ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2008Forschungsbewertung: Fairness für forschende Chirurgen: ein Plädoyer

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Forschungsbewertung: Fairness für forschende Chirurgen: ein Plädoyer

Dtsch Arztebl 2008; 105(12): A-625 / B-552 / C-540

Vahl, Christian-Friedrich

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Das Impact-Punkte-System hat sich in der Medizin durchgesetzt. Forschungsanträge aus der Chirurgie ohne molekularbiologisches Beiwerk oder ohne Kooperationen mit höher bewerteten Fachrichtungen haben nur geringe Förderungschancen.

Christian-Friedrich Vahl

Das Bewertungsverfahren für die mit öffentlichen Mitteln geförderte medizinische Forschung hat zu einer Bevorzugung der patientenfernen Grundlagenforschung geführt. Der Mangel an qualitativ hochwertiger klinischer und speziell chirurgischer Forschung wird seit zehn Jahren verstärkt beklagt, in seinen Ausmaßen aber erst jetzt erkannt. Trotz einer steigenden Nachfrage nach chirurgischen Leistungen zeichnet sich derzeit ein Mangel an Chirurgen in Deutschland ab.

An den Universitätskliniken im Bundesgebiet sind die chirurgischen Disziplinen nicht nur fachlich innovativ und erfolgreich, sondern auch ökonomisch profitabel und zumeist mit mehr als 50 Prozent an den
Umsatzerlösen beteiligt. Umgekehrt werden deutlich weniger als ein Viertel der verfügbaren Drittmittel in die chirurgische Forschung investiert. Dies betrifft sowohl die bundesweit vergebenen Mittel als auch – soweit bekannt – die universitätsinternen Förderprogramme. Das hat bereits heute an allen Universitätskliniken spürbare Auswirkungen. Die Zuweisung von Forschungsmitteln ist für ambitionierte Berufsanfänger eine konkrete Absicherung auf dem akademischen Lebensweg. Mit fehlenden Forschungsmitteln geht der akademischen Chirurgie der Nachwuchs verloren.

Vielfach wird das Problem noch nicht als Systemproblem erkannt, sondern als ein lokal begrenztes Individualproblem angesehen: Von mangelnder Forschungsbefähigung bis hin zu mangelndem Forschungsinteresse der Chirurgen reichen die Argumente von Kollegen, die oft Nutznießer des bestehenden Systems sind. Mancherorts gibt es das Bemühen, eine faire universitätsinterne Balance der Landeszuweisungen zu erreichen; so werden zum Beispiel bei fachbereichsinternen Bewertungen Bonuspunkte für chirurgische Anträge vergeben. Ein wichtiger Ansatz zur Verbesserung der akademischen Perspektiven des chirurgischen Nachwuchses besteht – wie etwa in Mainz – in einer fachgebietspezifischen Bewertung der habilitationsrelevanten Publikationsorgane. All diese korrigierenden Eingriffe lösen das Problem aber nicht, sondern perpetuieren oder verstärken es ungewollt.

Die Impact-Punkte-Falle
Zur Forschungsbewertung hat sich in der Medizin das „Impact-Punkte-System“ durchgesetzt. Nicht nur die Qualität der Forschungsleistung selbst wird nach Impact-Punkten bewertet, sondern vor allem die Auswahl der Wissenschaftler, die über die Forschungsleistung anderer Wissenschaftler urteilen, verläuft nach diesem System.

Als Folge hat sich in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten so etwas wie eine „gefühlte Hierarchie der medizinischen Wissenschaften“ entwickelt. Scheinbar legitimiert durch Impact-Punkte, meinen manche Wissenschaftler einer medizinischen Fakultät, wichtige von unwichtigeren Wissenschaftszweigen innerhalb der Medizin unterscheiden zu können. Ein akademischer Chirurg wird in eine defensive Rolle gedrängt und muss begründen, warum er durch die Zeitschriften, in denen er publiziert, keine hinreichenden Impact-Punkte für sich generiert. Theoretiker sehen in fehlenden Impact-Punkten ein Indiz für eine mangelhafte akademische Qualifikation seines Fachgebiets.

Notwendig wäre es daher, eine angemessene Sensibilität für die Ungerechtigkeit des derzeitigen Forschungsbewertungssystems zu entwickeln. Es geht nicht darum, Forschungsleistungen aus dem Blickwinkel der Chirurgie zu bewerten, wohl aber auch aus der Sicht einer Medizin, die das Primat der Krankheitsbekämpfung nicht verdrängt, sondern zum Ziel hat.

Die von vielen gefühlte Hierarchie in der Medizin führt dazu, dass ein Chirurg, der sich zur Finanzierung seines Forschungsprojekts einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) begleiteten Begutachtungsverfahren stellt, damit rechnen muss, dass er von nicht chirurgischen Medizinern begutachtet wird. Auch wenn oft keine direkte fachliche Qualifikation erkennbar ist, so sind diese Gutachter durch die Zahl ihrer Impact-Punkte legitimiert.

