ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2008Zehn Jahre Viagra: Sexuelle Revolution – die wievielte?

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Zehn Jahre Viagra: Sexuelle Revolution – die wievielte?

Dtsch Arztebl 2008; 105(13): A-679 / B-596 / C-584

Westhoff, Justin

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Viagra wandelte eine verschämt verschwiegene, kaum behandelbare Störung der Lebensqualität zu einer Krankheit, über die Mann sprechen darf. Foto: vario images
Viagra wandelte eine verschämt verschwiegene, kaum behandelbare Störung der Lebensqualität zu einer Krankheit, über die Mann sprechen darf. Foto: vario images
Die Wirksamkeit der PDE-5-Hemmer ist unbestreitbar. Aber die Sexualität hat durch die neuen Wirkstoffe gegen erektile Dysfunktion wieder ein wenig mehr vom Mystischen und spannend Verbotenen verloren.

Dihydro-methyl-oxo-propyl-pyrazolopyrimidinyl-ethoxyphenylsulfonyl-methylpiperazin – dass aus dieser chemischen Verbindung ein Kassenschlager wurde, ist einem Zufall zu verdanken. Der US-amerikanische Pharmakonzern Pfizer hatte die Substanz Sildenafil als Mittel gegen Bluthochdruck getestet, jedoch mit mäßigem Erfolg. Erstaunt aber waren die Forscher darüber, dass sich nach Beendigung der Studie einige Patienten weigerten, das Präparat zurückzugeben, und zudem ein paar Pillen aus dem Labor geklaut worden waren. Dadurch wurde man auf eine „Nebenwirkung“ aufmerksam, nämlich die Verbesserung und Verlängerung der Erektion. So entstand das Medikament unter dem Handelsnamen „Viagra“, das Pfizer zu einem der weltweit umsatzstärksten pharmazeutischen Unternehmen machte.

Viagra wurde vor zehn Jahren, am 27. März 1998, in den USA und am 15. September desselben Jahres in der Europäischen Union zugelassen. Bekanntlich gibt es inzwischen zwei Konkurrenzpräparate, „Cialis“ von Bayer und „Levitra“ von der Firma Lilly. Der Patentschutz für Sildenafil läuft demnächst aus, sodass mit preiswerteren Nachahmerpräparaten zu rechnen ist, und weitere Medikamente gegen alle möglichen Sexualprobleme sind in der Entwicklung.

Die Indikationen für Sildenafil konnten ausgeweitet werden. Beim Raynaud-Syndrom scheint es die Beschwerden zu bessern, und unter der Bezeichnung „Revatio“ wurde es von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA im Schnellverfahren gegen pulmonale arterielle Hypertonie (PAH) zugelassen.

In seiner Hauptanwendung aber hat Viagra weit mehr als die Behebung eines Hydraulikproblems bewirkt; es wurde zur Metapher, hat gesellschaftliche Einstellungen verändert – von manchen als „zweite sexuelle Revolution“ begrüßt, von anderen als Mechanisierung und Medikalisierung der Liebe kritisiert.

Das Mittel war etwas vollkommen Neues, weil es weder Hormone enthält noch sexuell stimulierend wirkt. Jahrtausendelang gab es nichts anderes als – teils gefährliche, teils nutzlose – Aphrodisiaka, von Strychnin oder Amphetaminen über „Naturstoffe“, wie Yohimbin oder Nashornpulver, bis zum „Tonikum“ Okasa. Netter Nebeneffekt: Artenschutz durch Viagra. Aphrodisiaka werden in Asien und Afrika gern aus tierischen Stoffen gewonnen. Die Jagd auf bedrohte Tierarten soll seit der Einführung des chemischen Aufbauhelfers zurückgegangen sein.

Vigor und Niagara
Handfester wurden die Hilfsmittel, als Ärzte Männern Silikon in die Schwellkörper pflanzten, das mechanisch erigiert werden konnte. Dass solche Apparaturen, ebenso wie Vakuumpumpen, wenig Erotisches an sich haben und dennoch verwendet wurden, sagt viel über die Verzweiflung aus, die mit dem Verlust der Penetrationsfähigkeit einhergehen muss. Da war die nächste Erfindung nur unwesentlich angenehmer, die der britische Physiologe Giles Brindley 1983 bei einem Urologenkongress in Las Vegas im wortwörtlichsten Sinne vorführte: Er ließ vor seinen Kolleginnen und Kollegen – die Hosen runter und präsentierte sein aufgerichtetes Glied. Kurz vorher hatte er sich dort das gefäßerweiternde Papaverin injiziert. Brindleys „Schwellkörper-Autoinjektionstherapie“ (SKAT) läutete das Ende der Vorstellung ein, Erektionsstörungen seien fast immer rein seelisch bedingt.

