ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1997Berufliche Strahlenexposition durch Radon und dessen Folgeprodukte: Konsequenzen für die Anerkennung als Berufskrankheit

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Berufliche Strahlenexposition durch Radon und dessen Folgeprodukte: Konsequenzen für die Anerkennung als Berufskrankheit

Dtsch Arztebl 1997; 94(16): A-1057 / B-845 / C-790

Eigenwillig, Gerd Georg

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LNSLNS Die berufliche Strahlenexposition durch Radon und Radon-Folgeprodukte kann vor allem bei Bergleuten zu Bronchialkrebs und Lungenfibrose führen. Dies gilt besonders bei einer Arbeitsaufnahme vor mehr als vierzig Jahren, als die hohe biologische Wirksamkeit der Radon-Folgeprodukte noch nicht erkannt war und Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten nicht ergriffen wurden. Besteht ein nachweisbarer Kausalzusammenhang zwischen der durch eine Berufsgenossenschaft versicherten Berufstätigkeit, der schädigenden Einwirkung einer Noxe und der festgestellten Erkrankung, so wird ein Verfahren auf Anerkennung der Erkrankung als Berufskrankheit durchgeführt.


Das radioaktive Edelgas Radon ist ein natürlicher Bestandteil der Luft und der Gewässer. Im periodischen System der Elemente hat es die Ordnungszahl 86.

Radon und Radon-Folgeprodukte
Das Element Radon besteht aus mehreren Isotopen, die wegen der verschiedenen Anzahl von Neutronen im Atomkern unterschiedliche Massenzahlen aufweisen. Die wichtigsten Isotope sind das Radon-222 (Rn 222) aus der Uranzerfallsreihe und das Radon 220 (Rn 220) aus der Thoriumzerfallsreihe. Diese beiden Radon-Isotope unterliegen ihrerseits dem radioaktiven Zerfall. Die Radon-Folgeprodukte sind radioaktive Isotope der Elemente Polonium (Po), Blei (Pb), Wismut (Bi) und Thallium (Tl). Sie sind Alpha- und Beta-/GammaStrahler. Die Radon-Folgeprodukte, die Art ihrer ionisierenden Strahlung und ihre Halbwertszeiten sind in Grafik 1 aufgeführt. Radon und Radon-Folgeprodukte werden überwiegend durch Inhalation, weniger durch Ingestion von Wasser oder über die Haut inkorporiert. Bei der Inhalation ist die Strahlenexposition des Bronchialepithels besonders hoch.
Die biologische Wirkung der kurzlebigen Radon-Folgeprodukte ist etwa hundertmal größer als die des Radons allein. Deshalb kann oft die Strahlenexposition durch das Radon gegenüber der durch seine Folgeprodukte vernachlässigt werden.


Strahlenexposition am Arbeitsplatz
Strahlenexpositionen durch Radon und Radon-Folgeprodukte treten zum Beispiel bei Arbeiten mit Uran und Thorium, bei Arbeiten in Gebäuden, in zu Heilzwecken betriebenen Radonbädern, in der Wasserwirtschaft und im Bergbau auf (4, 2). Die Strahlenexpositionen im Bergbau standen und stehen in der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion im Vordergrund.


