ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2008Von schräg unten: Liechtenstein

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Liechtenstein

Dtsch Arztebl 2008; 105(13): [72]

Böhmeke, Thomas

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Die Sprechstunde ist eröffnet; ich erwarte einen Tag voller kniffliger differenzialdiagnostischer Fragen, die von meinen unschuldigen Patienten an mich herangetragen werden. „Herr Dr. Böhmeke, warum sind Sie eigentlich nicht schon längst im Knast?“ Ich blicke mein Gegenüber so misstrauisch an wie der Bandwurm die Kaltlichtoptik eines Koloskops, kann jedoch keine versteckte Kamera entdecken, die diesen Menschen als Agent provocateur ausweist. Vorsichtig titriere ich mich auf das rhetorische Glatteis vor: Wie er das denn meinen würde. „Warum haben die Bochumer Staatsanwälte Sie und Ihre Millionen nicht schon längst hinter Gitter gebracht?“ Ach so, ich verstehe, er meint, ich hätte auch Geld am Fiskus vorbei nach Liechtenstein geschleust. Nun, so kann ich ihn beruhigen, von den 80 Euro, die ich im Quartal für seine umfassende Behandlung bekomme, würden nach Abzug von Steuern, Krankenkasse, Praxiskosten, Ärztekammerbeitrag, Rentenvorsorge und anderen Versicherungen gerade mal genug für den Griff eines Koffers übrig bleiben, dessen Inhalt aber höchstens für Mitleidserklärungen . . . „Herr Doktor Böhmeke, ich habe schon bessere Ärztewitze gehört. Man liest doch dauernd in der Zeitung, dass ihr Ärzte euch permanent über die Grenzen davonmachen würdet!“ Das ist schon richtig, aber das ist was anderes, hier würde er Krankheitserreger und Folge, also Bakterium und Abszess miteinander verwechseln. Wir Ärzte gehen schließlich ins Ausland, um uns den Traum einer normalen Berufsausübung fernab bürokratischer Kompartment-Syndrome zu erfüllen, außerdem würden wir dort doppelt so viel verdienen wie unter heimatlichen Bedingungen. Besagte Großverdiener jedoch hätten die Millionen aus ihren subventionsgestützten Betrieben am Fiskus vorbei nach Liechtenstein geschafft, damit diese Gelder dort ungestört von banalen Steuern fröhlich proliferieren könnten. Aber damit hat ein deutscher Doktor nichts am Ohrenspiegel, weil er einerseits keine Subventionen kennt, zum anderen reicht es gerade für den Sprit bis nach Liechtenstein, aber beileibe nicht für die Kohle im Koffer . . .

„Tja, Herr Doktor Böhmeke, wenn ich Ihnen so zuhöre, dann habe ich schon den Eindruck, dass ihr Mediziner ganz schön auf den Hund gekommen seid – obwohl: Ganz abnehmen kann ich Ihnen das alles nicht.“ Da bin ich aber ziemlich pampig. Warum?! Glaubt er denn, wir würden aus Jux und Dollerei ins Ausland gehen? Oder sollten wir aus Bürokratiebegeisterung zu Hause bleiben? Die Freuden der Magermedizin auskosten? „Nein, nein, das meine ich nicht. Ich meine, wenn ihr die Millionen nach Liechtenstein bringt, macht ihr es doch allemal schlauer als der Zumwinkel von der Post. Euch erwischt doch sowieso keiner: Ihr hinterlasst mit euren Handschuhen nie Fingerabdrücke, kommt mit dem Mundschutz durch jede Ringfahndung, und die Unterschriften sind sowieso unleserlich.“

Für die blöden Witze bin ich zuständig.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist
niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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