ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2008Bewegungsorientierte Schulung für adipöse Erwachsene

MEDIZIN: Originalarbeit

Bewegungsorientierte Schulung für adipöse Erwachsene

Ergebnisse zum Interventionsprogramm M.O.B.I.L.I.S.

Exercise Based Lifestyle Intervention in Obese Adults – Results of the Intervention Study M.O.B.I.L.I.S

Dtsch Arztebl 2008; 105(11): 197-203; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0197

Berg, Aloys; Berg, Andreas; Frey, Ingrid; König, Daniel; Predel, Hans-Georg

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Einleitung: Übergewicht ist heute eine der größten Herausforderungen an das Gesellschafts- und Gesundheitssystem. Eine Gewichtsreduktion wie auch eine -stabilisierung können über verändertes Aktivitäts- und Ernährungsverhalten erreicht werden. Das interdisziplinäre Interventionsprogramm M.O.B.I.L.I.S. (multizentrisch organisierte bewegungsorientierte Initiative zur Lebensstiländerung in Selbstverantwortung) zielt auf die bleibende Änderung des Lebensstils mit einer ausgeglichenen Energiebilanz bei gleichzeitiger Verbesserung der Gesundheitskompetenz.
Methoden: In einem standardisierten Schulungsprogramm über zwölf Monate soll dieses Ziel für eine angestrebte Stichprobe von 4 000 bis 5 000 adipösen Erwachsenen (BMI 30 bis 40 kg/m2) über ausgewählte Verlaufsdaten (Gewicht, BMI, Bauchumfang) dokumentiert werden.
Ergebnisse: Inzwischen liegen 1-Jahres-Ergebnisse für 454 Teilnehmer aus 32 Gruppen vor. Die Resultate zeigen, dass Lebensstiländerungen auch bei Adipösen möglich sind und zu einer durchschnittlichen Gewichtsreduktion von 6,4 kg nach der zwölfmonatigen Intervention führen.
Diskussion: M.O.B.I.L.I.S. ist somit eine effektive, kostengünstige und nicht pharmakologische Therapieoption bei adipösen Erwachsenen.
Dtsch Arztebl 2008; 105(11): 197–203
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0197
Schlüsselwörter: Adipositas, Lebensstilintervention, Aktivitätsverhalten, Gewichtsreduktion, M.O.B.I.L.I.S.
LNSLNS Energie in Form von Fett zu speichern, hat sich in den Industrieländern in den letzten Jahrzehnten zu einem gesundheitlichen Nachteil entwickelt. Verursacht durch das Überangebot an Nahrung und die fehlende Notwendigkeit, sich körperlich aktiv zu betätigen, besteht für die meisten Menschen eine positive Energiebilanz und damit ein Risiko für Übergewicht. Daher ist heute in Deutschland die Adipositas – nach WHO definiert über einen Body-Mass-Index (BMI) von über 30 kg/m2 – eines der am häufigsten auftretenden Gesundheitsprobleme. Nach Angaben des Robert- Koch-Instituts weisen 20 % der Gesamtbevölkerung und fast 30 % der 50- bis 60-Jährigen eine behandlungsbedürftige Adipositas auf (1).

Zwischen der Adipositas und der Inzidenz verschiedener chronischer Erkrankungen besteht ein Zusammenhang (2). Aber auch die Lebenserwartung als aussagekräftigster Endpunkt ist von der Adipositas signifikant beeinträchtigt. So verringert krankhaftes Übergewicht die Lebenserwartung in gleichem Maße wie Rauchen um etwa sechs Jahre, wenn man vom mittleren Erwachsenenalter ausgeht (3). Im Vergleich zu anderen chronischen Erkrankungen behandelt man die Adipositas meist erst, wenn Begleiterkrankungen vorliegen.