Diese fachfremde Begutachtung begünstigt Interessenkonflikte. Werden Anträge von Chirurgen durch Wissenschaftler anderer Disziplinen beurteilt, spürt man gelegentlich eine sachfremde Berufspolitik. Ergibt sich ein unmittelbarer Konflikt zwischen berufspolitischen Interessen des Gutachters einerseits und der fairen Würdigung eines neuen, durch Forschung zu sichernden chirurgischen Therapieangebots andererseits, ist nicht immer vorhersehbar, welches Argument sich am Ende durchsetzt.

Erschwert wird das Begutachtungsverfahren durch marktspezifische Aspekte. Für eine Reihe von Erkrankungen gibt es chirurgische und internistische Optionen, die beide Vor- und Nachteile haben. Eine Entscheidung für eine chirurgische Option ist immer auch eine Entscheidung für einen „chirurgischen Markt“. Unter diesen Gesichtspunkten ist es nachvollziehbar, dass ein fachfremder Gutachter, etwa aus der Kardiologie, in einen Konflikt gerät, wenn er einem Kardiovaskularchirurgen Forschungsmittel zugesteht, die dessen Marktanteil an seiner Universität vergrößern – unabhängig von der wissenschaftlichen Qualität der Argumente des Chirurgen. Und für die Medizinindustrie ist der Markt im Bereich der konservativen Medizin ungleich größer als bei den chirurgischen Disziplinen. Dabei ist es inakzeptabel, dass es heute für einen deutschen Chirurgen in jedem Stadium seines beruflichen Werdegangs leichter ist, chirurgische Forschungsprojekte in den USA finanziert zu bekommen, als die gleichen Projekte in Deutschland durchzuführen.

Persönlichkeitsmerkmale des erfolgreichen Impact-Punkte-Sammlers sind nicht immer förderlich für die Begutachtung eines chirurgischen Projekts. Aus theoretischen Instituten kommende, frühzeitig habilitierte und politisch gewünschte Juniorprofessoren fühlen sich zur Beurteilung anderer Wissenschaftler geradezu berufen. Manche dieser jungen Wissenschaftler, denen sogar die Perspektive für ihr eigenes Fachgebiet – jenseits des mikromolekularen Zusammenhangs, dessen Bearbeitung sie gerade erfolgreich abgeschlossen haben – noch fehlt, werden kaum in der Lage sein, die Implikationen der Ablehnung eines chirurgischen innovativen Forschungsprojekts zu verstehen. Gerade ein akademischer Begutachtungsprozess verlangt nach ausgeglichenen, gereiften Persönlichkeiten. Hierbei kommt es ganz wesentlich auf Kommunikation und auch auf Gefühle ebenso wie auf Vertrauen in die Fantasie und Leistungsfähigkeit des zu Begutachtenden an. Und zur Wahrnehmung von Perspektive und Potenzial eines anderen Wissenschaftlers bedarf es neben der fachlichen Qualifikation einer gewissen Sensibilität, Reife und Lebenserfahrung.

Da chirurgietypische Publikationsorgane für den Chirurgen keinen Impact-Punkt-Ertrag erbringen, suchten Chirurgen nach Lösungsstrategien. Was lag näher, als chirurgisches Resektionsmaterial an Theoretiker weiterzugeben, um dann – nach mehr oder weniger vorher besprochenem Modus – als Ko-, Erst- oder Letztautor genannt zu werden. Manche Chirurgen sagen sogar offen, dass sie „ihren Theoretiker haben, der ihnen die Forschung macht“. Aber ist es wirklich chirurgische Forschung, Resektionsmaterial abzugeben und in onkologischen Zentren analysieren zu lassen? Unbestritten ist, dass die Forschungsleistung des Chirurgen, der Gewebeproben zur Analyse weggibt, heute ungleich höher bewertet wird, als die eines Chirurgen, der in einem aufwendigen Forschungsprojekt mit Großtierversuchen neue operative Verfahren entwickelt oder evaluiert.

Das hat unmittelbare Auswirkungen auf Berufungsverfahren: Soll ein Lehrstuhl für Chirurgie an einer Universität neu besetzt werden, kommt es mancherorts zu offenen Konflikten in Berufungskommissionen und Fachbereichen, in denen die Theoretiker darauf drängen, den Impact-Punkte-Besten zu berufen, selbst wenn sich dieser de facto weder als Chirurg noch als Wissenschaftler qualifiziert hat.

Das sich bundesweit etablierende Impact-System durchdringt und verändert auch die lokale Wissenschaftskultur der Universitäten. In Förderungsprogrammen wird dort wiederholt, was bundesweit geschieht: Chirurgische Forschungsanträge ohne molekularbiologisches Beiwerk oder ohne Kooperationen mit hoch hierarchisierten Wissenschaftlern haben nur geringe Förderungschancen. Die Beantragung notwendiger Forschungsgroßgeräte von Chirurgen hat – anders als zum Beispiel die von Kardiologen oder Radiologen – oft nicht einmal die Chance, die Großgerätekommissionen der Universität zu passieren.

