ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2008Arztberuf: Die Medizin wird weiblich

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Arztberuf: Die Medizin wird weiblich

Dtsch Arztebl 2008; 105(12): A-609 / B-539 / C-527

Hibbeler, Birgit; Korzilius, Heike

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Karriereknick: Erziehungszeiten und Teilzeitarbeit verzögern bei vielen Frauen die Facharztprüfung.
Karriereknick: Erziehungszeiten und Teilzeitarbeit verzögern bei vielen Frauen die Facharztprüfung.
Zwei Drittel der Studienanfänger sind inzwischen Frauen. Damit sich der Ärztemangel nicht weiter verschärft, müssen die Rahmenbedingungen den Ärztinnen angepasst werden.

Kein erheblicher Nutzen für die Kranken, mehr Schaden als Nutzen für die Frauen selbst, mindestens kein Nutzen für die deutschen Hochschulen und die Wissenschaft, eine Minderung des ärztlichen Ansehens – der 26. Deutsche Ärztetag im Juni 1898 in Wiesbaden hielt nichts davon, Frauen zum Medizinstudium zuzulassen. Einen eigenen Tagesordnungspunkt hatten die Herren dem drohenden Einbruch von Frauen in die Männerdomäne gewidmet. Doch der Widerstand der ärztlichen Standesvertreter erwies sich als zwecklos.

Das Prestige sinkt
Gut einhundert Jahre später nehmen mehr Frauen als Männer ein Medizinstudium auf: Der Frauenanteil lag 2006 bei 63 Prozent. Inzwischen sind auch 40 Prozent der be-rufstätigen Ärzte weiblich. „Immer weniger Männer wollen Ärzte werden. Prestige wie Gehälter sind dramatisch gesunken. Frauen springen in die Lücke. Die Folge: noch schlechtere Löhne, weniger Forschung, Personalmangel“, analysiert die Journalistin Barbara Lukesch Ende 2007 in einem Beitrag für das Magazin „Die Weltwoche“ die Situation in der Schweiz. Frauen täten sich schwer, um bessere Löhne zu kämpfen, unter anderem deshalb, weil ihnen hohe Einkommen weniger bedeuteten als ihren männlichen Kollegen. Außerdem legten sie mehr Wert auf geregelte Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle. So müssten künftig drei junge Ärztinnen ausgebildet werden, um zwei in Pension gehende Ärzte zu ersetzen. Fazit: Damit nicht ganze Fachbereiche ausbluten, müssen Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die auch Frauen anziehen.

Die Analyse aus der Schweiz ist durchaus auf deutsche Verhältnisse übertragbar. „Die Abiturienten sehen, dass man in anderen Berufen mit weniger Verantwortung mehr Geld verdienen kann“, sagt Dr. med. Cornelia Goesmann, Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Dass der ursprünglich männlich dominierte Arztberuf an Attraktivität verloren habe, liege an den schlechten Rahmenbedingungen.

„Viel Arbeit, große Verantwortung, wenig Geld – das spricht sich herum“, bestätigt Dr. med. Heidrun Gitter. Doch die Kinderchirurgin, die seit Kurzem Vizepräsidentin der Ärztekammer Bremen ist, gibt sich optimistisch: „Das Pendel wird auch wieder umschlagen. Dafür werden der Ärztemangel und neue Vergütungsvorschriften sorgen.“ Allerdings müssten sich die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern verbessern. Es sei nicht leicht, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen – weder für Frauen noch für Männer. Eine Umfrage des Marburger Bundes aus dem vergangenen Jahr zur beruflichen Situation seiner Mitglieder stützt diese These. Sie belegt gleichzeitig die unterschiedlichen Prioritäten von Frauen und Männern und den nach wie vor großen Einfluss tradierter Rollenbilder. Während für 27 Prozent der Ärztinnen, aber nur 19 Prozent der Ärzte eine Reduzierung der Arbeitszeit „am wichtigsten“ war, hielten 35 Prozent der Männer, aber nur 30 Prozent der Frauen eine höhere Vergütung für vordringlich. Noch deutlicher lagen die Werte bei der Frage auseinander, wie wichtig Ärztinnen und Ärzten ein familienfreundliches Krankenhaus ist. 46 Prozent der Frauen sagten, „am wichtigsten“. Nur 24 Prozent der Männer teilten diese Auffassung.