Vor diesem Hintergrund haben das Universitätsklinikum Freiburg und die Deutsche Sporthochschule Köln M.O.B.I.L.I.S. (multizentrisch organisierte bewegungsorientierte Initiative zur Lebensstiländerung in Selbstverantwortung) entwickelt. Dies ist ein interdisziplinäres Schulungsprogramm zur Therapie der Adipositas und ihrer assoziierten Risikofaktoren. Mithilfe regional ansässiger M.O.B.I.L.I.S.-Teams ist das Programm mittlerweile bundesweit etabliert und bietet einen Ansatz, die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu verbessern. Die vorliegende Arbeit stellt erste Ergebnisse für dieses Instrument zur Behandlung der Adipositas im Erwachsenenalter vor; die Evaluierung des Programms steht noch an.

Methoden
Um Körpergewicht effektiv zu reduzieren, ist die Kombination von Maßnahmen zur Ernährungsumstellung, körperlicher Aktivität und zum Verhalten unerlässlich (4, 5, 6). Entsprechend zeigt M.O.B.I.L.I.S. individuelle Wege zur Einhaltung eines gesundheitsbewussten Lebensstils. Dies soll über eine energetisch ausgeglichene Lebensweise bei gleichzeitiger Verbesserung der Gesundheitskompetenz erreicht werden.

M.O.B.I.L.I.S. baut auf Ergebnissen und Erfahrungen der initiierenden sportmedizinischen Einrichtungen auf und bezieht als wesentlichen originären Programmbaustein Strategien der Verhaltenspsychologie mit ein (7). Für eine erfolgreiche Gewichtsabnahme sind nicht so sehr Ernährungs- und Bewegungsinhalte, sondern vielmehr die Akzeptanz der gewählten Verhaltensänderung und die so erreichte Compliance bedeutend (7, 8). Zu den vier Kernbereichen Bewegung/Sport, Psychologie/Pädagogik, Ernährung und Medizin werden in 20 theoretischen und 35 praktischen Einheiten Gesundheitsinhalte in der Gruppe vermittelt. Dabei gibt man nach einem definierten Programmkalender für die jeweilige geschlossene Gruppe unterschiedliche Phasen vor. Diese verteilen sich über einen Zeitraum von zwölf Monaten in: eine siebenwöchige Startphase, eine 17-wöchige Gewichtsreduktionsphase, eine sechsmonatige Stabilisierungsphase.

Unter Anleitung eines Sportlehrers beziehungsweise Sportwissenschaftlers treffen sich die Teilnehmer ein- bis zweimal pro Woche abwechselnd im Freien (bei jedem Wetter) und in der Halle, um in der Gruppe Bewegungserfahrungen zu sammeln. Verschiedene Ausdauertrainingsarten, wie zum Beispiel Walking oder Nordic Walking, aber auch gezielte Übungen zur Kräftigung der Muskulatur, sowie zur Koordination und zur Entspannung stehen dabei im Mittelpunkt. Mithilfe des speziell für M.O.B.I.L.I.S. entwickelten 50+50-Punkteprogramms lernen die Teilnehmer, die aufgezeigten Aktivitäten in ihrem Alltag sinnvoll umzusetzen. In zehn Gruppensitzungen wird das Thema Verhaltensänderung mit einem Psychologen beziehungsweise Pädagogen besprochen. Jede Sitzung ist einem speziellen Themenbereich gewidmet und die Teilnehmer erhalten theoretische Informationen und werden zu schriftlichen sowie mündlichen Aufgaben angeleitet. Darüber hinaus sind die Probanden dazu aufgefordert, konkrete Aufgaben zur Verhaltensänderung in ihrem Alltag fortzuführen und den Fortschritt zu dokumentieren.