Während Stress- und Psychotherapeuten fortan auf einen Teil ihrer männlichen Klientel verzichten mussten, dürfte SKAT auch Pharmaforschern klargemacht haben, dass sich die erektile Dysfunktion medikamentös behandeln lässt – sie mussten nur noch nach einer angenehmeren Applikationsform suchen.

Der Produktname Viagra soll eine Wortkombination aus Vigor (lateinisch für Kraft) und Niagara (die Wasserfälle) oder vom indischen Wort für Tiger abgeleitet sein. Viagra ist, genauso wie Levitra und Cialis, ein Phosphodiesterase(PDE)-5-Hemmer, der den Abbau von cyclischem Guanosinmonophosphat (cGMP) für eine Zeit hemmt und so die verstärkte Durchblutung der Schwellkörper verlängert beziehungsweise bei somatischer Erektionsstörung erst ermöglicht. Unerwünschte Wirkungen wie Kopfschmerzen, Sehstörungen oder gelegentlich Priapismus halten Millionen Nutzer kaum ab. Allerdings ist eine ärztliche Voruntersuchung dringend angezeigt, denn in Kombination mit bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen können PDE-5-Hemmer tödlich sein, wenn auch in seltenen Fällen.

Zugleich bedeutete die Zufallsentdeckung einen Erkenntnisgewinn über den Mann und sein Geschlechtsorgan. Inzwischen ist unbestritten, dass, was früher Impotenz hieß, nicht nur eine Folge bestimmter Grunderkrankungen sein kann, sondern vor allem auch ein Vorbote von zum Beispiel Diabetes mellitus Typ II, Fettstoffwechselstörungen und Gefäßverengungen. Und Viagra wandelte eine verschämt verschwiegene, kaum behandelbare Störung der Lebensqualität zu einer Krankheit, über die Mann sprechen darf.

Hilfreich waren entsprechende Kampagnen. Ein „Pionier“ war Bob Dole, republikanischer US-Präsidentschaftskandidat. Im Frühsommer 1998 trat er in Larry Kings TV-Show auf, berichtete über seine Prostataoperation mit nachfolgender Impotenz und bekannte, ein neues Medikament dagegen auszuprobieren, das „Wunder“ bewirke. Fortan sprachen Sportstars und Schauspieler aus aller Welt über „ED“, erektile Dysfunktion (eine ganz neu kreierte Bezeichnung), und warben dafür, bei mangelnder Standfestigkeit zum Arzt zu gehen. Pfizer umging das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente in Publikumsmedien, indem die Firma zwar keinen Produktnamen nannte, sich aber als Aufklärer für die gute Sache gerierte und das berühmt werdende Blau der rhombenförmigen Pille verwandte. Moderner „Werbung“ bedienen sich seit Jahren auch illegale Vertreiber von PDE-5-Hemmern, meist allerdings sind dies gefährliche oder wirkungslose Raubkopien. Zu kaum einem Thema gibt es mehr E-Mail-Spams als zur fantastischen Standfestigkeit mittels Cialis, Levitra oder Viagra.

„Biochemisierung“ von Sex
Der Versuch, die Vermarktung von PDE-5-Hemmern auf Frauen mit sexuellen Funktionsstörungen auszudehnen, hat so gut wie nichts gebracht. Denn zum einen scheint die körperliche Liebe für Frauen offenkundig meist weniger von organischen als von seelischen Faktoren, anregenden Umständen sowie Beziehungsfragen bestimmt, zum anderen sind bei ihnen die Ursachen auch rein körperlich bedingter Defizite komplexer. Überhaupt schenkt die Biomedizin (anders als die Sexualwissenschaft) erst seit wenigen Jahren solchen somatischen Sexualstörungen beim weiblichen Geschlecht Aufmerksamkeit und entdeckt sogar weitere anatomische Details.

