ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2008Tuberkulose: Immer noch eine Gefahr

SEITE EINS

Tuberkulose: Immer noch eine Gefahr

Dtsch Arztebl 2008; 105(13): A-653 / B-573 / C-561

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Wir haben das 21. Jahrhundert, und ich dachte, Tuberkulose sei ausgerottet. Ich konnte nicht glauben, dass ich TB haben soll“, berichtet eine junge Frau in dem eindruckvollen Film „You, me & TB“ von Carl Cordonnier, einem Künstler, dessen Ausstellung anlässlich des Welttuberkulosetags (24. März) in Berlin zu sehen ist. Ähnlich überrascht reagieren manchmal auch Ärztinnen und Ärzte, wenn sie in Klinik oder Praxis auf Tuberkulosepatienten treffen. Das passiert nicht allzu häufig, doch wirklich selten ist diese beinahe vergessene Erkrankung nicht. In den Städten Hamburg, Berlin und Bremen müssen sich Ärzte auf eine Inzidenz von neun bis zehn Erkrankungen je 100 000 Einwohner einstellen (Bundesdurchschnitt: 6,6 Neuerkrankungen je 100 000 Einwohner). Die Inzidenz der offenen und damit potenziell ansteckenden Tuberkulose liegt dort zwischen fünf und sechs je 100 000 Einwohner.

Ausgerottet ist die Tuberkulose (TB) noch lange nicht. Zwar ist es das Ziel der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), die TB bis 2050 zu eliminieren. Doch derzeit ist sie noch die weltweit am häufigsten zum Tode führende bakterielle Infektionskrankheit. Ein Drittel der Weltbevölkerung gilt als infiziert. Nach Berechnungen der WHO sterben jedes Jahr fast zwei Millionen Menschen daran, acht bis neun Millionen erkranken neu. Besonders betroffen ist neben Afrika, Zentral- und Südostasien sowie Lateinamerika auch Osteuropa, vor allem die Länder der früheren Sowjetunion.

Deutschland gilt mit 5 400 registrierten Tuberkulosefällen im Jahr 2006 als Niedrig-Inzidenz-Land. 201 Menschen verstarben 2006 an den Folgen der Infektionskrankheit. Den aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Epidemiologie der Tuberkulose zufolge setzt sich damit in Deutschland der rückläufige Trend der Vorjahre fort. „Angesichts der internationalen Situation muss die Tuberkulose jedoch weiterhin einen hohen Stellenwert in Medizin und Gesundheitsdienst haben“, betonte Dr. med. Walter Haas, RKI, im Vorfeld des Tuberkulosesymposiums des Koch-Metschnikow-Forums am 24. und 25. März in Berlin. Unbefriedigend sei auch noch das Behandlungsergebnis der Tuberkulose in Deutschland. Lediglich bei 78 Prozent der im Jahr 2005 an TB Erkrankten konnte die Therapie erfolgreich beendet werden. Die WHO sieht als Zielvorgabe jedoch einen Behandlungserfolg von 85 Prozent vor. Multiresistente Erreger diagnostizierten die Ärzte im Jahr 2006 bei 78 Patienten (2,2 Prozent) in Deutschland.

Die weitverbreitete Ansicht, Tuberkulose sei hierzulande lediglich ein Problem von Migranten, ist nicht richtig. Mehr als die Hälfte der Tuberkulosepatienten sind in Deutschland geboren; 43 Prozent sind Ausländer und stammen überwiegend aus osteuropäischen Ländern.

Unerlässlich ist bei der Tuberkulose ein globales Denken. Der „Global Plan to Stop TB : 2006–2015“ der WHO sieht eine Investition von 56 Milliarden US-Dollar vor, um Tuberkuloseerkrankungen erfolgreich zu behandeln. Nötig sind verbesserte diagnostische Verfahren und Arzneimittel sowie effizientere Impfstoffe. In vielen Ländern mangelt es an Medikamenten, die den Erkrankten nicht nur kurzfristig, sondern über den notwendigen Zeitraum von etwa sechs Monaten gegeben werden können. Die Bundesregierung stellt zur Bekämpfung der Tuberkulose jährlich etwa 300 Millionen Euro zur Verfügung. Engagiert sind aber auch verschiedene Nichtregierungsorganisationen, wie die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V., das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose oder das Nationale Referenzzentrum für Mykobakterien. Osteuropa ist Schwerpunkt des Koch-Metschnikow-Forums, einer 2006 von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin gegründeten deutsch-russischen Initiative des Petersburger Dialogs.

An welcher Stelle des Gesundheitswesens auch immer: Gefragt ist bei der Tuberkulosebekämpfung jeder. Darauf weist das Motto des Welttuberkulosetages 2008 hin: „Stoppt TB – Jeder trägt Verantwortung.“
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema