586 / B-520 / C-508

Buhr, Uta

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LNSLNS Die Karfreitagsprozession in Sartène folgt strengen mittelalterlichen Ritualen.

„Perdono dio mio“: Ein düsterer Sprechgesang erfüllt die Luft bei der Karfreitagsprozession in Bonifacio.
„Perdono dio mio“: Ein düsterer Sprechgesang erfüllt die Luft bei der Karfreitagsprozession in Bonifacio.
Schwere graue Wolken hän-gen über Sartène. Erste Regentropfen fallen. Die triste Stimmung verleiht der Stadt einen melancholischen Reiz. Mehrstöckige Häuser aus dunklem Granit säumen die Gassen. Der Schriftsteller Prosper Mérimée bespöttelte sie einst wegen ihres Festhaltens an althergebrachten religiösen Bräuchen als die „korsischste aller korsischen Städte“. Doch die Stadt über dem Rizzanèse am Hang des Monte Grosso ist der ideale Ort für die mystische Karfreitagsprozession, die ihren Ursprung im Mittelalter hat.

Schon vor Einbruch der Dunkelheit sind die besten Plätze im Zentrum besetzt. Die Balkons in den oberen Stockwerken drohen unter der Last der vielen Menschen abzustürzen, in den weit geöffneten Fenstern drängt sich Kopf an Kopf, und auf Brunnen und vorstehenden Dächern hängen Menschentrauben. Es hat inzwischen aufgehört zu regnen. Jetzt taucht der Vollmond ganz Sartène in silbernes Licht.

Um 21 Uhr 30 kündigen dumpfer Trommelwirbel und monotoner Klagegesang den Beginn der Prozession an. Kinder und Fotografen eilen dem Zug voraus. Wenn der Büßer auf der Bildfläche erscheint, geht ein Raunen durch die Menge. Eine von Kopf bis Fuß in blutiges Rot gehüllte Gestalt wankt mit einem 50 Kilogramm schweren Holzkreuz auf dem Rücken durch die Straße. Am Fuß trägt sie eine Eisenkette, die 14 Kilogramm wiegt. Der Gestalt folgen acht weitere, ganz in Schwarz gekleidete Büßer. Sie tragen eine Christusfigur vor sich her. Das Schlusslicht bildet ein Schwarm kirchlicher und weltlicher Würdenträger, Messdiener und Honoratioren. Indes schleppt sich U Catenacciu, wie der Rote Büßer auf Korsisch heißt, weiter über das Pflaster. In seine über dem Kopf geknotete Kutte sind nur Augenschlitze und zwei winzige Löcher für die Nase geschnitten. Der schmächtige Mann stöhnt und droht zu stürzen. Der Weiße Büßer hinter ihm hebt das Kreuz leicht an. Er symbolisiert Simon von Kyrene, der, wie die Bibel berichtet, Jesus als Einziger auf seinem Weg nach Golgatha geholfen hat, „sein Kreuz zu tragen“. Das Ritual verlangt, dass U Catenacciu dreimal zu Boden fällt und sich mit seiner Last wieder erhebt.

U Catenacciu: Von Kopf bis Fuß in blutiges Rot gehüllt, büßt er für seine Sünden. Nur der Pfarrer kennt seine Identität.
U Catenacciu: Von Kopf bis Fuß in blutiges Rot gehüllt, büßt er für seine Sünden. Nur der Pfarrer kennt seine Identität.
„Du musst dir mal vorstellen, dass der Büßer all das freiwillig tut und sich sogar jahrelang um diesen Job bewerben muss. Das ist der reine Masochismus“, empört sich eine Frau in der Menge. Ihr Mann schickt sich gerade an, eine Nahaufnahme von U Catenacciu zu machen, wird jedoch resolut von einem Priester zur Seite geschoben: „Das hier ist eine heilige Prozession und kein Karneval.“ Die Menge bewegt sich weiter durch die Straßen und Gassen, bis sie in die bis auf den letzten Platz gefüllte Église Sainte-Marie Assunta hineinströmt. Hier darf der Rote Büßer seine Last ablegen. Das Passionsfest endet mit einer feierlichen Messe.

„Es stimmt, dass jeder, der Büßer werden will, sich um diese Ehre bewerben muss“, erklärt einer, der fast sein ganzes Leben hier verbracht hat. „Der Pfarrer von Sartène trifft eine strenge Auswahl. Manchmal müssen Kandidaten mehr als zehn Jahre warten. Dem Geistlichen ist als Einzigem die wahre Identität des U Catenaccio bekannt, der in jedem Fall anonym bleiben muss.“ Deshalb ist er auch gänzlich verhüllt. In den meisten Fällen wollen verurteilte Verbrecher mit diesem Bußgang Sühne tun. Oder aber jene, deren Taten unentdeckt blieben, möchten auf diese Weise ihr Gewissen entlasten. Wollen die Leute hier denn nicht wissen, wer der Büßer ist? „Natürlich“, bestätigen die Einheimischen. „Alle sind neugierig und schließen sogar Wetten ab. Aber es ist ganz schwer, irgendwen unter der Verkleidung zu erkennen.“ Allerdings endete vor ein paar Jahren die Prozession fast in Heiterkeit. Der treue Hund des Büßers hatte sich losgerissen, zerrte fröhlich kläffend an der roten Robe und leckte seinem Herrchen ausgiebig die Füße.
Uta Buhr

Information: Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt/Main, Telefon: 01 90/57 00 25, Fax: 57 90 61, E-Mail: franceinfo @mdlf.de, www.franceguide.com
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