Der Ernährungsteil beinhaltet drei Gruppensitzungen, eine Praxissitzung und zwei Fragestunden und wird von einer Diätassistentin/Ernährungswissenschaftlerin durchgeführt. Anstelle von starren Diätplänen und strengen Einschränkungen beim Essen gibt M.O.B.I.L.I.S. eine Orientierung für die richtige Lebensmittelauswahl vor. Die wichtigsten Empfehlungen lauten: fettgesunde, kohlenhydratbewusste und eiweißbetonte Ernährung. Am Beispiel der M.O.B.I.L.I.S.-Ernährungspyramide werden konkrete Lebensmittelempfehlungen für einen fitnessfördernden Speiseplan gegeben und deren Umsetzung eingeübt. Die einzelnen Bausteine (Verhalten, Bewegung, Ernährung) sind in vorausgegangenen Publikationen bereits ausführlich beschrieben worden (7, 9).

Ziele des Programms sind – entsprechend der Leitlinien der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG) (10) – neben der Gewichtssenkung die Risikofaktoren, Gesundheitsverhalten sowie Lebensqualität zu verbessern. Um dies zu erreichen, unterstützt ein geschultes, interdisziplinäres Team, bestehend aus Sportwissenschaftlern und Psychologen/Pädagogen mit Gruppenerfahrung, zertifizierten Ernährungsfachkräften und Medizinern, die Teilnehmer während eines ganzen Jahres darin, persönliche Gesundheitskonzepte mit eigenen Zielvorgaben zu erstellen und praktisch in den Alltag zu integrieren.

Eine Schulungsgruppe vor Ort umfasst Frauen und Männer. Es wird eine Gruppengröße von 15 bis maximal 18 Personen angestrebt. Gruppengründungen werden rechtzeitig über die regionalen Medien wie auch über die M.O.B.I.L.I.S.-Homepage (www.mobi lis-programm.de) bekannt gegeben. Aufgenommen werden Erwachsene mit einem BMI von 30 bis 40 kg/m2 und einer der Adipositas assoziierten Komorbidität wie beispielsweise Hypertonie, Insulinresistenz und/oder Dyslipoproteinämie. Eine grundsätzliche Altersbegrenzung ist nicht vorgegeben. Allerdings müssen die Teilnehmer trainierbar sein, das heißt eine symptomfreie Leistungsfähigkeit von mindestens ein Watt pro kg Körpergewicht und eine noch ausreichende motorische Kompetenz aufweisen. Für die Bewegungspraxis müssen sie in der Lage sein, Gehsportarten wie Walking und Nordic Walking mitzumachen. Ausschlusskriterien sind:

- Kontraindikationen gegen körperliche Belastung (11) und Gewichtsreduktion oder Kalorienrestriktion (10)
- Typ-1-Diabetes
- Leber- und Nierenschäden mit Indikation zur Eiweißrestriktion
- psychiatrische Erkrankungen und Essstörungen (Bulimie, Bulimia nervosa, „binge eating disorder“)
- Einnahme von Antiadiposita
- Zustand nach bösartiger Tumorerkrankung mit krankheitsfreiem Zustand von weniger als fünf Jahren.

Die Gesamtkosten betragen seit dem 1. Januar 2008 für die zwölfmonatige Gruppenbetreuung 785 Euro pro Teilnehmer. Eine Rahmenvereinbarung mit der Barmer Ersatzkasse ermöglicht eine pauschalisierte Kostenerstattung nach § 43 Nr. 2 SGB V bei einer Eigenbeteiligung von 100 Euro. M.O.B.I.L.I.S. steht Versicherten anderer Kassen gleichermaßen offen. Damit wurden die Voraussetzungen geschaffen, ein ambulantes Adipositasprogramm zu bundesweit einheitlichen Bedingungen umzusetzen. M.O.B.I.L.I.S. wird über einen als gemeinnützig anerkannten Verein verwaltet und verfolgt keinerlei kommerzielle Interessen. Ebenso ist die Gestaltung des Programms unabhängig von Interessen Dritter.

Im Projekt erfolgt eine Ergebnis- und Verlaufskontrolle. Dies geschieht anhand ärztlich geführter Case-Report-Formulare (CRF) mit definierten Untersuchungszeitpunkten (zu Beginn, nach sechs und nach zwölf Monaten) sowie über Fragebögen zur Aktivität und Lebensqualität (Freiburger Fragebogen zur Freizeitaktivität; Fragebogen zum Gesundheitszustand, SF 36, Hogrefe Verlag, Göttingen). Neben der Gewichtsentwicklung werden hierbei die Reduktion der gesundheitlichen Risikofaktoren und des Gesundheitsverhaltens (Bewegung, Ernährung) sowie die Veränderung der Lebensqualität dokumentiert. Das Gewicht und der Bauchumfang der Teilnehmer wurden nach standardisierter Methode in der Praxis des Teamarztes gemessen. Die Möglichkeit, als unterstützende ernährungstherapeutische Maßnahme (10) Ersatzmahlzeiten einzunehmen, – hier ein klinisch geprüftes Soja-Milch-Honig-Produkt (12) –, wurde ebenfalls über den Teamarzt erfragt und im CRF dokumentiert. Der Teamleiter protokollierte zudem die Anwesenheit an den Schulungseinheiten. Anhand von Fragebögen wurde darüber hinaus die Teilnehmerzufriedenheit in den einzelnen Phasen des Schulungsprogramms erhoben und nach dem Balance-Score-Card-System bewertet. Die zeitnahe Auswertung dieser Daten dient als Grundlage, um das Schulungsprogramm ständig anpassen und verbessern zu können.

Mittlerweile gibt es M.O.B.I.L.I.S.-Teams an circa 100 Standorten. Eine zentrale Geschäftsstelle übernimmt die Organisation. Vom 13. Januar 2004 bis zum 31. Dezember 2006 haben 1 412 adipöse Erwachsene mit dem M.O.B.I.L.I.S.-Programm begonnen und 517 das Programm bereits beendet. Hochrangige Politiker übernehmen als „Paten“ für die M.O.B.I.L.I.S.-Gruppen in den Kommunen ihrer Heimat- beziehungsweise Wahlkreise repräsentative Aufgaben im Sinne einer Schirmherrschaft. Dadurch wird für das Programm eine hohe allgemeine Wertschätzung erreicht. Organisatorische Details zum Programm können auf der täglich aktualisierten M.O.B.I.L.I.S.-Homepage (www.mobilis-programm.de) eingesehen werden.

Alle Teilnehmer partizipieren freiwillig und mit schriftlicher Einverständniserklärung am Schulungsprogramm und der sich daraus ergebenden Datenanalyse. Sie erhielten kein Erfolgs- oder Teilnahmehonorar. Das Programm wurde mit Einverständnis der Ethikkommission der medizinischen Fakultät der Freiburger Universitätsklinik durchgeführt.

Zur statistischen Auswertung wurde SPSS 13.0 eingesetzt. Für die intraindividuellen Vergleiche zwischen dem Status vor und nach Intervention wurde der Wilcoxon-Test für verbundene Stichproben verwendet. Um die Frage zu überprüfen, ob sich die Differenzen (vor/nach Intervention) innerhalb der Subgruppen unterschieden, wurden Varianzanalysen durchgeführt.

Ergebnisse
Am 31. Oktober 2006 hatten 32 Gruppen das über zwölf Monate laufende Programm abgeschlossen. Ihre Daten dienten als Stichprobe für die vorliegende Auswertung. Von 517 angemeldeten Teilnehmern hatten 454 Personen das Programm beendet. Für diese 454 Personen liegen komplette paarige Daten aus der Eingangs- und Abschlussuntersuchung vor. Der Anteil der Teilnehmer, der aus dem laufenden Programm ausschied, lag bei 12,2 % (Tabelle 1). Von den Absolventen nahmen 90,7 % (n = 412) regelmäßig teil, das heißt an mehr als 75 % der Schulungseinheiten. Sie erfüllten damit die von der Barmer vorgegebene Teilnahmehäufigkeit, die als Voraussetzung für eine Kostenübernahme vereinbart worden war.

