ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2008Die Perfektionierung der Polkörperdiagnostik

MEDIZIN: Editorial

Die Perfektionierung der Polkörperdiagnostik

Eine Konsequenz des Embryonenschutzgesetzes

The Optimization of Polar Body Diagnosis – A Consequence of the Embryo Protection Law

Dtsch Arztebl 2008; 105(11): 189; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0189

Propping, Peter

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LNSLNS Paare, die Nachwuchs haben möchten, wollen ein erhöhtes gesundheitliches Risiko für ihre Kinder vermeiden. Die meisten tun auch alles, um eine eventuelle Risikoerhöhung rechtzeitig zu erkennen. Dies ist ein natürliches, jedenfalls berechtigtes Interesse, und die Medizin muss den Paaren dabei helfen. Es sind zum guten Teil soziologische Gründe dafür verantwortlich, dass das reproduktive Zeitfenster der Frau in den letzten Jahrzehnten immer kleiner geworden ist und das Gebäralter zugenommen hat. Wurden 1975 in der alten Bundesrepublik noch 8,4 Prozent der Kinder von Müttern oberhalb des 35. Lebensjahres geboren, so waren dies 2002 in Deutschland 15,4 Prozent und 2006 bereits 17 Prozent (1). Jenseits des 35. Lebensjahres der Frau nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Konzeption rapide ab. Die Hoffnung vieler Paare mit Kinderwunsch ruht dann häufig ganz auf der Reproduktionsmedizin, insbesondere auf den Verfahren der In-vitro-Fertilisation (IVF) und intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). Das höhere Alter der Frau wiederum hat eine erhöhte Rate numerischer Chromosomenaberrationen in den Oozyten zur Folge. Bei einer 40-Jährigen sind 50 bis 70 Prozent der reifen Eizellen von einer Aneuploidie betroffen (2, 3). Die meisten numerischen Aberrationen sind mit so schweren Entwicklungsstörungen verbunden, dass es zu einem frühen Absterben des Embryos kommt.

Reduktion von Aneuploidien
Eine Möglichkeit Aneuploidien in den Eizellen, die für IVF/ICSI verwendet werden, zu reduzieren, ist die Chromosomenuntersuchung des Polkörpers. Die Polkörperdiagnostik (PKD) kann die IVF/ICSI ergänzen. In dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes stellt die Gruppe um van der Ven und Montag die Ergebnisse der Methode vor.

Polkörper stellen gewissermaßen Abfallprodukte der Oogenese dar. Durch die erste Reifeteilung gelangt je ein Chromosomensatz in die Eizelle und den ersten Polkörper. Wenn im Polkörper ein bestimmtes Chromosom fehlt, muss es zusätzlich in der Eizelle vorhanden sein. Man kann daher durch Untersuchung des Polkörpers im Differenzverfahren auf eine Fehlverteilung von Chromosomen in der Eizelle schließen. Da die Kryokonservierung der Oozyte noch schwierig ist, steht die PKD unter großem Zeitdruck. Es können maximal 12 der 23 Chromosomen in die Untersuchung einbezogen werden. Die Darstellung von Chromosomen ist auch technisch schwierig, weil der erste Polkörper nur zwei DNA-Kopien, der zweite Polkörper sogar nur eine Kopie enthält. In zwei bis drei Prozent gelingt der Nachweis einzelner Chromosomen nicht. Die Ergebnisse von van der Ven et al. zeigen, dass bei Frauen, die aufgrund ihres vorgerückten Alters ein erhöhtes Aneuploidie-Risiko haben, die Abortrate nach PKD niedriger und die Implantationsrate etwas höher ist. Auch fand man eine Tendenz zu einer verbesserten Geburtenrate. Zwar sind diese Ergebnisse ermutigend, doch weisen die Autoren auf die Begrenzungen der Aussagen hin.

Diesen Befunden stehen Resultate gegenüber, die durch Aneuploidie-Ausschluss mithilfe der Präimplantationsdiagnostik (PID) erhoben wurden (4). Die untersuchten Frauen waren im Durchschnitt jünger als bei van der Ven et al. Die Schwangerschaftsraten erwiesen sich im Vergleich zu IVF ohne PID als niedriger. Zur Aufklärung dieser Diskrepanzen sind weitere Studien erforderlich.

Die PKD ist in Deutschland besonders vorangetrieben worden, weil das Embryonenschutzgesetz die genetische Untersuchung früher Embryonalstadien verbietet. Es stellt sich die Frage, ob es redlich ist, dass wir in Deutschland weiterhin darauf angewiesen sind, im Ausland erzielte Ergebnisse der PID zum Vergleich heranziehen zu müssen. Dabei sind die dortigen Ergebnisse zum Teil an deutschen Paaren erhoben worden, die als „PID-Touristen“ ausländische Zentren aufgesucht haben.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 31. 1. 2008; revidierte Fassung angenommen: 5. 2. 2008


Anschrift für den Verfasser
Prof. Dr. med. Peter Propping
Institut für Humangenetik der Universität Bonn
Wilhelmstraße 31, 53111 Bonn
E-Mail: propping@uni-bonn.de

The Optimization of Polar Body Diagnosis – A Consequence of
the Embryo Protection Law

Dtsch Arztebl 2008; 105(11): 189
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0189

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
Institut für Humangenetik, Universitätsklinikum Bonn: Prof. Dr. med. Propping

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