ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1997Rehabilitation - auch bei Depressiven?

MEDIZIN: Diskussion

Rehabilitation - auch bei Depressiven?

Tölle, Rainer; Wedig, Martin P.; Schuppert, Lothar

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. Rainer Tölle in Heft 41/1996
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LNSLNS Rehabilitationsauftrag rekapituliert
Der Beitrag von Herrn Professor Tölle rekapituliert unter der Fragestellung des Rehabilitationsauftrages eine Unterteilung von depressiven Erkrankungen. Diese wird leider zugunsten einer Zusammenfassung differenzierbarer depressiver Erkrankungen unter der schwerpunktmäßigen Berücksichtigung von Dauer und Frequenz der Erkrankungsphasen verlassen. Die von Prof. Tölle vorgestellte Systematik hat operationale Bedeutung, das heißt es ergibt sich eine Differentialtherapie bei Verwendung der Unterteilung von Tölle, die bei anderen Einteilungen anhand der Leitdiagnose nicht erkannt werden kann.
Verpflichtungen zur raschen Klassifizierung (beispielsweise International Classification of Diseases [ICD]) von Diagnosen erzwingen eine Verwässerung bewährter klinischer Einteilungen zugunsten von Sammelbegriffen wie zum Beispiel "depressive Episode unterschiedlichen Schweregrades gegenwärtig anhaltend". Anders als bei Erkrankungen, die sich punktuell im Erstkontakt bei orientierender Untersuchung oder mit umschriebenem Organzusammenhang feststellen lassen, ergibt sich die Diagnose einer Depression erst nach Sichtung der im Verlauf präsentierten, oft als "körperlich" beklagten Beschwerden.
Das Fortbildungsreferat von Herrn Tölle hat dadurch eine herausragende Bedeutung für die allgemeinmedizinische Praxis, weil es eine nahezu durch Auflagen des Gesetzgebers und Strömungen der internationalen Syntax bedrohte bewährte klinische Verlaufseinteilung anhand des Behandlungsimperatives wieder ins Gedächtnis holt. Die Betrachtungsweise "Was soll ich für meinen Patienten veranlassen" ist typisch für den allgemeinmedizinischen, das heißt für den hausärztlichen Alltag. Sie ist gleichzeitig ein Zugang, um vom Symptom zur Diagnose zu gelangen.


Dr. med. Martin P. Wedig
Roonstraße 86
44628 Herne


Ergänzung durch eigene Erfahrungen
Für den Artikel möchte ich Herrn Prof. Tölle danken und ihn durch eigene Erfahrungen mit der Rehabilitation depressiver Patienten ergänzen.
Patienten in einer schweren depressiven Episode benötigen weitgehende Entlastung, körperliche, medikamentöse Behandlung, seelische Stützung und soziale Fürsorge, wie sie in der Regel nur in einer psychiatrischen Klinik geleistet werden kann. Im weiteren Verlauf bietet eine Anschluß-Heilbehandlung in einer Rehabilitations-Klinik dem depressiven Patienten eine Hilfe zur Integration in den Alltag.
Ziel der stationären Rehabilitation ist es, dem Patienten das dosierte Auftrainieren seiner körperlichen, seelischen und sozialen Fähigkeiten zu ermöglichen.
! Durch ein tägliches Ausdauertraining, zum Beispiel in einer Laufgruppe, wird sowohl die Kondition als auch die Stimmungslage und das Selbstvertrauen gebessert. Das über den Tag verteilte Sportprogramm gewöhnt wieder an eine ganztägige Belastung und bessert das Schlaf-Wach-Verhalten.
! In Einzel- und Gruppentherapien wird der alltägliche Umgang mit depressiven Anteilen trainiert. Ziel ist die Steigerung der Selbstakzeptanz an guten wie an schlechten Tagen.
! Die Reha-Klinik bietet Rückzugsmöglichkeiten und die Möglichkeit, jederzeit mit geringer Eigeninitiative Kontakte zu knüpfen. Es wird die Fähigkeit trainiert, sich wohlzufühlen im Kontakt mit anderen, aber auch allein mit sich selbst in guter Gesellschaft zu sein. Damit wird das quälende Gefühl der Einsamkeit beseitigt.
Der Patient kann seine körperliche, seelische und soziale Belastbarkeit austesten und Strategien zum Schutz vor Überlastung im häuslichen Bereich entwickeln. Dieses Programm ist nur im Rahmen einer stationären Rehabilitation durchführbar. Aus diesem Grunde halte ich die Einrichtung von Anschluß-Heilbehandlungen im psychiatrischen Bereich für notwendig. Wir haben mit solchen AHB-Behandlungen depressiver Patienten, die bisher von den Kassen in Einzelfällen bewilligt wurden, seit Jahren gute Erfahrungen gemacht.