Die Daten der 517 Teilnehmer aus den 32 abgeschlossenen Gruppen sind in Tabelle 1 zusammengestellt. Das mittlere Alter der Teilnehmer lag bei 49 Jahren; der Jüngste war 18,3 Jahre alt, der älteste Teilnehmer 75,4 Jahre. 390 waren Frauen (75,4 %) und 127 Männer (24,6 %). Positiv fielen die Rückmeldungen der Teilnehmer zur Teilnahmezufriedenheit aus.

Die Beschreibung der Ergebnisse beschränkt sich auf die Änderungen der Gewichtssituation als primäre Zielvariable sowie die darüber beschriebene Erfolgsaussage in der Gruppe der Absolventen (Tabelle 2). Sie geht in einer Subgruppenanalyse auf die Beeinflussung des Resultats durch die Faktoren Geschlecht, Alter, Eingangs-BMI ein (Tabelle 3, 4, 5).

Die anthropometrischen Eingangsdaten (Tabelle 1) für die Gruppe der Absolventen und der späteren Abbrecher unterscheiden sich im Körpergewicht und im BMI-Wert. So sind die späteren Abbrecher bei Programmbeginn im Mittel 5,5 kg schwerer und weisen entsprechend auch einen um eine Einheit höheren BMI-Wert auf.

Die Ergebnisse für die Absolventen sind in Tabelle 2 dargestellt. Zur Abschlussuntersuchung zeigen sie durchschnittliche Veränderungen im absoluten Gewicht von –6,4 kg, im BMI von –2,2 kg/m2 und im Bauchumfang von –7,2 cm auf. Vergleicht man die Teilnehmer hinsichtlich ihres Therapieerfolgs, erkennt man auch Personen mit fehlendem oder geringem Erfolg.

Der Therapieerfolg wird durch die Teilnahmehäufigkeit an den Gruppensitzungen beeinflusst. Die Gewichtsveränderungen für die regelmäßig Teilnehmenden liegen um –2,1 kg günstiger, können in ihrer statistischen Differenz allerdings nur als Trend (p = 0,08) ausgewiesen werden. Günstig auf den Gewichtsverlauf wirkt sich auch die anfängliche, flexible Einnahme einer Ersatzmahlzeit aus. 22 % der Teilnehmer greifen im Programm über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten auf diese Form der Ernährungstherapie (10) zurück und erreichen so in den ersten Wochen eine stärkere Gewichtsreduktion. Dieser Gewichtsverlauf ist auch noch zum Programmende mit einem Effekt von 1,8 kg nachzuweisen (Gewichtsabnahme bei Teilnahme ohne Ersatzmahlzeiten: 6,0 ± 6,85 kg; Gewichtsabnahme bei Teilnahme mit Ersatzmahlzeiten: 7,8 ± 8,02 kg; p < 0,05).

Die Veränderungen in den anthropometrischen Parametern nach einjähriger Teilnahme sind für Männer und Frauen weitgehend gleich (Tabelle 3). Beide Geschlechter erreichen durchschnittliche Abnahmen im BMI-Wert von mehr als zwei Einheiten, im absoluten Gewicht von mehr als 6 kg und im Bauchumfang von mehr als 7 cm. Die durchschnittliche relative Gewichtsabnahme liegt damit für Frauen bei 6,4 %, für Männer bei 5,9 %.

Der Erfolg des Schulungsprogramms ist nicht vom Alter abhängig (Tabelle 4). Trotz unterschiedlicher körperlicher Leistungsfähigkeit werden in den drei Altersgruppen (unter 45 Jahre, 45 bis 60 Jahre über 60 Jahre) vergleichbare Resultate erzielt.