Anders als beim männlichen Geschlecht müsste es bei Frauen mehr um die Anregung der Lust gehen, will man überhaupt auf biochemische Weise eingreifen. Der „heißeste“ Kandidat für ein „weibliches Viagra“ ist derzeit die Substanz PT-141, die – als Nasenspray verabreicht – das sexuelle Verlangen der Frau steigern könnte. Auch hier wieder ein Zufall: Der Inhaltsstoff Bremelanotid hat sich bei der Entwicklung einer Sonnenmilch als aphrodisierend herausgestellt.

Nicht wenige Mediziner und auch Sexualwissenschaftler riefen vor zehn Jahren die „zweite sexuelle Revolution“ aus, weil Viagra Männer von Störungen und Ängsten befreite. Schon über die Zählweise kann man streiten. Löste die „Antibabypille“ in den 60er-Jahren tatsächlich die erste sexuelle Revolution aus, weil sie Frauen die Angst vor unerwünschter Schwangerschaft nahm und sie so „befreite“? Oder zuvor schon akribische Schlafzimmerbeobachter wie Masters und Johnson oder Kinsey und Kolle? Oder grundsätzlicher Sigmund Freud und Wilhelm Reich?

Mit der Einführung von Viagra traten auch Kritiker auf den Plan. Die Selbstverständlichkeit, dass die männliche Potenz mit dem Alter abnimmt, werde zur Krankheit umdefiniert, und der Druck auf Männer steige im doppelten Wortsinn. Der wohl bekannteste, mittlerweile emeritierte deutsche Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch aus Frankfurt am Main prangerte damals die „Biochemisierung“ der Sexualität an. In seinem jüngsten Buch „Neosexualitäten“ spricht er von der „Verramschung des Körpers“. Alice Schwarzer empörte sich im Spätsommer 1998, guter Sex habe wenig mit Schwellkörpern zu tun, Frauen hielten überhaupt nichts vom „Gerammel um jeden Preis“, Viagra sei für sie eher ein „Erotikkiller“. Dass die katholische Kirche Viagra als „höchst fragwürdigen Fortschritt“ bezeichnete, der allenfalls Ehepaaren zugutekommen dürfe, versteht sich.

Viagra-Menü bei Kerzenlicht
Die Wirksamkeit der PDE-5-Hemmer ist jedenfalls unbestreitbar, ebenso wie die Tatsache, dass sie vielen Paaren ein Stück vom Glück zurückgegeben haben. Dutzende weitere Substanzen für Frau und Mann befinden sich in der Testphase. Andererseits hat die Sexualität durch „Viagra“ und Nachfolger wieder ein wenig mehr vom Mystischen und vom spannend Verbotenen verloren. Und in einer extremen Leistungsgesellschaft dürfen auch sexuell gesunde Männer offenbar niemals „versagen“, und so dient Viagra in manchen Kreisen als Partydroge. Zu Beginn wurde viel über den Missbrauch als Lifestyleprodukt debattiert, vergleichbar etwa mit Haarwuchsmitteln. Es gab Auseinandersetzungen über eine Erstattungspflicht der Kran­ken­ver­siche­rungen und die Zahl der Pillen, die ein Hartz-IV-Empfänger von der Solidargemeinschaft pro Monat bezahlt bekommt. Mittlerweile haben Gerichte entschieden, dass Krankenkassen und Beihilfestellen für Beamte bei eindeutig medizinisch bedingter erektiler Dysfunktion zahlen müssen.

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Bis heute ist für viele Paare das Hauptproblem an pharmakologischen Potenzhelfern, dass die Romantik auf der Strecke bleiben könnte. Schon im August 1998 bot ein Gastronom aus Grenoble ein Viagra-Menü bei Kerzenlicht an, das neben altbekannten (angeblichen) Aphrodisiaka, wie Ingwer, rotem Pfeffer oder Feigen, in Saucen aufgelöstes Viagra enthält. Seit 2007 bietet ein australischer Unternehmer Austern an, die ungewöhnlich gefüttert wurden – mit Dihydro-methyl-oxo-propyl-pyrazolopyrimidinyl-ethoxyphenylsulfonyl-methylpiperazin.
Justin Westhoff

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