ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1997Qualitätssicherung: Auch Patientenurteil berücksichtigen

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Qualitätssicherung: Auch Patientenurteil berücksichtigen

Clade, Harald

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LNSLNS In den letzten Jahren sind die Anstrengungen zur Verbesserung der Qualitätssicherung sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich spürbar verstärkt worden. Zahlreiche Handlungsanleitungen, systematisch entwickelte, empirisch erprobte oder individuell gestaltete Maßnahmen zur Qualitätssicherung, zum Qualitätsmanagement und zu kollegial geleiteten Qualitätszirkeln werden tagtäglich angewandt. Ein großer Mangel, wie jetzt eine empirische Studie feststellte: Die Patientenmeinung wird bei der Qualitätsbeurteilung nur selten berücksichtigt.


Damit die Maßnahmen zur routinisierten Qualitätssicherung sich nicht im theoretischen Raum bewegen, sollten sich vor allem die niedergelassenen Ärzte bei der Qualitätsbeurteilung nicht nur auf interne und externe Qualitätssicherungsaktivitäten beschränken, sondern sich auch offen und offensiv der Beurteilung der ärztlichen Maßnahmen durch die Betroffenen - die Patienten und ihre Angehörigen - stellen. Auch sollten die Datenverarbeitungssysteme und die automatisierte Informationsübermittlung, wie sie in Arztpraxen eingesetzt werden, stärker als bisher in den Dienst des Qualitätsmanagements und der Qualitätsbeurteilung gestellt werden. Dies ist das Fazit eines Zwischenberichtes zu einer umfassenden Grundlagenstudie "Qualitätsmanagement in der Arztpraxis", die auf einer repräsentativen Telefonbefragung bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten in Schleswig-Holstein beruht. Für die Durchführung zeichnet die BrendanSchmittmann-Stiftung des NAV-Virchowbundes verantwortlich. Die aus Mitteln des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums geförderte Studie wird als Verbundprojekt zusammen mit sieben Instituten und Wissenschaftlern durchgeführt, darunter auch die Medizinische Hochschule Hannover und Prof. Dr. med. Rolf-Dieter Hesch.
In Schleswig-Holstein ist die Akzeptanz für Maßnahmen zur Qualitätssicherung, die von ärztlichen Körperschaften und Organisationen oder Gruppierungen von Ärzten initiiert und durchgeführt werden, im Gegensatz zu den anderen Kassenärztlichen Vereinigungen überdurchschnittlich hoch. Vier von fünf befragten Ärzten an der "Waterkant" messen dem Qualitätsmanagement (QM) in der Zukunft wachsende Bedeutung zu. Allerdings müßten die Maßnahmen und Instrumente zur Qualitätsbeurteilung durch Eigeninitiativen und durch ärztliche Selbstverwaltung (Ärztekammern, Kassenärztliche Vereinigungen, Einzelinitiativen) getragen werden. Sie sollten nicht durch Fremdeinflüsse oder von außen oktroyierte Kontrollinstanzen gestört werden. Die Maßnahmen dürften nicht durch vordergründig kostenorientierte Kontrollen, die das Mißtrauen schüren, und durch überzogene gesetzliche Reglementierungen konterkariert werden.


Studie in Schleswig-Holstein
In Schleswig-Holstein wurden wie beispielsweise auch in Bayern, Nordrhein-Westfalen und anderen Regionalbereichen Qualitätszirkel eingerichtet, in denen die niedergelassenen Vertragsärzte mit Krankenhausärzten und anderen externen Stellen auf kollegialer Basis kooperieren. Die Kassenärztlichen Vereinigungen bewerten dies positiv, zumal die Förderung des Qualitätsmanagements auch als Möglichkeit der zusätzlichen Service-Funktion für die Mitglieder der KVen verstanden und entsprechend propagiert wird. Besonders attraktiv bei 90 Prozent der Befragten sind QS-Maßnahmen wie etwa "Methoden zur Schwachstellenanalyse in der Praxis", "Fortbildungsintensivseminare", "Beratung zum Qualitätsmanagement" und gezielte "Anregungen aus der ärztlichen Fachpresse".
Tendenziell sind Vertragsärzte, die jünger als 50 Jahre sind, aufgeschlossener für QS-Maßnahmen. Sie melden häufig Unterstützungs- und Informationsbedarf (78 Prozent) an. In der Gruppe von Ärzten über 50 Jahre sind dies 50 Prozent. Der QS-Beratungsbedarf in der Gruppe der Ärztinnen und Ärzte mit einer sechs- bis zehnjährigen Niederlassungsdauer ist mit 91 Prozent weitaus höher als in der Gruppe der Ärztinnen und Ärzte, die auf höchstens fünf Jahre der Dauer der Niederlassung zurückblicken können (76 Prozent).
Die Studie bemängelt die unzureichende Patientenorientierung der Maßnahmen: Nur ein Viertel (26 Prozent) der Ärzte bietet eine Selbstdarstellung der Praxisqualität und QS-Maßnahmen an, darunter zumeist eher die Großpraxen und überdurchschnittlich viele Allgemeinärzte.
Nur 46 Prozent der Ärzte gaben an, die Patienten schon einmal nach den Erwartungen an die Arztpraxis, über das allgemeine und spezifische Behandlungsangebot und zum Service gefragt zu haben. Viele Ärzte (35 Prozent) haben dies durch persönliche Ansprache und Information während der ärztlichen Sprechstunde getan, acht Prozent durch eine schriftliche Patientenbefragung und weitere drei Prozent über einen Zettelkasten in der Praxis, über den Anregungen und Wünsche auch anonym dem Arzt zugeleitet werden könnnen.
Obwohl bereits 85 Prozent der schleswig-holsteinischen Ärztinnen und Ärzte mit Datenverarbeitungsanlagen (PC) ausgestattet sind (Internisten: fast 100 Prozent; Allgemeinärzte: 88 Prozent; übrige Gebietsärzte: 76 Prozent), wird dieses Instrument kaum für die Qualitätssicherung aktiviert. Andererseits werden Diagnosen zu acht Prozent, Therapien zu 69 Prozent in die EDV eingespeist.


Hilfsmittel PC
Rund zwei Drittel der Ärzte informieren sich mittels PC über Arzneimittel, Anwendungsspektrum und Nebenwirkung der Präparate. Falls in der Software Warnfunktionen für die Arzneimittelunverträglichkeiten integriert sind, wird dies von 55 Prozent der Ärzte genutzt.
Ein Viertel der Ärzte - darunter überdurchschnittlich viele Allgemeinärzte - arbeiten mit Checklisten zur Kontrolle des Praxisablaufs und der Praxisorganisation (einschließlich von Hygiene-Check- oder BestellChecklisten für die Praxishelferinnen). In nur 22 Prozent der Fälle werden regelmäßige PraxisTeambesprechungen des Praxisinhabers mit seinem Personal abgehalten. Dr. Harald Clade

"Qualitätsmanagement in der Arztpraxis", Teilprojekt 6: "Ergebnisse einer repräsentativen Telefonbefragung von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten in Schleswig-Holstein", Projektbeauftragter: BrendanSchmittmann-Stiftung des NAV-Virchowbundes (Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e.V.), Projektleiter: Dr. rer. pol. Peter Röhrig, Köln (als Verbundprojekt mit sechs weiteren wissenschaftlichen Instituten und Personen, gefördert durch das Bundesministerium für Gesundheit, Bonn, 1996)

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