ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2008Versorgung psychisch Kranker in Ostdeutschland: Psychosomatik ist keine „Psychiatrie light“

POLITIK

Versorgung psychisch Kranker in Ostdeutschland: Psychosomatik ist keine „Psychiatrie light“

Dtsch Arztebl 2008; 105(14): A-722 / B-631 / C-619

Weiland, Sabine

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LNSLNS Bei einem Fachsymposium in Schwerin wurde nicht nur die Unterversorgung psychisch Kranker thematisiert. Deutlich wurde auch der Streit um Therapiehoheiten.

Sorgen um restriktive Bettenpläne, therapeutische Lücken und aufflackernde Kompetenzstreitigkeiten belasten die psychosomatische Medizin in Deutschland, insbesondere im Osten des Landes. Lebhaft diskutierten dazu mehr als hundert Psychosomatiker und Psychiater beim Schweriner Symposium „Psychosomatik in der Krankenversorgung“. Eingeladen hatte die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM).

„In Deutschland braucht ein Patient mit einer behandlungsbedürftigen seelischen Störung etwa sieben Jahre, bis er adäquat therapiert wird“, sagte Prof. Dr. med. Harald Freyberger, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Greifswald. „Je weiter entfernt ein Patient vom Therapiezentrum wohnt, je älter er ist, je geringer sein sozialer Status und je ausgeprägter die Komorbidität sind, desto seltener ist er therapiebereit.“

Großes Gefälle der Versorgungsdichte
Besonders gravierend sei das Gefälle der Versorgungsdichte zwischen alten und neuen Bundesländern, kritisiert die DGPM. Während die Versorgungsdichte der Psychiater mit 1 : 20 000 im bundesweiten Mittel liegt, ist die der niedergelassenen Psychologischen Psychotherapeuten deutlich unterdurchschnittlich. So teilen sich in Mecklenburg-Vorpommern (M-V) etwa 13 500 Einwohner einen Psychotherapeuten, in Bayern versorgt ein solcher dagegen nur 3 300 Einwohner. Prekär erscheint die Situation der 28 ärztlichen Psychotherapeuten in M-V: Sie wissen sich für 1,9 Millionen Einwohner zuständig. Das entspricht der bundesweit niedrigsten Versorgungsquote von 1 : 68 000.

Defizitär zeigen sich auch die stationären Bettenkapazitäten. Alt-bundesländer wie Bayern oder Baden-Württemberg verfügen durchschnittlich über die dreifache Bettenzahl. Und das, so die einhellige Erfahrung der Symposiumsteilnehmer, bei einem grundsätzlich erhöhten Versorgungsbedarf im Osten. Diktatur, Systemwechsel, Arbeitslosigkeit, Frühberentung, Alkoholismus, Arbeitsmobilität und der Bruch familiärer wie sozialer Bezüge begünstigen psychosomatisch manifeste Beschwerdebilder. Zusätzlich erschwere die rigide Praxis um Weiterbildungsermächtigung, Budgetierung und Zulassungszwängen eine solide Versorgung. Die Konsequenzen: Ein Drittel der therapiebedürftigen Patienten chronifiziere in einer sich wiederholenden und kostenintensiven Organdiagnostik. Die Kosten dafür seien unklar, valide Untersuchungen gebe es nicht, erklärt Prof. Dr. med. Peter Joraschky, Direktor der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Dresden.

