ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2008Arztgeschichte: Wadenschmerzen

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Wadenschmerzen

Dtsch Arztebl 2008; 105(11): [116]

Gerber, Günther

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LNSLNS Das Erzgebirge ist die Gegend in Deutschland, wo die Hasen Hosen heißen und die Hosen Husen.

Als es uns Anfang der 60er-Jahre als junges Arztehepaar in eine Kleinstadt an der Grenze vom Vogtland zum Erzgebirge verschlug, waren wir der damaligen Notaktion „Ärzte aufs Land“ gefolgt, und zwar völlig freiwillig. Trotz der hohen Investitionen der DDR in eine meist kostenlose medizinische Ausbildung von Ärzten herrschte, nicht zuletzt durch den „Sog“ der Bundesrepublik, zeitweilig ein bedrohlicher Ärztemangel allerorten, besonders im ländlichen Raum.

Ich stamme aus diesem schönen deutschen Landstrich und sah für mich keine Probleme im Umgang mit den teils eigensinnigen Erzgebirglern. Aber für meine Frau als Urberlinerin hatte ich Bedenken. Umso erfreuter waren wir, dass meiner Frau, der neuen jungen Ärztin, von Anfang an Sympathie und Akzeptanz entgegenwehten und das Wartezimmer überquoll. Viele unserer Bekannten hatten uns vor Reserviertheit und Ablehnung der Eingeborenen „Städtern“ gegenüber gewarnt. Probleme hatte meine Frau nur mit der für sie als Berlinerin gewöhnungsbedürftigen Mundart. Ihre Sprechstundenschwester musste häufig die Sprache ins Hochdeutsche übersetzen. Das Erzgebirge ist die Gegend in Deutschland, wo die Hasen Hosen heißen und die Hosen Husen. So werden die Waden zum Beispiel auch selbstverständlich Woden genannt. . . Dies war der Anlass für die ins sagenhafte potenzierte Steigerung ihres Ansehens als Ärztin und Heilerin. Und das kam so: Eines Tages erschien in der Sprechstunde ein rüstiger Rentner, der früher einmal Bauer gewesen war. Die Schwester warnte meine Frau vor diesem griesgrämigen Eigenbrötler und Besserwisser, der alle erreichbaren Ärzte der Umgebung „testete“ und dessen Ruf als „Tageblatt“ des Ortes nicht unwesentlich über den Ruf eines Zugezogenen entschied.

„Frau Dokter, iech ho Wodenschmerzen, scho lang“, schildert der Patient seine Beschwerden. „Nun, dann machen Sie sich mal frei“, sagte meine Frau. Das Bäuerlein schob sein Hosenbein nach oben. „Nein, nein, Sie müssen sich schon ganz frei machen, Hose und Unterhose ausziehen“, forderte meine Frau. Er gehorchte aufs Wort. In dem Moment, als meine Frau anfing, den Hoden des Patienten abzutasten, rannte die Schwester aus dem Zimmer und hielt sich die Hand vors Gesicht. Meine Frau dachte, es hinge mit ihrer Übelkeit wegen der Schwangerschaft zusammen. Dagegen hielt sie es wegen eines Lachanfalls nicht mehr im Zimmer aus.

Meine Frau hatte „Hodenschmerzen“ deutlich verstanden, weil ihr ja damals „Woden“ noch nicht geläufig war. Überall im Ort erzählte der Rentner, der bei der Untersuchung wegen „Wodenschmerzen“ andächtig stillgehalten hatte, wie gründlich die „neie Ärztin“ untersucht. Noch kein Arzt vorher – und er hatte sie alle besucht – hatte so weit oben mit der Untersuchung begonnen.

Die Krankenschwestern des Landambulatoriums prophezeiten (mit Schalk in den Augen) Horrorszenarien. Zahlreiche Männer der Umgebung würden bald endemisch von ähnlichen Schmerzen befallen und die Sprechstunde der Frau Doktor bevölkern. Das trat zum Glück nicht ein. Meine Frau atmete auf.
Dr. med. Günther Gerber
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