Gitter hat sich in einem Fach weitergebildet, in dem Frauen noch immer Seltenheitswert haben – der Anteil der Assistentinnen in der Chirurgie liegt bei etwa 20 Prozent. Ihr gelang es dank toleranter Arbeitgeber und Kollegen, die Phase der Familiengründung und die Arbeit als Kinderchirurgin zu verbinden. Nach der Geburt ihrer Tochter hat sie sich mit einem Kollegen eine Oberarztstelle geteilt. „Eine Woche hatte er Dienst, eine Woche ich. Dadurch konnte ich viel entspannter arbeiten“, sagt Gitter. „Was wir brauchen, sind geregeltere Arbeitszeiten. Außerdem muss es selbstverständlich werden, dass man Teilzeit arbeitet.“

Einbruch in die Männerdomäne – aber nur bis zu einer bestimmten Hierarchiestufe. Frauen auf dem Chefarztsessel sind noch immer die Ausnahme.
Einbruch in die Männerdomäne – aber nur bis zu einer bestimmten Hierarchiestufe. Frauen auf dem Chefarztsessel sind noch immer die Ausnahme.
Kinder und Beruf – das geht
„Früher hat man uns ein schlechtes Gewissen eingeredet, wenn wir versucht haben, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen“, sagt Dr. med. Gisela Dahl. Die 64-Jährige hat sich 1974 als Allgemeinärztin in einer Praxisgemeinschaft niedergelassen. „Ich bin ein selbstständiger Mensch und wollte mein eigenes Unternehmen haben“, betont sie. „Aber ich hatte es schwerer als die Männer.“ Damals habe die Einstellung geherrscht, dass eine Frau selbst sehen müsse, wie sie Beruf und Familie organisiert bekomme. Um die Attraktivität des Arztberufs zu steigern, fordert Dahl, die seit 2005 Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg ist, ein flächendeckendes Angebot an Kindertagesstätten. Die KV biete außerdem Wiedereinsteigerkurse für Ärztinnen an, die länger pausiert hätten. Was allerdings fehle, sei eine Niederlassungsberatung speziell für Frauen, in der auch die flexibleren Möglichkeiten erörtert würden, die sich zum Beispiel aus dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz ergeben.

„Dass immer mehr Frauen den Arztberuf ergreifen, ist eine Chance für die ganze Ärzteschaft“, betont Dr. med. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB). Nicht nur die Frauen, sondern die gesamte junge Ärztegeneration habe heutzutage höhere Ansprüche an die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Durch den Ärztemangel habe die Forderung nach einer ausgeglicheneren Work-Life-Balance gute Chancen, Gehör zu finden. Künftig werde es in den Krankenhäusern nicht mehr heißen: „Sie wollen hier arbeiten, dann sehen Sie zu, wie Sie Ihr Privatleben organisieren.“ Sondern: „Wir sind an Ihrer Arbeitskraft interessiert. Was können wir für Sie tun?“ Dabei ziehe das Angebot einer Kinderbetreuung nicht nur Ärzte und Ärztinnen an, sondern steigere die Mitarbeiterzufriedenheit und biete den Einrichtungen wirtschaftliche Vorteile (dazu DÄ, Heft 49/2006).

Mentoren als Karrierevorbilder
Die Medizin wird weiblich. So viel steht fest. Allerdings gilt dies nur bis zu einer bestimmten Hierachiestufe. Frauen auf dem Chefarztsessel sind immer noch die Ausnahme. Nur elf Prozent der leitenden Krankenhausärzte sind weiblich. „Männer haben bessere Netzwerke als Frauen“, weiß Bühren. Außerdem tendierten Männer dazu, eher Männer zu fördern – das „jüngere Selbst“.

Dass Medizinerinnen ihre Aufstiegschancen schlechter einstufen als Akademikerinnen anderer Fachbereiche, belegt die Studie „Karrierehindernisse für Frauen in Führungspositionen“ des Steinbeis-Technologietransferzentrums in Villingen-Schwenningen und der Hochschule Furtwangen. 57 Prozent der Ärztinnen sind der Meinung, Männer würden bei Beförderungen bevorzugt. Bei den Nichtmedizinerinnen sind es 44 Prozent.

