ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2008Doping: Zusatzverdienste und fiktive Patienten

POLITIK

Doping: Zusatzverdienste und fiktive Patienten

Dtsch Arztebl 2008; 105(14): A-725 / B-633 / C-621

Siegmund-Schultze, Nicola

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Patrik Sinkewitz fuhr für das Team T-Mobile. Bei der Tour de France 2006 ließ sich Sinkewitz an der Universitätsklinik Freiburg Eigenblut zur Leistungssteigerung reinfundieren. Foto: dpa
Patrik Sinkewitz fuhr für das Team T-Mobile. Bei der Tour de France 2006 ließ sich Sinkewitz an der Universitätsklinik Freiburg Eigenblut zur Leistungssteigerung reinfundieren. Foto: dpa
Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission der Universität Freiburg offenbart jahrelange Verstrickungen von Ärzten in Doping. Dabei sind größere Mengen Geld an der Hochschule vorbei auf eigene Konten geflossen.

Als die Universitätsklinik Freiburg am 15. Mai vergangenen Jahres eine Untersuchungskommission einrichtete, um Dopingvorwürfe gegenüber Ärzten der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin „rigoros aufzuklären“, sah es zunächst nicht danach aus, als werde zeitnah Licht ins Dunkel gebracht. Es dauerte ein Dreivierteljahr, bis man von der Untersuchungskommission wieder hörte.

Nun aber hat sie einen Zwischenbericht vorgelegt und in Abstimmung mit der Freiburger Universität der Öffentlichkeit vollständig zugänglich gemacht (www.do pingkommission-freiburg.de). Er offenbart ein Ausmaß an Doping durch Ärzte, wie es bislang in Deutschland nicht bekannt war – zumindest nicht aktenkundig. Bei der Aufklärung arbeitet die Kommission mit der Verwaltung des Universitätsklinikums zusammen, mit dem Bundeskriminalamt (BKA) und der Staatsanwaltschaft Freiburg.

Ins Rollen gebracht hatte die Untersuchungen ein Bericht im „Spiegel“ (Heft 18, vom 30. April 2007), in dem Sportmediziner der Universität Freiburg mit Doping in Verbindung gebracht worden waren. Daraufhin gaben drei Ärzte zu, Radsportler mit unerlaubten Substanzen zur Leistungssteigerung versorgt zu haben, nämlich Prof. Dr. med. Andreas Schmid, Dr. med. Lothar Heinrich und Dr. med. Georg Huber. Schmid und Heinrich wurden fristlos gekündigt, Huber ist inzwischen pensioniert. Im Bericht werden nun die Namen von zwei weiteren Sportmedizinern genannt, die in Doping involviert gewesen sein könnten: Dr. med. Andreas Blum und Dr. med. Stefan Vogt. „Es ist Geld von Radrennställen am Universitätsklinikum vorbei an sie geflossen“, sagte der Vorsitzende der Kommission, Dr. jur. Hans-Joachim Schäfer (ehemals Präsident des Sozialgerichts Reutlingen), dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). „Ob die beiden am Doping beteiligt waren, ist noch unklar.“ Blum war bis 2006 an der Universitätsklinik Freiburg tätig, Vogt bis März 2008. Da wurde ihm, nach Bekanntwerden der Zahlungen, fristlos gekündigt.

Eine weitere Erkenntnis der Kommission, der außer Schäfer der Biochemiker und Antidopingexperte Prof. Dr. rer. nat. Wilhelm Schänzer von der Sporthochschule Köln und der Pharmakologe Prof. Dr. Ulrich Schwabe vom Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg angehören: Schmid und Heinrich haben, anders als beide erklärt hatten, den Fahrern des Teams Telekom (es bestand von 1991 bis 2004) und später des Teams T-Mobile (2004 bis zur Auflösung des Sponsorenvertrags durch die Telekom 2007) Dopingsubstanzen selbst verabreicht, zum Beispiel Erythropoetin (EPO) injiziert. EPO kurbelt die Bildung von Erythrozyten an und steigert damit die Sauerstofftransportkapazität des Blutes. Die erhöhte Viskosität des Blutes kann zu Thrombosen und Embolien führen.

