ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2008Enhancement: Dürftige Evidenz
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
. . . Die Autoren sehen in ihrem Plädoyer gegen „pharmakologisches Neuroenhancement“, also die Behandlung von „Gesunden“ mit zentral wirkenden Substanzen, die Gefahr des Eingriffs in die „personale Identität“. Wenn sich aber diese Identität ändere (was für die Autoren offenbar eine ausgemachte Sache ist), dann wisse man nicht, wer überhaupt profitiere, die Person vor oder nach dem Eingriff. Die Folgerung daraus kann eigentlich nur sein, alle zentral wirkenden Substanzen zu verbieten. Oder möchten die Autoren sagen, dass man bei chronisch Schmerzkranken oder Depressiven ohne Weiteres deren personale Identität manipulieren dürfe? Im Zusammenhang mit der Stimulanzien-Therapie bei Kindern (für die Autoren offenbar ein typisches Beispiel für „Neuroenhancement bei Gesunden“) wird behauptet: „So besteht etwa bei einer bereits in der Jugend einsetzenden, langjährigen Ritalin-Medikation die Gefahr einer Beeinträchtigung der natürlichen Gehirnentwicklung; auch werden Spätfolgen wie ein erhöhtes Suizidrisiko und eine spätere Drogensucht befürchtet.“ Es ist meiner Ansicht nach nicht Aufgabe von Wissenschaftlern, unbewiesene Gerüchte in die Welt zu setzen oder weiter zu verbreiten, das können Boulevard-Journalisten besser. Schon eine flüchtige Beschäftigung mit (wissenschaftlicher) Literatur hätte die Autoren in Kenntnis gesetzt, dass das Gegenteil ihrer Behauptung der Fall ist: Die Behandlung mit Stimulanzien reduziert das Risiko der Drogenabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen mit
ADHS. Es ist hinlänglich bekannt, dass gerne in Laienmedien ADHS als „Modekrankheit“ bezeichnet wird. In seriösen wissenschaftlichen Publikationen wie dem Deutschen Ärzteblatt sollten solche argument- und begründungsfreien Gedanken und Gefühle aber keinen Platz haben. Bei der Forderung von Schäfer und Groß, Psychotherapie, Coaching, Biofeedback, progressive Muskelrelaxation, autogenes Training und Meditation als Alternative einzusetzen, handelt es sich zweifellos um eine populäre und vor allem politisch korrekte Forderung. Leider sagen die Autoren nicht, dass alle diese Methoden (z. B. bei der Indikation ADHS) mit – freundlich ausgedrückt – empirisch äußerst dürftiger Evidenz ausgestattet sind. Die Autoren beklagen die sozialen Probleme der ungleichen Zugangsmöglichkeiten zu diesen Therapien. Selbstverständlich haben nicht alle Menschen in unserer unvollkommenen Welt Zugang zu sinnvollen Therapien. Dies ist aber kein Argument speziell gegen die kritisierten pharmakologischen Maßnahmen. Auch Nachhilfe ist ein kognitives „Neuroenhancement“. Sollte man deswegen wohlhabenderen Eltern diese Form der Unterstützung ihrer Kinder versagen? Würde die Welt dann besser?
Literatur beim Verfasser
Dr. Martin Klein, Wirsbergstraße 10,
97070 Würzburg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige