ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2008Kernkraftstudie: Behandelnder Arzt in Tschernobyl

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Kernkraftstudie: Behandelnder Arzt in Tschernobyl

Dtsch Arztebl 2008; 105(12): A-632 / B-557 / C-545

Schorr-Tschudnowski, Moses

Die Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken wurde in einer Studie untersucht – mit unerklärlichen Ergebnissen (DÄ 50/2007: „Häufung der Leukämiefälle ist entweder zufällig oder hat andere Ursachen“ von Dr. med. Vera Zylka-Menhorn).
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1986 habe ich die Katastrophe von Tschernobyl als behandelnder Arzt erlebt. Vor uns stand damals die Frage, was können wir tun, um unsere Kinder besser zu schützen. Alle offiziellen Untersuchungen waren streng geheim, also für niemanden zugänglich. Trotzdem fand in befreundeten Akademikerkreisen ein reger Austausch von verschiedenen Daten statt, und manche unserer späteren Forschungsfragen wurden davon geprägt. Soviel ich weiß, wurden viele der damaligen Forschungsergebnisse nie veröffentlicht, besonders betrifft es die Untersuchungen, die „unter dem Teppich“ durchgeführt worden sind. Das eine Ergebnis von damals war, was im Artikel als „inzwischen weitgehend unstrittig“ bezeichnet ist: Handelt es sich um große Menschenmengen, gibt es keinen Strahlungsschwellenwert, der „niedrig genug“ wäre, da es immer mindestens bei einigen Personen zu körperlichen Schäden kommen wird. Man wird die Ursachen von Leukämiehäufungen nie erkennen, solange nur über die von Kernkraftwerken „ausgehende radioaktive Strahlung“ diskutiert wird. Richtungsweisend ist dagegen: Einige Wissenschaftler haben erkannt, „dass die Betroffenen mehr Zeit am Strand verbracht hätten“. Das war auch unser zweites Ergebnis von damals. Sehr schnell entstand die Situation, in der gar nicht die äußere Strahlung die hauptsächliche Gefahr darstellte, sondern verschiedene radioaktive Metalle und andere Ione, sogenannte Radionuklide. Im Artikel wird Cäsium erwähnt, es ist der hauptsächliche Vertreter dieser Gruppe. Daneben gibt es aber viele andere. Sie gelangen in winzigen Mengen aus den Kernreaktoren in die Umwelt (vor allem Erde), vor allem in der mehr oder weniger unmittelbaren Umgebung (Schwermetalle!). Später gelangen sie z. B. in die Atemwege von spielenden Kindern. Die Computerfans von ihnen, die nicht „viel Zeit am Strand . . .“ verbracht haben, würden in diesem Fall bessere Karten haben. Sollte da auch was aus eigenem Gärtchen verzehrt worden sein, wird die radioaktive Dosis, die jemand bekommt, auch dadurch erhöht. Das bereits erwähnte Cäsium ist das häufigste Radionuklid, aber auch das, das relativ problemlos den Körper verlässt. Bei Strontium sieht das schon viel schwieriger aus, und mit dem damals von uns gelegentlich in der Leber gefundenen Rubidium konnten wir gar nichts erreichen. Natürlich können diese Fälle nicht „direkt auf die Strahlung zurückzuführen“ sein. Von außen wird man auch eigentlich nichts registrieren können, da gewöhnliche Messung von der g-Strahlung dabei nichts Relevantes erfassen wird. Aber die von diesen sich in den inneren Organen befindenden Radionukliden ausgehende a-Strahlung ist die zerstörerischste Art und für den Menschen am gefährlichsten . . .
Dr. med. Moses Schorr-Tschudnowski,
Simmlerstraße 4, 75172 Pforzheim
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