Stimulierender Zaubertrank
Der Zwischenbericht liest sich zum Teil, als hätte man in Freiburg an der Geschichte des Dopings mitgeschrieben. So berichtete der ehemalige belgische Radsport-Masseur Jef D’Hont, der seit 1992 Fahrer des Teams Telekom gemeinsam mit Sportmedizinern der Universität Freiburg betreute, der Kommission von seinem stimulierenden „Zaubertrank“: Eine 300-Milligramm-Kapsel Koffein wurde mit je einer Tablette der rezeptpflichtigen Arzneimittel Alupent® (Wirkstoff Orciprenalin) und Persantin® (Wirkstoff Dipyridamol) in Cola aufgelöst. Orciprenalin steht seit 1992 als verbotene Substanz auf der Dopingliste des Internationalen Olympischen Komitees.

Schon bei ersten Kontakten mit Schmid 1992 sei erörtert worden, dass in Deutschland zur Leistungssteigerung von Sportlern unter den Glucocorticoiden das Methylprednisolon dem Betamethason vorgezogen werde und der Arzt für die Anwendung eine Ausnahmegenehmigung beantragen müsse, erinnert sich D’Hont. Als bei der Tour de France 1992 die erhofften Erfolge des Teams Telekom gleichwohl ausblieben, sei EPO zum Thema geworden. So ist Schmid nach Angaben von D’Hont für die Dosierung einer dreiwöchigen EPO-Kur (1 000 Einheiten EPO plus Vitamin B12 plus Folsäure jeden dritten Tag) bei dem Fahrer Olaf Ludwig zuständig gewesen, und er habe die Substanz beschafft. Nach und nach hätten weitere Fahrer EPO verlangt, Schmid habe es beschafft. Systematisches EPO-Doping des Teams Telekom unter ärztlicher Anleitung habe dann 1995 mit einem Trainingslager auf Mallorca begonnen. Schmid habe Heinrich eingearbeitet. Dieser habe dann auch EPO gespritzt, zum Beispiel den Fahrern Rolf Aldag und Christian Henn. Die EPO-Mengen wurden zur Vorbereitung größerer Rundfahrten verdoppelt. Der Telekom-Fahrer Bjarne Riis – er wurde nicht von Freiburger Sportmedizinern betreut – gewann die Tour de France 1996, Jan Ullrich wurde zweiter des Gesamtklassements und bester Nachwuchsfahrer, Erik Zabel bester Sprinter.

Als Reaktion auf den Dopingskandal um das Team Festina 1998, sponserte die Telekom den Arbeitskreis „Dopingfreier Sport“ zur Bekämpfung des Dopings. Den Vorsitz führte der inzwischen verstorbene Leiter der Abteilung Sportmedizin Freiburg, Prof. Dr. med. Joseph Keul, Schriftführer war Heinrich. Es sei nicht auszuschließen, dass auch Keul aktiv am Doping beteiligt gewesen sei, heißt es im Bericht. Während nach außen dem Doping der Kampf angesagt wurde, habe man im Team Telekom weiter unter ärztlicher Aufsicht mit EPO und Wachstumshormon gedopt, erläuterte Jörg Jaksche der Kommission. Jaksche kam 1999 zum Team Telekom. Er zahlte für die leistungsfördernden Mittel bei Heinrich bar. Beim Versand der Substanzen wurden Zahlungen über das Konto „Dopingfreier Sport“ abgewickelt. Wer die Ärzte mit EPO belieferte, ließ sich bislang nicht klären. Für den Zeitraum 2001 bis 2005 gaben die Fahrer der Kommission keine Auskunft mehr, vermutlich, um nichts zu offenbaren, was noch nicht verjährt ist. Nur Patrik Sinkewitz schilderte der Kommission, wie Heinrich und Schmid ihm beim Eigenblutdoping unterstützt hatten, denn EPO-Doping war inzwischen nachweisbar geworden. Von Januar 2006 bis zur Tour de France desselben Jahres wurde Sinkewitz nach ausgefeilten Plänen in Freiburg Blut abgenommen und wieder reinfundiert. So ließ er sich für eine Eigenblutreinfusion am Abend des ersten Tages der Tour de France von Straßburg nach Freiburg fahren. Auch seien ohne medizinische Indikation Ausnahmegenehmigungen für Medikamente beantragt worden, erinnert sich der Fahrer. Ob im Jahr 2000 auch Huber im Doping von Sinkewitz verwickelt war, will die Kommission noch klären. So hat Huber zum Beispiel für Sinkewitz eine Ausnahmegenehmigung wegen stark schwankender Hämatokritwerte (um mehr als zehn Absolutprozent) beantragt. Die Staatsanwaltschaft Freiburg prüft gegenwärtig, ob gegen Huber wegen möglicher, nicht verjährter Straftaten ermittelt werden soll. Bisher gibt es gegen ihn kein formelles Ermittlungsverfahren. Gegen Schmid und Heinrich laufen bereits Ermittlungen.

