SUPPLEMENT: Reisemagazin

Schweden: Mit Lovina durch die Wildnis

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): [14]

Sobik, Helge

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Der Weg ist das Ziel: Mit zweieinhalb Stundenkilometern zockeln Pferd und Urlauber durch das Land der Bären, Wölfe und Elche. Fotos:Helge Sobik
Der Weg ist das Ziel: Mit zweieinhalb Stundenkilometern zockeln Pferd und Urlauber durch das Land der Bären, Wölfe und Elche. Fotos:Helge Sobik
Aussteiger auf Zeit ziehen mit Pferd und Planwagen in den Wälder Dalarnas umher.

Wenn die Glut des Lagerfeuers erloschen ist, sieht man die Hand nicht mehr vor Augen. Hört nur noch das Rauschen der Tannen. Und das Malmen von Heu. Pferdedame Lovina frisst, wann immer sie stillsteht. Weil Fressen viel schöner ist als Schlafen – auch im Dunklen mitten in den einsamen Wäldern der schwedischen Region Dalarna. Fressen ist die Belohnung, denn tagsüber zieht Lovina einen Planwagen auf schmalen Wegen durch die Wildnis.

Ein Kuckuck ruft, und irgendwo aus dem Wald heraus röhrt ein Elch dem Morgen entgegen. Schaut ein Urlauberkopf schläfrig aus dem Planwagen hervor, dann wiehert Fjordpferdstute Lovina freudig. Wacht ihr Mensch auf, könnte es ja etwas zu futtern geben – statt Heu diesmal vielleicht den Frühstückshafer aus der Vorratsbox am Heck des Planwagens. Der schmeckt besser, weil er streng rationiert ist. Und toll dick macht. Die Pferdedame ist mit Begeisterung dick und hat deshalb mehr Spaß am Langsamfahren als am Trimm-Trab, mehr Freude am Rasten als am Vorwärtskommen.

„Als Pferd bist du im Vorteil“: Wo die Schilder an den Gabelungen fehlen, kennt Lovina den Weg.
„Als Pferd bist du im Vorteil“: Wo die Schilder an den Gabelungen fehlen, kennt Lovina den Weg.
Lovina hat sandstrandfarbenes Fell, eine schwarz abgesetzte Mähne, ist 21 Jahre alt, hat acht Fohlen zur Welt gebracht und ist seit 15 Jahren als Kutschpferd im Einsatz. 18 Pferde arbeiten für Svante Inemyr, der die Idee mit den Planwagentouren hatte – alle geduldig, friedfertig, robust. Und dickköpfig. Alle von klein auf an unterschiedliche Menschen und die Deichsel gewöhnt. Widerstandslos lassen sie sich selbst von Laien ein- und ausspannen, lassen sich striegeln und die Hufe reinigen. Vor der Abfahrt vom Hof des Kutschenverleihers im 18-Einwohner-Ort Torsmo gibt es eine kurze Einweisung in die Handhabung des Wagens und eine längere in Pferdeführung und -pflege.

Weit fahren muss niemand, um in der Wildnis anzukommen. Sie beginnt direkt vorm Tor des Hofs: sanfte Hügel, von der Eiszeit polierter Granit zwischen hellgrün schillernden Moosen, irgendwo am Horizont ein See, davor Tannenwipfel, die im Sommerwind Swing tanzen. 168 Quadratkilometer misst das Fahrtgebiet der Urlaubskutscher nordwestlich der Kleinstadt Mora gut 40 Kilometer Luftlinie vom Siljansee entfernt.

Unterwegs entscheidet Lovina über das Tempo: hier ein Stopp an einem Grasbüschel, dort eine ausgedehnte Trinkpause am Bach. Anschieben hilft wenig, Zureden auch nicht, und die Peitsche ist ohnehin abgeschafft. Spätestens am zweiten Reisetag hat die Stute ihre Menschen dressiert und ihnen beigebracht: Als Pferd bist du im Vorteil. Als Pferd hast du das Sagen, denn dann bist du an deinem Wagen Zündschlüssel und Kupplung zugleich. Du bist Gaspedal und Bremse. Und du bist das Navigationssystem.