Unterschiede im Therapieerfolg hängen nicht vom Eingangs-BMI ab (Tabelle 5). Teilnehmer mit Adipositas Grad I (BMI 30 bis 34,9) und Grad II (BMI 35 bis 39,9) zeigen ein vergleichbares Gewichtsverhalten.

Diskussion
Die bisherigen Erfahrungen und Ergebnisse zum M.O.B.I.L.I.S.-Programm belegen, dass Adipöse im BMI-Bereich von 30 bis 40 kg/m2 unabhängig von Geschlecht, Alter und Eingangsgewicht über die regelmäßige Teilnahme an einem bewegungsorientierten Schulungsprogramm mit Erfolg abnehmen können. Im Verlauf von zwölf Monaten kann mit einer durchschnittlichen Gewichtsabnahme von 6,4 kg beziehungsweise 6,3 % gerechnet werden. Gemessen am spontanen Gewichtsverlauf und einer zu erwartenden Gewichtszunahme von circa 0,5 kg im Zeitraum von zwölf Monaten (13) sollten auch die Gewichtsabnahmen von im Mittel –2,6 kg für die Responder-Gruppe-I (Tabelle 2a: Teilnehmer mit geringem Erfolg) noch als günstig bewertet werden.

Darauf weisen auch Vergleiche mit Ergebnissen aus anderen pharmakologischen und nicht pharmakologischen Studien (14, 15) hin. So werden in nicht pharmakologischen Interventionsstudien mit adipösen Erwachsenen im Verlauf von zwölf Monaten meist nur mittlere Gewichtsabnahmen im Bereich von 3 kg erreicht (15).

Auch wenn der Anteil der Frauen mit 75 % erwartungsgemäß deutlich höher liegt als der Männeranteil mit 25 %, wird das Programm auch von den Männern akzeptiert und mit Erfolg zu Ende gebracht (16). So nimmt im angebotenen Programm die Geschlechtszuteilung keinen Einfluss auf die Dropout-Wahrscheinlichkeit. Der Dropout-Anteil ist bei den Frauen (11,8 %) und Männern (13,4 %) nahezu identisch. Frauen und Männer unterscheiden sich zwar signifikant (p < 0,001) in ihrem Eingangsalter sowie, entsprechend ihrer geschlechtspezifischen Körperzusammensetzung, in ihrem absoluten Gewicht und dem Bauchumfang, nicht aber in ihren BMI-Werten. Für beide Gruppen kann davon ausgegangen werden, dass mit einer Reduktion des Bauchumfangs von im Mittel 7 cm die viszerale Fettmasse um circa 2,1 kg (17, 18) gesenkt werden konnte. Sowohl für die Reduzierung des kardiovaskulären als auch des metabolischen Risikos ist dieses Ergebnis besonders hervorzuheben.

Da keine validen Methoden zur Beurteilung der Muskelmasse für Routinemessungen in der ärztlichen Praxis zur Verfügung stehen, wurden zusätzlich zum BMI und Bauchumfang keine weiteren Parameter zur Körperzusammensetzung erhoben. Entsprechend kann auch die Frage nicht beantwortet werden, ob die Teilnehmer des Programms sowohl Fettmasse reduziert als auch Muskelmasse aufgebaut haben. Die Abschlussuntersuchung ergab aber, dass nicht nur die körpergewichtsbezogene Leistungsfähigkeit (Watt/kg), sondern auch die absolute Leistungsfähigkeit (Watt) der Teilnehmer signifikant gesteigert werden konnte (Berg A et al. 2008: in Vorbereitung).