Die Fachgesellschaften haben in der Vergangenheit den in sie gesetzten Erwartungen nicht entsprochen. Sie wiederholten die hierarchisierenden Argumente, indem sie sich selbst jeweils für die bedeutsamste Fachgesellschaft hielten. Am Beispiel der Interaktion von Kardiologie und Herzchirurgie lässt sich nachvollziehen, dass ungeachtet der Studienlage und vor allem ungeachtet der konsentierten Leitlinien beider Fachgesellschaften in der Praxis eine Form universitärer Forschung und Therapie angeboten wird, bei der Markt- und Industrieinteressen über ärztlich inhaltliche Positionen triumphieren können. Auch dem Wissenschaftsrat oder dem Senat der DFG fehlt es zuweilen an der Sensibilität für diese Probleme, sodass hier eine nicht abweisbare Mitverantwortung an der Fehlentwicklung in der universitären Forschungslandschaft zulasten der Chirurgen gesehen werden muss.

Je komplexer und umfassender ein System der Wissenschaftsförderung wird, umso mehr entzieht sich dieses System unmittelbarem Einwirken und umso schwächer werden die Aussichten auf Akzeptanz und Unterstützung kritischer Aktionen gegen dieses System. Längst ist die DFG Teil dieser Wissenschaftsindustrie geworden, die alles erfasst und auch die Nischen möglicher Kritik bereits institutionalisiert und besetzt hält. Der Impuls zur Innovation entsteht erwartungsgemäß bei den vom System Benachteiligten. Das ist eine Chance für die Chirurgie. Die Chirurgen dürfen jedoch nicht als Oppositionelle oder Außenseiter auftreten, sondern als reflektierende Teilnehmer des Systems. Sie dürfen nicht länger enttäuschte distanzierte Betrachter sein, sondern Reformer, ohne dabei zu prophetischen Empörern zu werden.
Foto: picture-alliance
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Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften müssen sich ihrer Verantwortung für die gesamtuniversitäre Forschungslandschaft stellen und aktiv zu einer umgehenden Relativierung des Impact-Punkt-Systems beitragen. Respekt vor der Leistung der Nachbardisziplinen wird dazu führen, dass Internisten oder Molekularbiologen von sich aus die Begutachtung chirurgischer Forschungsprojekte ablehnen, sodass die geforderte Begutachtung chirurgischer Forschungsprojekte durch Chirurgen Standard wird. Eine direkte Kennzeichnung der tatsächlichen Forschungsleistung wird den Forscher publik machen, der meint, sich als Präparatelieferant akademisch qualifizieren zu können.

Nach Jahren bewusst in Kauf genommener Fehlentwicklungen geht es jetzt darum, die Sensibilität für eine (Re-)Emanzipation chirurgischer Forschung zu wecken und zu erhalten. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass sich in einer seit mehr als 40 Jahren von Theoretikern und konservativen Medizinern beherrschten Medizinkultur nicht per Deklaration eine Gleichstellung des Werts chirurgischer Praxis und chirurgischer Forschung, ja klinischer Forschung insgesamt herstellen lässt. Auch die in die unterschiedlichsten Medizinzweige unentwirrbar hineingeflochtenen Industrieinteressen an der Beibehaltung Gewinn versprechender Forschungsrichtungen sind nicht per Dekret aufzuheben. Eine Entflechtung der medizinischen Forschung von den Interessen der Industrie ist aber ein notwendiges Ziel.

Die notwendige und unausweichliche öffentliche Diskussion wird zeigen, dass es nicht die medizinisch wissenschaftlichen Leistungen sind, die eine Benachteiligung der Chirurgen rechtfertigen könnten, sondern dass ein extrem erfolgreicher und innovativer Zweig der Medizin durch verkrustete Strukturen der Allokation von Forschungsmitteln an seiner Weiterentwicklung gehindert wird. Die Chirurgen haben die Chance und Aufgabe, den institutionellen Rahmen der Forschungsbewertung und -förderung radikal zu reformieren oder neu zu entwerfen. Wünschenswertes Ergebnis wären neue „wissenschaftsrechtliche“ Regelungen, deren Verbindlichkeit darauf beruht, dass die Betroffenen (Chirurgen, konservative Mediziner, Grundlagenforscher und alle Bürger) diesen zustimmen oder diese für sinnvoll und zielführend halten. Denn nur dann kann dem akademischen Nachwuchs in den chirurgischen Fächern eine akademische Perspektive vermittelt werden, die auch im Interesse der Allgemeinheit liegt.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 105(12): A 625–8

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Christian-Friedrich Vahl
Direktor der Klinik und Poliklinik für Herz-, Thorax-und Gefäßchirurgie der Johannes-Gutenberg-
Universität Mainz
Langenbeckstraße 1, 55131 Mainz
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