Auch die Motivation von Ärztinnen in leitenden Positionen weicht offenbar von der anderer Akademikerinnen ab. „Was ist das Wichtigste, das Ihnen Ihr Beruf ermöglichen sollte?“ – Bei dieser Frage gaben 68 Prozent der Nichtmedizinerinnen „finanzielle Unabhängigkeit“ an, aber nur 43 Prozent der Ärztinnen. Ihnen war hingegen die „Sinnfindung“ deutlich wichtiger als den anderen Akademikerinnen. Fazit der Studie: Insbesondere Medizinerinnen geht es nicht in erster Linie um Macht und Geld, wenn sie eine Führungsposition anstreben. Sie wollen eher gestalten, ihrem Leben einen Sinn geben und ihr Wissen ausbauen.

Ärztinnen sind nicht nur in den Chefetagen der Krankenhäuser unterrepräsentiert, sondern auch in Wissenschaft und Forschung. Während noch die Hälfte der medizinischen Promotionen von Frauen angefertigt werden, sieht es bei den Habilitationen schon anders aus: Nur noch 17,6 Prozent stammen von einer Medizinerin. Das erklärt, warum lediglich 11,8 Prozent der Professuren in der Humanmedizin von Frauen besetzt sind. „Die unzureichende Repräsentanz von Frauen gehört zu den gravierendsten Defiziten der wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland“, sagt Prof. Dr. Peter Strohschneider, Präsident des Wissenschaftsrates, mit Blick auf die gesamte Wissenschaftslandschaft. Zur Förderung von Forscherinnen favorisiert der Wissenschaftsrat das sogenannte Kaskadenmodell. Es sieht vor, dass Frauen so lange gefördert werden müssen, bis ihr Anteil auf einer Hierarchieebene genauso hoch ist wie auf der Ebene darunter. Wenn also 50 Prozent der Doktoranden in einem Fach weiblich sind, sollte es bei den Habilitationen genauso sein. „Hoch qualifizierte und talentierte Wissenschaftlerinnen gehören in die Spitzenpositionen von Wissenschaft und Forschung“, fordert auch Bun­des­for­schungs­minis­terin Dr. Annette Schavan. Zur Förderung von Frauenprofessuren stellen Bund und Länder bis 2012 rund 150 Millionen Euro zur Verfügung.

Zum Abbau von Karrierehindernissen für Frauen haben sich Mentoring-Programme als hilfreich erwiesen. Sowohl der DÄB als auch die Marburger-Bund-Stiftung unterhalten solche Programme. Aber auch Universitäten versuchen, den weiblichen Nachwuchs zu fördern. Dazu zählt beispielsweise das Programm „TANDEMplusMED“ der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, das Medizinerinnen auf dem Weg zur Professur gezielt unterstützt. TANDEMplusMED organisiert für Nachwuchswissenschaftlerinnen (Mentees) den Kontakt zu einem erfahrenen Mentor oder einer Mentorin. Sie unterstützen die jungen Ärztinnen bei der Karriereplanung und geben eigene Erfahrungen über die Spielregeln im Wissenschaftssystem weiter. Außerdem erhalten die Mentees ein Training zur Stärkung persönlicher und strategischer Kompetenzen.

„Wenn Frauen eine Spitzenposition anstreben, haben sie nach wie vor mit einer Vielzahl von Hindernissen zu kämpfen“, sagt Projektkoordinatorin Dr. Henrike Wolf. Dazu zählt sie äußere Faktoren, wie ein konservatives Geschlechterrollenverständnis, männlich geprägte hierarchische Strukturen in den Kliniken und fehlende Netzwerke. Es gebe aber auch innere Barrieren: „Frauen planen ihre Karriere oft nicht bewusst und sind weniger erfolgsorientiert als Männer.“ Die bisherigen Erfahrungen mit dem Mentoring-Programm sind durchweg positiv. Wolf hält das Angebot für unerlässlich: „Der ärztliche Nachwuchsmangel resultiert auch daher, dass Frauen ihre Kompetenzen nicht voll einbringen.“

Das gilt auch für die Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung. KV-Vorstand Dahl, BÄK-Vizepräsidentin Goesmann und die Vizepräsidentin der Ärztekammer Bremen, Gitter, gehören zu den wenigen Frauen, die in der ärztlichen Berufspolitik Vorstandsposten besetzen. Nur drei der 17 Präsidenten der Ländesärztekammern und vier von 17 KV-Vorsitzenden sind weiblich. „Viele Frauen streben keinen Posten an und verkennen dabei, dass man vieles nur dann verändern kann, wenn man einen solchen bekleidet“, sagt Dahl. Gerade im Alter zwischen 30 und 35 Jahren fehle vielen Ärztinnen in der Familienphase die Zeit, sich berufspolitisch zu engagieren. Diese Auffassung teilt auch Goesmann. Es sei aufwendig, Vollzeit zu arbeiten, eine Familie zu haben und sich gleichzeitig noch berufspolitisch zu engagieren: „Man muss außerdem Jahre durchhalten, bis man sich eine Position erarbeitet hat.“