Unerquicklich dabei: Einige Psychiater und Psychosomatiker scheinen die defizitäre Versorgungssituation aus den Augen zu verlieren und streiten um Therapiehoheiten. Auch in Schwerin war dies zu spüren. Das aufflackernde Fachgezänk zwischen Psychiatern und Psychosomatikern werde derzeit von den Bedarfsplanern der Krankenhauskapazitäten für eigene Interessen genutzt, so der Vorwurf der DGPM. Insbesondere in den östlichen Bundesländern würden bestehende Psychiatriebetten in Psychosomatikbetten umdeklariert, ohne deren Gesamtzahl zu erhöhen. In Thüringen, Brandenburg und im Saarland sei das die Realität der Landesbettenpläne. In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen stehe dies zur Disposition. Die Argumentation: 90 Prozent der Diagnosen in psychosomatischen Kliniken entspreche derer in psychiatrischen Kliniken. Tatsächlich, so zeigt es die Belegung von Psychiatriebetten, überlappen sich die Diagnosen in etwa 15 Prozent der Fälle. Demnach findet man vor allem Schizophreniekranke, Suchtpatienten und Patienten mit hirnorganischen Störungen in psychiatrischen Kliniken (Berger, 2004). „Zwei Drittel aller Primärdiagnosen in der Psychosomatik“, erläutert Jochen Buhrmann, Chefarzt der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Helios-Kliniken Schwerin, „entfallen auf Ess- und Persönlichkeitsstörungen, Angst, Depressionen und unklare Schmerzzustände.“ Studien von Tritt, 2003, Heymann, 2003, und Zaudig, 2004, belegen dies.

Regionales Service-Haus
Ohne Psychosomatik wird sich künftig kein breites gemeindenahes und wirksames medizinisches Versorgungssystem etablieren und halten können, lautet das Credo der Teilnehmer. Die erlebte Not der defizitären Patientenversorgung in Ostdeutschland macht erfinderisch. So entwickelte ein Team um Freyberger aus Greifswald das Modell des sogenannten regionalen psychiatrischen Service-Hauses als niederschwelliges Angebot für bis zu 60 000 Einwohner einer Region. 2004 wurde ein solches auf der Insel Rügen eröffnet. Es offeriert ambulante sozialpsychiatrische und psychosomatische Leistungen von der Diagnose bis zum Spezialsetting, ebenso Tagesklinik und Begegnungsstätte. Auch die Neuruppiner Kliniken entwickelten unter Prof. Dr. med. Gerhard Danzer, Klinikleiter des Fachbereichs Psychosomatik, eine standardisierte zeitgleiche und gleichwertige biomedizinisch-biosoziale Simultandiagnostik bei Aufnahme jedes Patienten.

Dieser Standard allerdings ist eher selten in deutschen Kliniken. Fast ausschließlich sind es Schmerzambulanzen, die die Psychosomatik einfordern. Oft verhindern große informelle Lücken und Berührungsängste, dass organmedizinische und psychotherapeutische Leistungen gebündelt und Konsiliar- wie Liasionsdienste genutzt werden.

Eine offensivere Kommunikation der Fachgruppen und gemeinsame Qualitätsstandards in Psychiatrie und Psychosomatik forderten die Experten am Ende des Symposiums. Ziel sei es, in Koexistenz beider Fächer ein einzigartiges differenziertes Therapieangebot seelischer Gesundheitsstörungen zu erhalten – trotz aller Versorgungsdefizite.
Sabine Weiland

Fachstreit
Historische Wurzeln der Kluft
Die Kluft zwischen Psychiatern und Psychosomatikern in Deutschland hat ihre historischen Wurzeln im totalitären System des Dritten Reichs. Die damalige Rolle der Psychiatrie und die gezielte Demontage führender jüdischer Wissenschaftler, wie zum Beispiel des Psychoanalytikers Sigmund Freud, erstickten die Anfänge der Psychosomatik. Das Fachgebiet wurde in Deutschland vernachlässigt, sein eher aufdeckender Charakter gemieden. Die bis heute karge gemeinsame Studienlage, zum Beispiel zur Interaktion von psycho- und pharmakologischer Therapie oder auch zu Nebenwirkungen der Psychotherapie, wird als Ausdruck dieser Kluft zwischen Psychiatrie und Psychosomatik gedeutet.

Doch: „Vernachlässigte Kinder machen sich selbstständig“, betont Prof. Dr. med. Paul L. Janssen, emeritierter Professor der Ruhr-Universität Bochum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. „Die Psychosomatik etablierte sich in Deutschland entgegen aller Widerstände als eigenständiges Fach. International ist das einmalig.“

Die erste Klinik für Psychosomatik nach dem Zweiten Weltkrieg wurde schon 1946 in Lübeck gegründet,1952 folgte die Zusatzbezeichnung Psychotherapie. In der DDR wurde 1970 erstmalig der Zweitfacharzt für Psychotherapie zugelassen.
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