ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2008Interview mit Rudolf Henke, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer und Vorsitzender des Marburger Bundes: „Wir brauchen mehr und nicht weniger Ärzte“

POLITIK

Interview mit Rudolf Henke, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer und Vorsitzender des Marburger Bundes: „Wir brauchen mehr und nicht weniger Ärzte“

Dtsch Arztebl 2008; 105(14): A-720 / B-629 / C-617

Flintrop, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Marburger Bund
Foto: Marburger Bund
Warum so viele Ärzte das Land verlassen und welche Folgen das hat

Deutschland verliert jedes Jahr mehr Ärzte ans Ausland, als es durch Zuwanderung gewinnt. Welches sind die wichtigsten Gründe dafür?

Henke: Fragt man die Klinikärzte, was sie an ihrer Arbeit am meisten stört, werden meist drei Punkte genannt: Ganz oben steht die bürokratische Deformation des Berufs. Wenn die ärztliche Arbeit am Schreibtisch vergeudet werden kann, ist sie nicht teuer genug. Der zweite Punkt ist die Leistungsverdichtung. In Großbritannien kommen auf einen Arzt 120 Krankenhausentlassungen pro Jahr, in der Schweiz sind es 69 und in Deutschland 146. Gleichrangig mit diesen beiden Themen steht die im Vergleich zum Ausland krasse Unterbezahlung. Das Geld ist nicht das Wichtigste an unserem Beruf, aber die Gehälter beschreiben den Wert, den man unserer Arbeit beimisst. Durch den Wechsel ins Ausland gelingt es regelmäßig, ein deutlich höheres Einkommen zu erzielen.

In all dem spiegelt sich die Wirkung untauglicher gedeckelter Budgets und staatlich diktierter Preisentwicklung wider. Die Krankenhausfinanzierung gehört politisch auf die Intensivstation. Immer mehr Leistung für immer weniger Geld ist keine Perspektive.

2007 sind weniger Ärzte ausgewandert als 2006. Ist dies bereits eine Folge der neuen arztspezifischen Tarifverträge?

Henke: Die Tarifverträge des Marburger Bundes haben die sonst drohende massive Abwärtsentwicklung der Gehälter verhindert. Ohne unsere Trennung von Verdi wären die Gehälter gesunken. Die Streiks des Jahres 2006 haben sich also mehr als bezahlt gemacht. Aber die von den Arbeitgebern behaupteten Steigerungen der Tarifgehälter um zweistellige Prozentsätze sind pure Fantasie. Im Vergleich zum Bundesangestelltentarifvertrag sind Steigerungen von vielleicht ein, zwei oder drei Prozent vorgekommen. Ältere Fachärzte haben sogar Einbußen erlitten. Also ist es im Vergleich zu den anderen Staaten beim etwa gleichen Abstand geblieben. Wir merken bei der Abwanderung bisher nichts von einer Trendwende. Schwankungen wie jetzt hat es auch früher schon gegeben – danach kamen neue Rekordzahlen.

Wie kann die Abwanderung von Ärzten gestoppt werden?

Henke: In der einzelnen Abteilung muss zunächst die Weiterbildung aufgewertet werden. Die Ärztekammern bereiten dazu flächendeckende Befragungen zur Qualität der Weiterbildung nach Schweizer Vorbild vor. Im einzelnen Krankenhaus sind die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Hier würde es schon reichen, das gültige Recht auch anzuwenden. Das gilt für das Arbeitszeitrecht, das gilt für die Arbeitszeiterfassung, das gilt für den Vergütungsanspruch bei Überstunden. Tariflich müssen wir den Abstand zwischen den hier und den im Ausland erzielbaren Einkommen verringern. Wenn die kommunalen Krankenhäuser aktuell schon nicht in der Lage sind, zu den besseren Vergütungen in anderen deutschen Kliniken aufzuschließen, ahnt man, wie groß diese Aufgabe ist.

Was passiert, wenn sich der Ärztemangel wegen der Ärzteabwanderung verschärft?

Henke: Nach Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes müssen wir in den kommenden 20 Jahren mit bis zu 58 Prozent mehr Pflegebedürftigen und zwölf Prozent mehr Krankenhausbehandlungen im Vergleich zu heute rechnen. Zudem vermeldet der medizinische Fortschritt nahezu täglich neue Erfolge.

Für eine solche Situation brauchen wir mehr und nicht weniger medizinische Versorgung als heute, und wir brauchen mehr und nicht weniger Ärzte. Wenn es diese nicht gibt, wird es in erster Linie die Patienten und deren Angehörige treffen. Es kommt zu Wartezeiten und Wartelisten, es kommt zu immer mehr Abfertigungs- und Zuteilungsmedizin, es kommt zu immer mehr Improvisation und provisorischer Versorgung mithilfe von Arzthelferinnen, Pflegekräften und anderen Gesundheitsberufen. In der Folge konkurrieren Pflegebedürftige und Kranke um den Zugang zum Arzt. Dessen persönliche Zuwendung wird zu einem immer kostbareren Gut.

Die Wertschätzung für den einzelnen Arzt dürfte demnach zunehmen ...

Henke: Vielen Ärzten wird es dann materiell besser gehen als heute. Aber ideell nehmen wir Schaden, weil wir in einer dauernden Überforderung viele abweisen, denen wir eigentlich helfen sollten. Wer es schafft, die Approbation zu erreichen, wird äußerst gefragt sein und sich unter vielen Optionen das attraktivste Angebot auswählen können. Ob er glücklicher wird, bezweifle ich jedoch.
Die Fragen stellte Jens Flintrop.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema