ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2008Ärzte offen für OTC-Präparate

POLITIK: Umfrage

Ärzte offen für OTC-Präparate

Rabbata, Samir

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LNSLNS Fast jedes fünfte verordnete Arzneimittel müssen Kassenpatienten selbst bezahlen. Es wären noch mehr, wenn Ärzte nicht Rücksicht auf den Geldbeutel ihrer Patienten nehmen würden.

Kaum vorstellbar, dass sich niedergelassene Ärzte angesichts der überbordenden Bürokratie in den Praxen freiwillig Schreibarbeit aufhalsen. Trotzdem hat sich das sogenannte grüne Rezept, das allenfalls Informations- und Empfehlungscharakter hat, in Hausarztpraxen durchgesetzt. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS-Healthcare im Auftrag des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie hervor. Ein weiteres Ergebnis der Anfang März abgeschlossenen Befragung von 200 niedergelassenen Allgemeinmedizinern, Praktikern und Internisten: Gut vier Jahre, nachdem der Gesetzgeber die Erstattungsfähigkeit von rezeptfreien Arzneimitteln mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GKV-GMG) weitestgehend ausgeschlossen hat, spielen Medikamente aus dem Over-the-counter(OTC)-Bereich in Hausarztpraxen nach wie vor eine wichtige Rolle.

Nach der Untersuchung sind für 96 Prozent der befragten Allgemeinmediziner apothekenpflichtige rezeptfreie Medikamente bei der Therapie von leichten Erkrankungen sinnvoll. 82 Prozent von ihnen meinen, dass dies auch für mittlere Beschwerden gilt. Gut ein Drittel der Ärzte ist der Meinung, rezeptfreie Arzneimittel könnten sogar bei starken Gesundheitsstörungen eingesetzt werden.

Entsprechend häufig raten Ärztinnen und Ärzte ihren Patienten zu rezeptfreien Medikamenten, die sie in der Apotheke selbst bezahlen müssen. So entfallen 73 Prozent aller Verordnungen in Hausarztpraxen auf rezeptpflichtige Präparate und 27 Prozent auf nicht verschreibungspflichtige Medikamente. Bei 13 Prozent aller Verordnungen stellen Ärzte ein grünes Rezept oder ein Privatrezept aus, bei fünf Prozent müssen sich die Patienten mit einer mündlichen Empfehlung für ein rezeptfreies Medikament begnügen. Jede dritte OTC-Verordnung fällt unter die vom Gesetzgeber geschaffene Ausnahmeregelung. Sie sieht unter anderem vor, dass die Krankenkassen rezeptfreie Medikamente für Kinder bezahlen müssen.

Eingeführt wurde das grüne Rezept von Ärzten, Apothekern und Arzneimittelherstellern als Reaktion auf die Neuregelung im GKV-GMG für rezeptfreie Medikamente. Für die Pharmaindustrie ist es vor allem ein Marketinginstrument. Ärzte hingegen können damit ihren Patienten zu einem Medikament raten, das zwar nicht von den Kassen erstattet wird, aber in ihren Augen trotzdem sinnvoll ist. Für viele Patientinnen und Patienten dient das grüne Rezept zudem als Merkhilfe bezüglich Name, Wirkstoff, Darreichungsform oder Packungsgröße.

Patienten akzeptieren grünes Rezept
Aktuelle Zahlen darüber, ob die Patienten die auf dem Rezept empfohlenen Medikamente auch wirklich in der Apotheke kaufen, liegen nicht vor. Doch nach Angaben der befragten Ärzte akzeptieren die meisten Patienten die Ausstellung des grünen Rezepts oder eines Privatrezepts für ein nicht verschreibungspflichtiges Medikament (siehe Grafik). Dies ist nach der Untersuchung vor allem dann der Fall, wenn Ärzte mit ihren Patienten über Selbstmedikation sprechen.

Dennoch: Weil Ärztinnen und Ärzte Rücksicht auf ihre Patienten nehmen, entfallen immerhin 14 Prozent aller Verordnungen auf rezeptpflichtige Medikamente, obwohl nach Meinung der Ärzte gleichwertige nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel zur Verfügung stehen. Dies begründen sie zu 52 Prozent damit, dass sie ihren Patienten Kosten ersparen wollen. Zu 34 Prozent geht aus den Antworten hervor, dass die Ärzte Diskussionen vermeiden sollen und deshalb lieber zum rosafarbenen statt zum grünen Rezeptblock greifen. Zu 20 Prozent begründen die Ärzte ihr Verordnungsverhalten mit der Angst, Patienten zu verlieren.
Samir Rabbata
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