Parameter zur Qualifizierung der Strahlenexposition
Im Bergbau ist Rn 222 meistens das bestimmende Radionuklid, und entscheidend für die Strahlenexposition sind die Alpha-Strahler unter den Rn-222-Folgeprodukten. Die Konzentration von Rn-222-Folgeprodukten, die mit einer Rn-222-Konzentration von 3 700 Bq/m3 (1 Bq = 1 Zerfall pro Sekunde) im radioaktiven Gleichgewicht steht, wurde vom US Public Health Service als ein "working level" (WL) bezeichnet. Ferner wurde festgelegt, daß die Wirkung auf den Menschen direkt proportional der zugehörigen potentiellen AlphaEnergie-Konzentration in Luft multipliziert mit der Aufenthaltsdauer in Monaten ist. Dabei wird der Monat mit 170 Arbeitsstunden gerechnet. Die Strahlenexposition der im Bergbau Beschäftigten wird deshalb in "working level months" (WLM) angegeben. Diese Größe wurde international übernommen.
Das Maß für die biologische Wirkung ionisierender Strahlung auf den Menschen ist die effektive Dosis. Sie wird in Sievert (Sv) angegeben. Ein WLM führt bei Rn-222-Folgeprodukten zu einer effektiven Dosis von 5 mSv (5).
Da Radon bereits Anfang dieses Jahrhunderts als mögliche Ursache des Bronchialkarzinoms in der Diskussion war, wurden im Schneeberger Grubenrevier in Sachsen schon früher wiederholt Radon-Messungen vorgenommen. Ihre Ergebnisse wurden in den 30er Jahren in Mache-Einheiten (ME) angegeben. 1 ME entspricht einer Rn-222-Konzentration von 13 500 Bq/m3. Vor etwa siebzig Jahren galten 260 ME als toxische, zum Tode durch Bronchialkrebs führende Aktivitätskonzentration in der Grubenluft. In dem Schacht Siebenschlehen, der als Todesschacht bekannt war, ergaben Messungen 180 ME. Als tolerable Dosis wurden 30 ME, auch 3 ME zur Diskussion gestellt. Der Abstand zwischen beiden Werten wurde als Toleranzbereich definiert, der die individuelle Konstitution berücksichtigen sollte. Auch private Lebensumstände und Vererbungsfaktoren der Bergleute wurden gelegentlich als Faktoren bei der Krebsinduktion unterstellt.
Die diskutierten Toleranzdosen von 30 ME und 3 ME entsprechen in heutigen Maßeinheiten 109 WLM und 10,9 WLM, wenn das Gleichgewicht zwischen Rn 222 und Radon-Folgeprodukten unterstellt wird. Damit ergibt sich bei einer Jahresarbeitszeit von elf Monaten eine jährliche Strahlenexposition von 1 200 WLM oder 6 000 mSv und 120 WLM oder 600 mSv. Da das Gleichgewicht in der Praxis aber nicht erreicht wird, ist die reale Strahlenexposition bis zu 50 Prozent geringer, aber immer noch erheblich, wenn sie mit den heutigen Grenzwerten verglichen wird, die jeweils bei Jahreswerten von 4 WLM oder einer effektiven Dosis von zur Zeit 50 mSv oder zukünftig 20 mSv liegen (5, 3).
Abschätzungen der Strahlenexpositionen der Uranbergleute in Sachsen und Thüringen sind in Tabelle 1 angegeben. Zu beachten ist die Ungenauigkeit der Daten, die zum Teil nachträglich festgelegt wurden. Erst 1954 begannen vereinzelt Radon-Messungen, ab 1964 wurde die potentielle Alpha-Energie-Konzentration gemessen und erst 1971 die Ortsdosimetrie eingeführt, die dann zum ersten Mal eine individuelle Erfassung der Strahlenexposition ermöglichte. Da aus einer begrenzten Anzahl von Messungen jeweils monatliche Mittelwerte eingesetzt wurden, sind die Ergebnisse der Ortsdosimetrie aber nicht ohne Prüfung und Bewertung verwendbar. Die Reduzierung der Strahlenexposition ab Mitte der 50er Jahre berücksichtigte die bereits erwähnten Erkenntnisse zur Wirkungsweise der Radon-Folgeprodukte. Die Reduzierung der Strahlenexposition wurde unter anderem erreicht durch Verstärkung der Bewetterung, zum Beispiel durch Einsatz von Hauptgrubenlüftern und Drainagebewetterung, das heißt Absaugung radonbelasteter Grubenwetter über abgeworfenen Grubenbereichen. Dieser Sachverhalt ist auch international zu beobachten. Die Entwicklung der Jahresgrenzwerte für die Strahlenexposition durch Rn-222-Folgeprodukte ist in Tabelle 2 angegeben. Die Strahlenschutzverordnung der Bundesrepublik Deutschland sieht derartige Grenzwerte nicht vor, weil sie Strahlenexposition durch natürliche Radionuklide nicht berücksichtigt, obwohl dies ihre amtliche Begründung verlangt. Daher gelten für natürliche Radionuklide aufgrund des Einigungsvertrages weiterhin die Regelungen der "Verordnung über die Gewährleistung von Atomsicherheit und Strahlenschutz" (VOAS) der DDR und der ihr nachfolgenden Vorschriften.
Auch Arbeitsplätze außerhalb des Bergbaus können sehr hohe Strahlenexpositionen durch Rn 222 und seine Folgeprodukte aufweisen. Das zeigen beispielhaft die Daten aus einer bayerischen Trinkwasseraufbereitungsanlage (1, 5). Die jährliche effektive Dosis für den Wasserwart beträgt etwa 200 mSv. Weitere Werte für Beschäftigte in dieser Trinkwasseraufbereitungsanlage enthält Tabelle 3. Diese Strahlenexpositionen treten bei Personen auf, die nach der deutschen Strahlenschutzverordnung formal nicht als beruflich strahlenexponiertes Personal gelten.
Die jährliche Strahlenexposition durch Radon und Radon-Folgeprodukte muß mit den Jahresgrenzwerten für die effektive Dosis verglichen werden. Der Bereich für beruflich strahlenexponiertes Personal der Kategorie A beginnt, wenn die EU-Grundnorm zum Strahlenschutz in die deutsche Strahlenschutzverordnung übernommen wird, zukünftig bei einer effektiven Dosis von 6 mSv/a und endet bei 20 mSv/a (Mittel über fünf Jahre) (3). Das Bundesumweltministerium hat eine erste Zusammenstellung erarbeitet, die unter Beachtung der gewählten Voraussetzungen einen Überblick über die Strahlenexposition durch Radon und Radon-Folgeprodukte und die Anzahl der betroffenen Beschäftigten in der Bundesrepublik Deutschland gibt (2). Die Tabelle 4 zeigt, daß im Sinne des Strahlenschutzes Handlungsbedarf besteht.


