ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2008Die Hospitalheilige: Mitleid und Trauer
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Das ungewöhnliche, am Ende extrem mönchisch-asketische Leben der jungen Landgräfin Elisabeth von Thüringen, vor allem ihre strengen Keuschheits-, Gehorsams- und Armutsgelübde, sind wohl nur aus psychodynamischer Sicht nachvollziehbar. Es bietet typische Merkmale einer ekklesiogenen Neurose mit sexualpathologischen Zügen, zu deren Entwicklung wesentlich der zunehmende Einfluss des franziskanischen Wanderpredigers und späteren Großinquisitors Konrad von Marburg am Eisenacher Hof beigetragen hat. Der Seelsorger und Beichtvater Elisabeths wurde nach dem Tod ihres Mannes 1227 fatalerweise ihr mit allen Vollmachten ausgestatteter Vormund. Sie hatte ihm bereits zuvor für diesen Fall absoluten Gehorsam versprochen, sodass er sie mit einer Mischung aus Indoktrination und Gewalt nun vollständig manipulierte und beherrschte. Konrad von Marburg war ein fanatischer, ebenso unerbittlicher wie grausamer Ketzerverfolger, der mit Erlaubnis von Papst Gregor IX. die Inquisitionsverfahren drastisch verschärfte und den Ruf eines blindwütigen Hass- und Hetzpredigers hatte. Er wurde 1233 in der Nähe von Marburg von Gefolgsleuten des Grafen Heinrich III. von Sayn erschlagen, den er als Ketzerfreund auf den Scheiterhaufen bringen wollte. Der märtyrerhafte Tod der erst 24-jährigen, schließlich völlig entkräfteten, vereinsamten, verstummten und verstörten, vielleicht latent suizidalen Elisabeth, deren jüngste Tochter bereits mit zwei Jahren in ein Kloster gegeben wurde, gibt wahrlich Anlass zu einem Gedenken in Mitleid und Trauer.
Prof. Dr. Dr. Theo R. Payk, Waldstraße 71, 53177 Bonn
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