Ebenso ist es möglich, auch noch im Alter von über 60 Jahren gezielt und mit Erfolg in einem bewegungsorientierten Schulungsprogramm abzunehmen. Die vorliegenden Ergebnisse liefern zudem Argumente gegen die oftmals gestellte Forderung nach homogenen Gruppen und die Notwendigkeit, das Schulungsangebot in Abhängigkeit von der jeweiligen Fitness und dem Alter der Teilnehmer in spezifizierte Angebote zu modifizieren. Ist erst einmal der Schritt ins Programm und in die Gruppe geschafft, so hindert auch ein anfänglich höheres Körpergewicht nicht daran, regelmäßig und mit Erfolg teilzunehmen. Adipöse mit Grad II (BMI 35 bis 40 kg/m2) scheinen zwar einen erschwerten Einstieg zu haben (Eingangsgewicht der Abbrecher Tabelle 1), sie sind aber durchaus für ein Programm mit Sportangebot geeignet und – wie Adipöse mit Grad I – in der Lage, ihr Körpergewicht im Laufe der einjährigen Teilnahme um durchschnittlich 6,7 kg beziehungsweise 6,2 % zu reduzieren.

Die für alle Subklassen vergleichbare Gewichtsreduktion von circa 6,5 kg über zwölf Monate legt den Schluss nahe, dass nach dem Prinzip der negativen Energiebilanz (Zielbereich circa 400 kcal/Tag) über die Kombination von Kalorienreduktion und Mehraktivität langfristige Gewichtserfolge erzielt werden. Es bleibt abzuwarten, ob sich die vorliegenden Resultate auch in der angestrebten Endevaluation mit einer Stichprobe von 4 000 bis 5 000 Teilnehmern bestätigen lassen. Zudem wird es eine wichtige Aufgabe sein, die Erfolgsaussichten im M.O.B.I.L.I.S.-Programm in Abhängigkeit von persönlichen Merkmalen besser einschätzen zu lernen. Dies scheint notwendig, um Aussteiger und Non-Responder einerseits auf andere, für sie erfolgreichere Interventionswege zu bringen, und andererseits um Programmbausteine zu optimieren und den Erfolg des Schulungsprogramms zu stabilisieren.

Interessenkonflikt
Prof. Aloys Berg erhielt Studienunterstützungen von den Firmen Almased Wellness GmbH, Bienenbüttel, Südzucker AG, Mannheim, Grünstadt, und die Roche Diagnostics GmbH, Mannheim. Ferner wurde er honoriert für Vorträge von Almased Wellness GmbH, Bienenbüttel, und Centrale Marketing Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft mbH (CMA), Bonn.
Andreas Berg, M.A., erhält als Geschäftsführer für das M.O.B.I.L.I.S.-Programm Zuwendungen vom Trägerverein von M.O.B.I.L.I.S.
Dr. Frey, PD Dr. König und Prof. Predel erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten eingereicht: 13. 3. 2007, revidierte Fassung angenommen: 26. 10. 2007


Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Aloys Berg
Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin
Medizinische Universitätsklinik
Universitätsklinikum Freiburg
Hugstetter Straße 55, 79183 Freiburg
E-Mail: berg@msm1.ukl.uni-freiburg.de


Summary
Introduction: Obesity is one of the greatest public health challenges of the 21st century. A combination of diet and exercise interventions have been shown to deliver stable weight reduction. M.O.B.I.L.I.S. is an interdisciplinary lifestyle modification program, aimed at lasting modification of exercise levels and diet with a view to
an energy balanced lifestyle and healthy living skills.
Methods: Lifestyle changes are to be achieved via
a 12-month exercise based intervention. This standardized training program is to be followed up at predetermined time intervals in a planned sample size of 4000 to 5000 obese adults (BMI 30 to 40 kg/m2). As target variables body weight, body mass index, and waist circumference were defined.
Results: One year results are now available for 32 groups and 454 obese participants. The results clearly demonstrate that lifestyle changes in obese individuals are possible and lead to an average weight reduction of 6.4 kg at 12 months.
Discussion: M.O.B.I.L.I.S. constitutes an effective, economic, and non-pharmacological therapy option for obese adults.
Dtsch Arztebl 2008; 105 (11)): 197–203
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0197
Key words: obesity, lifestyle intervention, physical activity, weight loss, M.O.B.I.L.I.S.


The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
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