Berufskrankheiten und Anerkennungsverfahren
Seit dem 16. Jahrhundert beobachtet man bei Bergleuten im sächsischen Grubenrevier von Schneeberg und auch in böhmischen Schächten um St. Joachimsthal Lungenerkrankungen, die als "Schneeberger Lungenkrankheit" in die Geschichte der Gewerbemedizin eingegangen sind. In diesem Grubenrevier sind die Erze stark uranhaltig. Seit etwa 120 Jahren ist bekannt, daß es sich bei der "Schneeberger Lungenkrankheit" um Bronchialkrebserkrankungen handelt. Als direkt schädigende Ursache wurde damals das im Gestein vorhandene Arsen angesehen.
Die "Schneeberger Lungenkrankheit" wurde 1925 in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen. Sie mußte im Gebiet von Schneeberg eingetreten sein. Da zu der Zeit der Bergbau in dieser Region abnahm, wurde mit einem Rückgang dieser Berufskrankheit gerechnet. Noch 1936 wurde für diese Berufskrankheit folgende Begründung gegeben: Die eigentliche Ursache der Erkrankung ist noch unklar. Als Reiz kommt zunächst einmal der physikalisch (scharfkantige) und chemisch (Arsengehalt) wirkende Steinstaub in Frage. Vermutlich ausschlaggebend beteiligt ist die Radiumemanation in den Gruben sowie der Radiumgehalt der Staubteilchen.
Seit etwa vierzig Jahren ist bekannt, daß die Radon-Folgeprodukte für den Bronchialkrebs verantwortlich sind. Dies zeigen epidemiologische Erhebungen für den Uranbergbau in den USA, der Tschechoslowakei, Kanada, Frankreich und Australien, aber auch in einigen Fällen für den Untertageabbau von Flußspat in Neufundland, von Zinnerz in der Volksrepublik China und in Großbritannien, von Schieferton in der Tschechoslowakei, von Eisenerz in den USA, in Großbritannien, Frankreich und Schweden, von Nioberz in Norwegen und Kupfererz in der DDR. Die Bodenschätze und ihre Nebengesteine enthalten in diesen Fällen erhöhte Konzentrationen von Uran oder Thorium, oder die einsickernden Grubenwässer sind radonhaltig.
Die bisher vorliegenden epidemiologischen Daten ergeben für Rn 222 und seine Folgeprodukte eine statistisch signifikante Erhöhung der Bronchialkrebshäufigkeit oberhalb einer Gesamtexposition von etwa 50 WLM (effektive Dosis 250 mSv). Sie deuten aber nicht auf die Existenz einer echten Schwelle hin, unterhalb der eine Auftretenswahrscheinlichkeit null zu erwarten wäre. Vielmehr folgt aus den Erhebungen, daß die Bronchialkrebshäufigkeit mit der Strahlenexposition bis herunter zu etwa 10 WLM (effektive Dosis 50 mSv) in Verbindung gebracht werden kann. Die Verdopplungsdosis für Bronchialkrebs liegt bei Werten von 30 WLM (effektive Dosis 150 mSv) bis 40 WLM (effektive Dosis 200 mSv). Es ist deswegen nicht verwunderlich, daß bei den Uranbergleuten in Sachsen und Thüringen vorzugsweise Bronchialkrebs auftritt, wenn die Tätigkeit zu Zeiten hoher Strahlenexpositionen ausgeübt wurde. Etwa 98 Prozent der Fälle von Bronchialkrebs entfallen auf Bergleute, die bis 1955 verpflichtet wurden; etwa zwei Prozent auf Einstellungen zwischen 1956 und 1960. Bei Bergleuten mit Arbeitsaufnahme nach 1960 traten bisher nur Einzelfälle auf (4) (Tabelle 1).
Als weitere strahleninduzierte Schädigung der Atmungsorgane durch Radon und Radon-Folgeprodukte muß die Lungenfibrose angesehen werden, eine Vermehrung des Bindegewebes, die die Lungenfunktion herabsetzt und zum Tode führen kann. Bei einer akkumulierten Lungendosis von mehr als 20 Sv ist mit der Auslösung einer strahleninduzierten Lungenfibrose zu rechnen. Sie ist im Gegensatz zum Krebs ein nicht-stochastischer Schaden, dessen Schwere mit der Strahlendosis parallel geht und der erst ab einer bestimmten Schwellendosis auftritt. In der Bundesrepublik Deutschland wurde die strahleninduzierte Lungenfibrose bisher nicht als Berufskrankheit anerkannt. In den USA wird sie dagegen als Berufskrankheit anerkannt, und in der DDR wurde sie nur außerhalb des Uranbergbaus als Berufskrankheit anerkannt. Im Auftrag des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften wird am Beispiel der Uranbergleute eine Studie erstellt mit dem Ziel zu prüfen, ob und unter welchen Begutachtungskriterien die Lungenfibrose bei Uranbergleuten in der Bundesrepublik Deutschland als Berufskrankheit angesehen werden muß.