Trendwende nach der Promotion: In die Spitzenforschung bringen Ärztinnen ihre Kompetenzen kaum ein.
Trendwende nach der Promotion: In die Spitzenforschung bringen Ärztinnen ihre Kompetenzen kaum ein.
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Frauen in die Gremien
Nach Ansicht Gitters müssen Frauen sich besser vernetzen. „Mehr Frauen sollten Frauen fördern. Das biete ich den weiblichen Delegierten in der Kammerversammlung auch an. Wir müssen Vorbilder schaffen“, sagt die Bremer Vizepräsidentin. „Allerdings hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan“, ergänzt Goesmann. Eine wichtige Errungenschaft seien Kinderbetreuungsangebote, zum Beispiel für Delegierte des Deutschen Ärztetages. Die meisten Lan­des­ärz­te­kam­mern hätten zudem Ärztinnenausschüsse eingerichtet. Dabei sei es aber wichtig, nicht nur zu debattieren.

Erfolgreicher Lobbyarbeit ist es zu verdanken, dass das Thema „Ärztinnen“ es 2002 erneut auf die Tagesordnung eines Deutschen Ärztetages schaffte. Eine der wichtigsten Forderungen war damals die Berücksichtigung von Kindererziehungszeiten bei den ärztlichen Versorgungswerken. „Das ist in einem System, das auf Kapitaldeckung basiert, natürlich ein systemfremdes Element“, sagt Dr. med. Annegret Schoeller, Referentin bei der Bundes­ärzte­kammer. „Deswegen wurde das Ansinnen strikt abgelehnt.“ Die meisten Versorgungswerke erkennen allerdings inzwischen Kinderbetreuungszeiten von drei Jahren an. Das heißt, dass zwar für die Dauer der Ausfallzeiten keine fiktiven Beitragszahlungen angerechnet werden, bei der Berechnung der durchschnittlichen Steigerungszahl aber die Ausfallzeit nicht berücksichtigt wird. Einzig Bremen rechnet ein Jahr Kindererziehungszeit an. Hier führen fiktive Beitragszahlungen zu einer Steigerung in der Rentenanwartschaft.

„Frauen sollten in den Arbeitskreisen mitarbeiten, die sich mit den wichtigen Sachfragen beschäftigen: den Versorgungswerken, den Finanzen oder auch der Weiterbildung“, betont Gitter. Gerade dort haben Frauen Nachteile. Bei 77 Prozent der Ärztinnen verzögert sich die Weiterbildung, weil sie währenddessen Kinder bekommen. Das belegt eine Erhebung der hessischen Lan­des­ärz­te­kam­mer von 2007. Die Zeit bis zur Facharztprüfung verlängere sich außerdem, weil viele nach dem Wiedereinstieg nur Teilzeit arbeiteten. Das wiederum wirkt sich negativ auf die Karrierechancen aus. Womöglich lässt sich dieser Teufelskreis durchbrechen, wenn sich durch den hohen Anteil von Frauen die Rahmenbedingungen und das Arztbild verändern. „Aus dem Halbgott in Weiß wird sicher keine Halbgöttin werden“, sagt KV-Vorstand Dahl. „Die Medizin ist männlich und weiblich. Es sollte derjenige Arzt werden, dem der Beruf Spaß macht.“

Dr. med. Birgit Hibbeler, Heike Korzilius

Was Frauen Wollen

Foto: privat
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Isabel Dietz (24), Medizinstudentin, München:
Zu Beginn des Studiums wollte ich Chirurgin werden. Durch meine Erfahrungen aus Famulaturen und Praktika sehe ich dort heute aber nicht mehr meine Zukunft. Eigentlich halte ich mich für durchsetzungsfähig, möchte aber nicht täglich gegen Widerstände kämpfen und mich dafür rechtfertigen müssen, wenn ich eines Tages Kinder haben will. Ich stelle mir unter Privatleben mehr vor, als einen Goldfisch oder eine Katze zu haben. Mehr „weibliche“ Elemente in der Medizin würden den wenigsten Fächern schaden. Und dabei denke ich nicht nur an Teilzeitangebote und Kinderbetreuung in den Krankenhäusern, sondern auch an ganz banale Dinge wie eine vernünftige Kommunikation oder gegenseitige Wertschätzung unter den Ärzten.