Dr. med. Lothar Schuppert
Arzt für Neurologie und Psychiatrie/Psychotherapie/Physikalische Therapie
Postfach 3000
24349 Damp


Depressiver Kollege stigmatisiert
Mit großem Interesse las ich ihren Beitrag zur Rehabilitation depressiver Patienten im Deutschen Ärzteblatt. In dem Abschnitt "Erschwerende Umweltbedingungen" steht: "Diese Bemühungen sind (auch in der härter gewordenen Arbeitswelt) durchaus erfolgversprechend; denn ,Depression' ist inzwischen nicht mehr ein tabuisierter oder pejorativer Begriff, sondern nicht selten geeignet, Verständnis und auch Geduld zugunsten des Kranken aufkommen zu lassen."
Leider kann ich dies aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Nachdem ich mich in diesem Jahr wegen einer schweren reaktiven Depression längere Zeit in stationärer Behandlung befunden hatte, wurde mir das "Herausgeraten" aus der Depression in meinem Arbeitsumfeld nicht leicht gemacht. Von Oberärzten mißtrauisch beobachtet, von Kollegen gemieden, unverstanden in der Erschöpfung nach allzu früh und zu häufig zu leistenden Nachtdiensten, abgestempelt als "nicht mehr belastbar" - das sind nur einige Beispiele dafür, daß die Depression unter Ärzten (!) aufgrund mangelnder Kenntnisse nicht mit Geduld und Verständnis aufgenommen wird. Die Depression ist und bleibt für den Betroffenen leider ein Stigma, insbesondere, wenn er als Arzt tätig ist.
Name und Anschrift des Verfassers sind der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion bekannt.


Schlußwort
Dr. Wedig spricht die aktuelle Klassifikation depressiver Störungen an und bestätigt meine Auffassung, daß für die Therapie- und Rehabilitations-Indikationen im einzelnen eine sorgfältige Differentialdiagnose beziehungsweise Differentialtypologie der Depressionen angebracht ist. Dr. Wedig ist auch darin zuzustimmen, daß eine Überbetonung der Klassifikation (die ja unvermeidlich reduktionistisch ist) für die klinische Psychiatrie zum Problem werden kann. Dennoch: Klassifikation, auch und gerade in Form der ICD, hat durchaus ihre Bedeutung, nämlich für die Diagnosenstatistik von Institutionen, für Versorgungsplanungen, zur Charakterisierung wissenschaftlicher Stichproben und zur internationalen Verständigung.
Dr. Schuppert weist auf Sportprogramme, beispielsweise Laufgruppen für die Rehabilitation Depressiver hin - eine wichtige Ergänzung unseres Beitrages. Schwieriger ist die Frage nach Anschlußheilbehandlungen zu beantworten, die Dr. Schuppert in seinem Brief wiederholt empfiehlt. Solche Anschlußheilbehandlungen sind nach unseren Erfahrungen in der Rehabilitation Depressiver sehr selten indiziert (zum Beispiel bei den beschriebenen anhaltenden Depressionen nach Unfällen), im allgemeinen aber nicht notwendig, meist sogar ausgesprochen unangebracht, da es auf die Rehabilitation im sozialen Feld ankommt.
Die Zuschrift des depressiven Kollegen, der verständlicherweise anonym bleiben möchte, gibt zu denken: ist es gerade im ärztlichen Bereich so schwer, einen depressiven Kollegen wieder zum Zuge kommen zu lassen?


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Rainer Tölle
Klinik für Psychiatrie der Universität Münster
Albert-Schweitzer-Straße 11
48149 Münster

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