Formalien im Anerkennungsverfahren
In der Bundesrepublik Deutschland stellt das Feststellungsverfahren der Berufsgenossenschaften bei der Beurteilung von Berufskrankheiten grundsätzlich auf den Einzelfall ab. Für den Einzelfall sind die Kausalzusammenhänge zwischen der versicherten Berufstätigkeit und der schädigenden Einwirkung (haftungsbegründende Kausalität) einerseits und zwischen der schädigenden Einwirkung und der festgestellten Erkrankung (haftungsausfüllende Kausalität) andererseits zu prüfen.
Die Grenzwerte der Strahlenschutzbestimmungen zielen auf die prophylaktischen Maßnahmen der Unfall- und Berufskrankheitenverhütung. Sie dürfen nicht als Ablehnungs- oder Anerkennungskriterien im Feststellungsverfahren für Berufskrankheiten verwendet werden. Ferner ist zu beachten, daß formalrechtliche Setzungen von Grenzwerten nicht allein auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, sondern bei der politischen Entscheidungsfindung in Bundestag und Bundesrat auch den von Mehrheiten geprägten gesellschaftspolitischen Einschätzungen bis hin zur Berücksichtigung der internationalen Konkurrenzfähigkeit, wie zum Beispiel Arbeitskosten, unterliegen.
Rechtliche Grundlage für die Anerkennung einer Berufskrankheit ist die Berufskrankheitenverordnung (BKVO). In der Anlage 1 der BKVO sind die Berufskrankheiten aufgeführt. Nr. 2402 steht für ionisierende Strahlen als schädigende Einwirkung.
Für den Nachweis der schädigenden Einwirkung wird allgemein ein hoher Grad an Wahrscheinlichkeit im Sinne eines Vollbeweises gefordert. Der Zusammenhang zwischen der schädigenden Einwirkung und der festgestellten Erkrankung muß hinreichend wahrscheinlich sein. Eine hinreichende Wahrscheinlichkeit ist dann gegeben, wenn nach dem anerkannten Stand der medizinischen Wissenschaft mehr für als gegen einen Zusammenhang spricht und ernste Zweifel hinsichtlich einer anderen Verursachung ausscheiden. Grundsätzlich kann eine schädigende Einwirkung als Alleinursache, als wesentliche Teilursache oder als richtungweisende Verschlimmerung für die Entstehung einer Berufskrankheit ursächlich sein.