Foto: privat
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Hannah Briesenick (28), Assistenzärztin, Innere Medizin, Amberg/Oberpfalz:
Bei der Arbeit fühle ich mich absolut ernst genommen. Grundsätzlich denke ich aber, dass Frauen ab einer gewissen Hierarchiestufe deutlich mehr leisten müssen als Männer, um im Beruf den gleichen Erfolg zu haben. Zum einen ist die Führungsriege immer noch ein „old boys’ club“, es gibt nach wie vor nur wenige Oberärztinnen und kaum Chefärztinnen. Zum anderen stellt sich für Frauen – besonders in unserem Beruf mit einer enormen Stundenbelastung – die Frage „Kind oder Karriere?“. Meistens stecken ja doch die Frauen beruflich zurück, wenn Kinder da sind – auch, weil ein „Vollzeit-Vater“ bei uns kaum als richtiger Mann gilt. Da ist vor allem die Politik gefragt, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Vorbilder, zum Beispiel aus Skandinavien, gibt es genug.

Foto: privat
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Prof. Dr. med. Katrin Engelmann (51), Chefärztin der Augenklinik am Klinikum Chemnitz:
Für meine Karriere war es ganz wichtig, dass ich ein weibliches Vorbild hatte. Außerdem habe ich an einem Mentoring-Programm teilgenommen. Solche Förderungen müssen weiter ausgebaut werden, denn es gibt immer noch zu wenige Frauen in Spitzenpositionen. Männer sind meist zielorientierter und haben bessere Netzwerke. Ein Mentoring setzt bestenfalls schon im Studium oder aber in der Assistentenzeit an.
Frauen kann man damit gezielt und dauerhaft für die Forschung gewinnen. Viele Medizinstudentinnen promovieren zwar, aber den Aufwand einer Habilitation und einer wissenschaftlichen Laufbahn scheuen viele.
Auch durch bessere Kinderbetreuungsangebote könnte man den Frauen die Entscheidung für die Wissenschaft leichter machen.

Foto: privat
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Dr. med. Margrit Lock (42), niedergelassene Fachärztin für Orthopädie, Berlin
Ich bin Orthopädin geworden, weil ich Patienten dabei helfen wollte, wieder Sport treiben zu können. Ich war selbst Leistungsschwimmerin und habe lange als Trainerin gearbeitet. Ich wäre gerne Oberärztin geworden. Das ließ sich aber in den Strukturen nicht machen. In der Schwangerschaft und nachher mit kleinen Kindern konnte ich nicht mehr so viel operieren, sodass eine Karriere im Krankenhaus nicht mehr infrage kam. Inzwischen betreibe ich zusammen mit einer Kollegin eine orthopädische Praxis. Um nicht so häufig nachmittags arbeiten zu müssen, haben wir einen Kollegen angestellt. Ich arbeite Teilzeit und kann so Beruf und Familie gut vereinbaren. Aber es müsste auch im Krankenhaus flexiblere Arbeitszeitmodelle geben. Ich habe gerne operiert.
Einbruch in die Männerdomäne – aber nur bis zu einer bestimmten Hierarchiestufe. Frauen auf dem Chefarztsessel sind noch immer die Ausnahme.
Einbruch in die Männerdomäne – aber nur bis zu einer bestimmten Hierarchiestufe. Frauen auf dem Chefarztsessel sind noch immer die Ausnahme.
Grafik 1
Einbruch in die Männerdomäne – aber nur bis zu einer bestimmten Hierarchiestufe. Frauen auf dem Chefarztsessel sind noch immer die Ausnahme.
Trendwende nach der Promotion: In die Spitzenforschung bringen Ärztinnen ihre Kompetenzen kaum ein.
Trendwende nach der Promotion: In die Spitzenforschung bringen Ärztinnen ihre Kompetenzen kaum ein.
Grafik 2
Trendwende nach der Promotion: In die Spitzenforschung bringen Ärztinnen ihre Kompetenzen kaum ein.

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