Wo die Schilder an den Gabelungen im dünn besiedelten Mittelschweden fehlen, kennt nur Lovina den Weg. Sie weiß den Rundkurs der Planwagen-Teilzeitaussteiger in Dalarna auswendig, ist mit allen Rastplätzen an den Seen, den Heuvorratslagern, den Feuerstellen vertraut. Und den Abkürzungen dorthin. Die Menschen auf dem Kutschbock kontrollieren nur das Lenkrad, das in diesem Fall Zügel heißt und durch leichtes Zerren in die eine oder andere Richtung die Bitte um einen Kurswechsel an Lovinas Dickkopf überträgt.

Bis zu zehn Planwagen sind im Sommer für Svante auf der 110 Kilometer langen Waldwegstrecke quer durch Birken- und Nadelwälder unterwegs – jeder etwa vier Meter lang und weniger als eineinhalb Meter breit, jeder mit einem Brett als Kutschbock, mit zwei Pritschen, unter denen sich Stauraum für Koffer oder Rucksack, für Schlafsäcke und Vorräte verbirgt. In Ablagen unterm Wagenboden fährt das Vorratsheu mit, dazu Töpfe, Pfannen und Gaskocher, ein Campingtisch, zwei Klappstühle, außerdem ein Spaten als improvisierte Toilettenspülung für die kurzen Abstecher ins Unterholz. Der Komfort geht gegen null, der Erlebniswert ist kaum zu übertreffen. Die Planwagentouren durch die Wälder sind wahlweise auf drei oder sechs Tage ausgelegt. Viel mehr als 15 bis 20 Fahrtkilometer am Tag mutet niemand seinem Pferd zu, denn die Reise soll gemächlich, der Weg das Ziel sein.

Lovina scheint es zu genießen, wenn ihr bei einer Rast die Mähne gebürstet und das Fell geschrubbt wird. Sie ist eitel und will hübsch aussehen, wenn irgendwann Gegenverkehr auftaucht und vielleicht ein sympathischer Hengst die andere Kutsche zieht. Pferde-Hinterlassenschaften auf der Straße sind ihr eine Vollbremsung wert. Sie schnüffelt in solchen Momenten ausgiebig und wiehert begeistert über den klumpigen Gruß von Freunden und Verwandten.

Am Anfang hat das Wildnis-Badezimmer – ein paar Schritte vom Nachtlager – gestört, später die harmonische Gute-Nacht-Musik geliefert: Der Wildbach im Gebüsch rauscht wie eine viel befahrene Autobahn, an deren Seitenstreifen man die Zähne putzt, sich wäscht, manchmal badet. Zu Hause wird sich das später umkehren, und die dortige Autobahn wird rauschen wie ein schwedischer Wildbach. Hoffentlich. Gegessen wird am Lagerfeuer, übernachtet im Schlafsack auf der Pritsche oder unterm Sternenhimmel. Glimmende Lichter am gegenüberliegenden Ufer des Stordammensees sind der Beweis dafür, dass es auch anderswo noch Menschen gibt. Ihre Lagerfeuer funkeln in der Ferne.

Es dauert nur ein paar Stunden, bis Städter vollständig auf die Wildnis umschalten, auf Vogelstimmen, bis sie die Melodie im Knirschen des Sandes unter den Rädern des Wagens wahrnehmen, den Rhythmus beim Klappern der Hufe. Wenn es wenig zu hören gibt, werden die Sinne wacher, wird die Seele umso entspannter. Umso länger dauert es, bis Wildnisurlauber später wieder zu Städtern werden. Es ist schwierig, plötzlich ohne Lovina auskommen zu müssen. Und langweilig ist es, ein paar Dutzend überhaupt nicht eigensinnige PS per Pedal zu bedienen, einfach so zu beschleunigen. Und gar nicht mehr unvermittelt zu stoppen. Zum Malmen. Helge Sobik

Informationen:
Veranstalter: „Häst & Vagn“ (Torsmo 1646, S-79491 Orsa/Schweden, Telefon/Fax: 00 46/ 2 50/55 30 14; www.itadventure.se, hast.vagn@itadventure.se) vermietet Planwagen mit Kutschpferd und Ausrüstung. Jeder Wagen bietet Platz für zwei bis drei Personen.
Allgemeine Informationen: Schweden-Touristik, Lilienstraße 19, 20095 Hamburg, Telefon: 0 40/32 55 13 55, Fax: 0 40/32 55 13 33, www.schweden-urlaub.de.
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