Nachweisschwierigkeiten
Hier liegt ein gravierendes Problem. Wie bereits erwähnt, gibt es keine ausreichende Erfassung der Strahlenexposition der Bergleute in Sachsen und Thüringen vor 1971, und auch nach 1971 ist sie nicht exakt genug. Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften und einige Berufsgenossenschaften, wie die Bergbau Berufsgenossenschaft und die Berufsgenossenschaft der Feinmechanik und Elektrotechnik, wenden hier viel Arbeit auf, um diese Lücken zu schließen. Dies geschieht durch theoretische Ansätze, durch Befragung von Bergleuten oder durch Nachstellung von früheren Arbeitsbedingungen. Die Fachliteratur weist aus, daß dieses Problem international in vielen Fällen besteht (9, 8). Dies wäre ein Anlaß, über eine Beweisumkehr bei der Anerkennung von Berufskrankheiten positiv zu entscheiden; das heißt, den Betroffenen von der Beweisführung zu entlasten, zumal der Bronchialkrebs oft erst Jahrzehnte nach der Strahlenexposition auftritt und die verbleibende Lebenserwartung gering ist.


Vereinfachtes Anerkennungsverfahren
Die Einzelfallbeurteilung bei der Anerkennung einer Berufskrankheit kann sachlich vereinfacht und somit beschleunigt werden. Auf der Grundlage einer Auswertung internationaler epidemiologischer Studien wenden die Berufsgenossenschaften wegen der Vielzahl der Vorgänge für Uranbergleute eine vereinfachte Bearbeitung an, die für Fallgestaltungen bei Bronchialkrebs mit einer Verursachungswahrscheinlichkeit von 50 Prozent und mehr gilt. Dies darf aber nicht als Schwellenwert für die Anerkennung einer Berufskrankheit mißverstanden werden. In diesem Falle wird von einem zusätzlichen mittleren relativen Risikofaktor für Bronchialkrebs von 0,017 pro 1 WLM mit einem 95prozentigen Vertrauensbereich von etwa 0,010 bis 0,026 ausgegangen. Der zusätzliche mittlere relative Risikofaktor ist ein Maß für das erhöhte Auftreten von Bronchialkrebs in einem Kollektiv beruflich strahlenexponierter Bergleute im Vergleich zu einem beruflich nicht strahlenexponierten Kollektiv. Dabei wird ein Mittelwert aus mehreren epidemiologischen Erhebungen verwendet. Ferner werden das Alter des Beschäftigten zur Zeit der Strahlenexposition und sein Alter bei der Diagnose berücksichtigt. Für die zeitliche Risikoprojektion wird als wesentliche Variable die Zeit nach der Strahlenexposition betrachtet. Diese Bearbeitungsempfehlung bindet aber in keinem Fall den medizinischen Gutachter bei der Beurteilung des Einzelfalls und begrenzt in keinem Fall eine Anerkennung der Berufskrankheit nur auf solche Fälle. Dies ist geboten zum Beispiel wegen der Verdopplungsdosis für strahleninduzierte Schädigungen und der Bewertung des 95prozentigen Vertrauensbereichs für vorhandene und verwendete Daten. Ein Fallbeispiel für einen Dreißigjährigen, der eine kurzzeitig kumulierte Arbeitsdosis erhält, zeigt Grafik 2 (6). Für die Inzidenz von Bronchialkrebs wird eine Periode von vier Jahren angenommen. Vom achten bis dreizehnten Jahr nach der Strahlenexposition bleibt das zusätzliche relative Bronchialkrebsrisiko konstant hoch und nimmt danach wieder ab. Dieser Verlauf ist aus Studien über beruflich strahlenexponierte Bergleute und Atombombenüberlebende abgeleitet.


Vor- und Nachsorge
Zunehmend greift auch die Vorsorge vor Berufskrankheiten durch Radon und Radon-Folgeprodukte. So wurden im Ausland in einigen Fällen Lebensarbeitszeitdosen durch Vorschriften oder Tarifvereinbarungen festgelegt, bei deren Erreichen Tätigkeiten mit niedriger oder ohne Strahlenexposition aufgenommen werden müssen. Diese Lebensarbeitszeitdosis beträgt in Schweden 35 WLM, in Kanada (Uranbergbau Elliot Lake) 80 WLM und in den USA 120 WLM. Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften hat ein Programm aufgelegt, in dem die ehemaligen und gegenwärtigen deutschen Uranbergleute erfaßt und Vorsorgeuntersuchungen zugeführt werden.
Da das Berufskrankheitenrisiko durch Radon-Folgeprodukte im Uranbergbau erst spät erkannt wurde, hat der Kongreß der USA 1990 verfügt, daß es für Betroffene oder deren Hinterbliebene Sonderzahlungen zusätzlich zur Sozialversicherung gibt. Der Kongreß hat sich bei den Betroffenen und ihren Familien für ihr persönliches Leid entschuldigt. Der Deutsche Bundestag und der Deutsche Bundesrat haben im Herbst 1993 den Berufsgenossenschaften 400 Millionen Mark für ihre Arbeiten zugewiesen, da die Konsequenzen des Uranbergbaus als Kriegsfolgelast angesehen werden müssen und daher nicht allein aus dem Beitragsaufkommen der Berufsgenossenschaften zu finanzieren sind.