Das Engagement in der unerlaubten Leistungsförderung der Radrennprofis lohnte sich für einige Ärzte finanziell. An Heinrich sind von Sponsoren sechsstellige Eurobeträge geflossen, ohne dass diese Summen gedeckt gewesen wären durch Nebenbeschäftigungen, die mit dem Arbeitgeber vereinbart waren. Auch an Schmid sind Zahlungen an der Universität vorbei gegangen, ebenso für Blum und Vogt.

Die Kommission hält es für wahrscheinlich, dass auch zwischen 2001 und 2005 gedopt wurde. Dafür sprächen nicht nur die zusätzlichen Vergütungen durch Sponsoren von Radteams, sondern auch die vom Universitätsklinikum aufgedeckten Datenmanipulationen durch Anlage von Akten für fiktive Patienten. So habe der im Jahr 2005 in Freiburg behandelte „Maier, Ulrich, geboren am 2. Dezember 1937“, trotz seines fortgeschrittenen Alters Blutwerte wie ein junger Leistungssportler gehabt, berichtete Schäfer bei einer Pressekonferenz in Freiburg. Hinter dem Namen könnte sich Jan Ullrich verbergen, der am 2. Dezember 1973 geboren ist und jahrelang von den Freiburger Ärzten betreut wurde, wird spekuliert. Auch einen „Mayer, Alexander, geb. am 2. Juli 1943“ dürfte es so nicht gegeben haben.

Es sind noch einige Fragen zu klären, zum Beispiel: Hätten die auf den im Jahr 2000 gestorbenen Joseph Keul folgenden Abteilungsleiter „etwas wissen müssen, wissen sollen oder wissen können?“, wie es Schäfer ausdrückt. Bislang gebe es keine Hinweise auf ein Mitwissen. „Über den jetzt vorgelegten Zwischenbericht hinaus ist weitere Aufklärung notwendig, auch mit Blick auf etwaige strukturelle Defizite in der Abteilung Sportmedizin“, teilte das baden-württembergische Wissenschaftsministerium als oberste Aufsichtsbehörde der Universität Freiburg dem DÄ auf Anfrage mit. Über Konsequenzen müsse entlang der gewonnenen Erkenntnisse entschieden werden.

Aber auch von Sportärzten selbst ist gelegentlich kritisiert worden, dass man innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) nicht hellhörig genug sei für Hinweise, dass Ärzte Doping unterstützten. „Solche Kritik, oder ein Verdacht, ist nie direkt gegenüber dem Präsidium der DGSP geäußert worden, sondern nur indirekt über die Medien“, sagt Prof. Dr. med. Herbert Löllgen (Remscheid), erster Vorsitzender der DGSP. „Niemand hat mit derartigen Verwicklungen von Ärzten in Doping gerechnet.“ Die DGSP hat eine Ad-hoc-Kommission gebildet, die einen umfangreichen Katalog von Vorschlägen zur Verbesserung des Kampfes gegen Doping erarbeitet hat. Die Ad-hoc-Kommission, so Löllgen, könnte ein Ansprechpartner für Ärzte auf Dauer werden.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
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