ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2008IV-Anschubfinanzierung: Aus- statt abbauen

POLITIK: Kommentar

IV-Anschubfinanzierung: Aus- statt abbauen

Dtsch Arztebl 2008; 105(14): A-724 / B-632 / C-620

Bischoff-Everding, Christoph

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Kommentar von Christoph Bischoff-Everding, Hildebrandt-Gesundheitsconsult GmbH

Das Anreizmittel „Anschubfinanzierung“ zur Förderung der integrierten Versorgung (IV) nach § 140 SGB V endet mit dem Jahr 2008. Die Politik sucht jetzt nach Konzepten, wie man bei Kostenträgern und Leistungserbringern eine Kultur von Forschung und Entwicklung für Versorgungsinnovationen im Gesundheitswesen aufbauen und nachhaltig implementieren könnte. Dazu hat Hildebrandt-Gesundheitsconsult GmbH Meinungsbildner aus den einzelnen Bereichen des Gesundheitswesens befragt: Vertragsärzte, Krankenkassen, Krankenhäuser, Wissenschaft und Industrie.

Einig waren sich die Befragten, dass das Gesundheitswesen dringend den Ausbau einer eigenen Forschungs- und Entwicklungskultur für neue Versorgungsformen benötigt. Die jetzigen sektoralen Budgetgrenzen führten zu Blockaden des institutionellen Denkens und behinderten damit die Weiterentwicklung einer modernen über die Sektoren hinausweisenden effizienten Medizin.

Dabei sei es die Aufgabe des Gesetzgebers, die richtigen Anreize zur Förderung des Qualitäts- und Effizienzwettbewerbs zu setzen, sodass sich langfristige Investitionen rechneten und entsprechende Forschungs- und Entwicklungsetats bei Krankenkassen und Leistungserbringern zur Verfügung gestellt würden. Beispielsweise könnten die Krankenkassen die Möglichkeit erhalten, Investitionen in diesem Bereich über mehrere Jahre verteilt abzuschreiben. Angeregt wird auch, für diesen Bereich Mittel aus dem Gesundheitsfonds zur Verfügung zu stellen. Für die Leistungserbringer wird die Verpflichtung zur Qualitäts- und Ergebnisdarlegung in Verbindung mit (Kosten-)Nutzen-Nachweisen und Ergebnisverantwortung durchweg als wichtiger Impulsgeber für Versorgungsinnovationen gesehen – auch wenn die Leistungserbringer sich selbst ungern auf den öffentlichen Prüfstand begeben wollen. Als positive Belohnung von höherer Outcome-Qualität (gestützt durch Ergebnisdaten, die über die einzelnen Sektoren hinausgehen) werden auch „Pay-for-performance“-Vergütungen vorgeschlagen, wie sie in den USA und in Großbritannien für Krankenhäuser und Ärztegruppen eingeführt wurden.

Solche Vergütungsregelungen wären der Anfang für mehr Transparenz durch Leistungserbringer, Industrie und Krankenkassen gegenüber mündigen Versicherten. Mehr Transparenz und bessere Information sind notwendig, weil die Nachfragesteuerung nicht mehr durch Gremien und Experten allein, sondern auch durch preis- und qualitätssensible „Konsumenten“ zu erfolgen hat. Auch kann die Bevölkerung erst bei einem guten Informationsniveau ein genügendes Bewusstsein für Prävention und eigenverantwortliche Gesundheitsvorsorge in einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung entwickeln. Ohne mehr Eigeninitiative und Eigenverantwortung der Bevölkerung in der Prävention kann das Gesundheitspotenzial nicht erschlossen werden. Genau das ist aber angesichts der demografischen Entwicklung unverzichtbar.

Die IV-Anschubfinanzierung war im Rückblick durchaus ein erfolgreicher Anstoß für die Entwicklung vielversprechender Versorgungsinnovationen. Dieser Anstoß müsste nicht ab-, sondern weiter ausgebaut werden. Wenn die Anschubfinanzierung dennoch wie geplant ausläuft, müssten andere Wege gefunden werden, die mindestens den gleichen Effekt versprechen. Höhere Qualität und mehr Wirtschaftlichkeit würden sich dabei nicht ausschließen. Die Entwicklung von mehr Effizienz erfordert aber zunächst das Investment in solche Effizienzsteigerungen und den Abbau entsprechender Hemmnisse.
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