Hinweis auf weitere Noxen
Neben Radon und Radon-Folgeprodukten können auch andere Noxen, wie zum Beispiel Zigarettenrauch, Bronchialkrebs auslösen. Rauchen darf aber in der Bundesrepublik Deutschland ebensowenig zur Beurteilung einer Berufskrankheit herangezogen werden wie andere Auswirkungen der persönlichen Lebensführung, solange die Strahlenexposition, wie bereits beispielhaft erwähnt wurde, wesentliche Teilursache ist.
In der Bewertung epidemiologischer Erhebungen werden neben den dort für Bergleute behandelten Radon und Radon-Folgeprodukten häufig auch andere berufsbedingte Noxen mit berücksichtigt, wie Arsen, Asbest, silikogener Staub, Schweißrauche und Dieselmotoremissionen. Aus der internationalen Fachliteratur geht aber noch nicht eindeutig hervor, ob diese Noxen additiv oder exponentiell als Kofaktoren bei der Auslösung von Bronchialkrebs wirken.
Uranbergleute waren vor allem in den 40er und 50er Jahren nicht nur durch Radon-Folgeprodukte, sondern auch durch Inhalation von radioaktivem Staub und äußerer Bestrahlung zusätzlich belastet. Eine Studie ergab für Karzinome außerhalb der Lunge ein besonderes Risiko, unter anderem für Nase, Mund- und Rachenraum, Kehlkopf, Knochen, Leber und Niere (7).


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-1057-1062
[Heft 16]
Literatur
1. Becker DE, Gärtner S, Reichelt A, Riepl S: Berufsbedingte Strahlenexposition in einer Trinkwasseraufbereitungsanlage. In: Winter M, Wicke A (Hrsg): Umweltradioaktivität, Radioökologie, Strahlenwirkungen. FS-93-67-T, ISSN 1013-4506, Köln: Verlag TÜV Rheinland, 1993; 79-83.
2. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU): Auszug, Strahlenexposition an Arbeitsplätzen durch natürliche Strahlung (vorläufige Übersicht). Anlage 2 zum BMU-RSII3A-15509/6 Schreiben, 3. März 1995.
3. Der Rat der Europäischen Union: Richtlinie 96/29/Euratom des Rates vom 13. Mai 1996 zur Festlegung der grundlegenden Sicherheitsnormen für den Schutz der Gesundheit der Arbeitskräfte und der Bevölkerung gegen die Gefahren durch ionisierende Strahlungen. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften, 1996; 39: L159, ISSN 0376-9453.
4. Fachverband für Strahlenschutz: Strahlenexposition und strahleninduzierte Berufskrankheiten im Uranbergbau am Beispiel Wismut. November 1993; FS-92-62/2-AKURA, ISSN 1013-4506.
5. International Commission on Radiological Protection (ICRP): Protection against Radon-222 at home and at work. Rev. 2, Oktober 1993; ICRP 65, ICRP/93/MC-11.
6. Jacobi W: Verursachungswahrscheinlichkeit von Lungenkrebs durch die berufliche Strahlenexposition von Uran-Bergarbeitern der Wismut AG. Hrsg. Institut für Strahlenschutz der BG FuE und BG Ch, 1992.
7. Jacobi W: Risiko und Verursachungswahrscheinlichkeit von extrapulmonalen Krebserkrankungen durch die berufliche Strahlenexposition von Beschäftigten der Wismut AG. Institut für Strahlenschutz der BG FuE und BG Ch, März 1995.
8. Lubin JH et al.: Radon and lung cancer risk: A joint analysis of 11 underground miners studies. USA: NIHPublication, Januar 1994.
9. SENES Consultants Limited: Uncertainty in exposure of underground miners to radon daughters and the effect to uncertainty on risk estimates. Canada: October 1989; AGCB-INFO-0334.


Anschrift des Verfassers
Dr. rer. nat. Gerd Georg Eigenwillig
c/o Siemens AG
KWU NS-V
Postfach 10 10 63
63010 Offenbach

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