ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2008Von schräg unten: Zahnweh

BERUF

Von schräg unten: Zahnweh

Dtsch Arztebl 2008; 105(14): [120]

Böhmeke, Thomas

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Es drückt und schmerzt gewaltig hinten unten links, der Kiefer klemmt – einfache Diagnose für einen einfachen Humanmediziner, nur die Therapie liegt nicht mehr in eigenen Händen. Also begebe ich mich vertrauensvoll in die Hände eines fachkundigen Zahnarztkollegen. Im Wartezimmer habe ich Zeit, mich aus meiner professionellen Perspektive heraus auf das einzustimmen, was mir bevorsteht. Der Kollege wird – beim Blick in meine malade Mundhöhle – unverständliche Zahlen murmeln, die seine Helferin eifrig notieren wird und die hoffentlich über das Zweistellige nicht hinausgehen. Dreistellige Zahlen würden, so vermute ich in meiner zahnärztlichen Unkenntnis, wahrscheinlich eine ebenso lange Verweildauer auf diesen Stühlen bedeuten, die man eigentlich nur von anderen besessen sehen will. Aber mein Backenzahn tut schon vierstellig weh, deswegen bleibe ich ganz brav im Wartezimmer sitzen. Der Kollege wird nach ebendieser Bestandsaufnahme mit einer Spritze kommen, die zwar den Kiefer in eine Appendix voller Beton verwandelt, dafür aber den Schmerz nimmt. Nach längerem Kramen in den finsteren Ecken meines Gehirns erinnere ich mich, dass es wohl der Nervus alveolaris inferior sein müsste, auf den er mir dann gehen muss. Mit seiner Spritze. Diese ist gefüllt mit entweder einem Ester der Paraaminobenzoesäure oder einem Säureamid. Bei Letzterem handelt es sich meist um Lidocain, häufig gepaart mit Vasokonstriktoren. Diese können insbesondere bei akzidenteller intravaskulärer Injektion Anlass zu schwerwiegenden Reaktionen sein. Papperlapapp, sage ich mir, solche Spritzen sind doch eigentlich überflüssig, nur was für Weicheier. Schließlich will ich mich als aufgeklärter Patient dem Risiko gravierender Störwirkungen erst gar nicht aussetzen. Mein Schmerz ist doch nur eine ganz banale Umwandlung der Arachidonsäure in Prostaglandin E2, das neben Bradykinin und Histamin die Nozizeptoren aktiviert. Die Schmerzimpulse werden über schnelle A-Delta-Fasern und langsame C-Fasern via Tractus spinothalamicus in das Gehirn geleitet und schlussendlich im Kortex sowie im limbischen System verwurschtelt. Also, wenn ich mir das so kraft meiner übrig gebliebenen anatomisch-physiologischen Kenntnisse klarmache, dann brauche ich auch keine Spritze mehr, ist mein Schmerz höchstens dreistellig. Sowieso – Schmerz kann auch durch den Willen beeinflusst werden, wie so vieles in der Welt. Wozu braucht man dann Spritzen mit potenziell toxischen Substanzen? Schmerztherapeuten wissen sicher zu berichten, dass Männer Schmerzen viel eher wegstecken können als Frauen. Wie sang schon Herbert Grönemeyer? Männer haben’s schwer – nehmen’s leicht. Wäre es nicht ein schmählicher Abgang, wenn mich irgend so eine banale „Ich-habe-so-eine-furchtbare-Angst-vor-dem-Bohrer“-Spritze hinwegraffen würde? Ach was, mein Schmerz ist jetzt maximal zweistellig, was soll ich eigentlich noch hier . . . ich werde in den Behandlungsraum gerufen und darf auf diesem Furcht einflößenden Sessel Platz nehmen, schräg gegenüber blecken mich die feindlich gesonnenen Bohrer und Fräsen an, die mir gleich auf den besagten Nerven mit ohrenbetäubendem Gekreische herumtanzen werden. Der freundliche Kollege tritt ein: „Wie halten Sie es denn mit lokaler Betäub . . .“ „Damit wir uns gleich richtig verstehen: ALLES, WAS IHR MEDIKAMENTENSCHRANK HERGIBT!“

Dr. med. Thomas Böhmeke ist
niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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