ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2008Grönland: Nördlich des Hundeäquators

Supplement: Reisemagazin

Grönland: Nördlich des Hundeäquators

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): [16]

Motz, Roland

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Eis, Eis und nochmals Eis – soweit das Auge reicht: der Eisfjord bei Ilulissat
Eis, Eis und nochmals Eis – soweit das Auge reicht: der Eisfjord bei Ilulissat
Expedition Diskobucht – mit dem Boot im gewaltigsten Eislabyrinth der Erde

Eine Landebahn, ein paar Baracken, Nieselregen, fünf Grad Celsius. Kangerlussuaq ist das Tor zu Grönland. Alle Reisenden landen hier am „Langen Fjord“ oberhalb des nördlichen Polarkreises. Die Amerikaner haben den Flughafen im Zweiten Weltkrieg als wichtigen Stützpunkt gebaut und nach Ende des Kalten Krieges für einen Dollar an die Grönländer verkauft. Ein Bus bringt uns auf einer asphaltierten Straße zum Hafen. Mit zwölf Kilometern ist sie die längste Grönlands. Bald darauf gleiten wir langsam durch das milchiggrüne Wasser des Fjords. In tagheller Nacht erreichen wir das offene Meer. Es stürmt. Einige Passagiere sind aus den Betten gerollt. Dagegen können auch die ausgeteilten Tabletten nichts ausrichten. Aber am Morgen hat sich die See wieder beruhigt.

In Sisimiut gehen wir erstmals an Land. Der nördlichste eisfreie Hafen ist mit mehr als 5 000 Einwohnern Grönlands zweitgrößte Stadt. Bunte Holzhäuser erstrecken sich über eine weite Hügellandschaft. Eine steile Straße führt den Haupthügel hinauf ins Zentrum, bestehend aus Supermarkt, Post und einem erstaunlich gut sortierten Buchladen. Dahinter liegt der große Friedhof, praktischerweise direkt vor dem Krankenhaus aus Plattenbauten. Kein grönländischer Ort ist mit einem anderen durch eine Straße verbunden. Dafür herrscht erstaunlich viel Verkehr; auch auf dem Friedhof. Zehn frische Gräber werden gerade ausgehoben. „Nein“, gestorben sei niemand, beruhigen uns die alten Männer am Fischmarkt, die den Fang des Tages aus den Taxis laden, mit denen die Fische vom Hafen hochtransportiert werden. „Im Sommer wird nur Vorsorge für die geschätzten Toten des kommenden Winters getroffen.“

Zu Dutzenden liegen sie vor jeder Hütte: Schlittenhunde sind im Sommer ständig angekettet. Fotos: Roland Motz
Zu Dutzenden liegen sie vor jeder Hütte: Schlittenhunde sind im Sommer ständig angekettet. Fotos: Roland Motz
Am auffälligsten in Nordgrönland ist das Geheul der Schlittenhunde, die zu Dutzenden vor jeder Hütte angekettet sind. Der Polarkreis ist der Hundeäquator. Kein Schlittenhund darf den Norden verlassen, kein anderes Tier, bis auf die drei deutschen Polizeischäferhunde, die Grenze überschreiten. So beteiligen sich die Grönländer auch nicht an internationalen Rennen. Die wolfsähnlichen Hunde sind im Sommer ständig angekettet und erhalten nur ein- bis zweimal wöchentlich Futter. Welpen bis zu einem halben Jahr dürfen frei herumlaufen, ältere Tiere werden aus Sicherheitsgründen sofort erschossen. Trotzdem sind die meisten Kinderspielplätze aus Angst vor hungrigen herumstreunenden Hunden umzäunt.

„Look a polar bear, what a pity“, ruft Nestor, der philippinische Zodiac-Fahrer, bei der Anlandung im Hafen von Qeqertarsuaq. Wir trauen unseren Augen nicht. Tatsächlich hängen zwei mächtige Eisbärfelle zum Trocknen an Seilen aufgespannt an Deck eines kleinen Fischkutters. 30 Eisbären sind jährlich offiziell zum Abschuss freigegeben. Zwei davon baumeln bereits am dritten Reisetag vor unserer Nase. „Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter“, meint Expeditionsleiterin Anja, die bereits ihren fünften Sommer an der westgrönländischen Küste verbringt, „wahrscheinlich ein Jäger aus dem hohen Norden, der auf der Diskoinsel einen Zwischenstopp macht“. Gut 3 000 Euro sind für ein präpariertes Fell zu erzielen. Ein lohnendes Geschäft.

Sisimiut ist mit 5 000 Einwohnern Grönlands zweitgrößte Stadt und der nördlichste eisfreie Hafen des Landes.
Sisimiut ist mit 5 000 Einwohnern Grönlands zweitgrößte Stadt und der nördlichste eisfreie Hafen des Landes.
Anzeige
Tierschützer sind nicht gerade beliebt in Grönland, Greenpeace-Aktivisten geradezu verhasst. Ihnen wird vorgeworfen, durch ihre undifferenzierten Kampagnen in den vergangenen Jahren auch die traditionelle grönländische Robbenjagd in Verruf gebracht zu haben. Durch den Nachfragerückgang sind viele Inuit um ihre ökonomische Lebensgrundlage gebracht worden. Über garantierte Abnahmepreise für Robbenfelle versucht der dänische Staat, dem Preisverfall entgegenzuwirken.

Ein hässlicher Containerhafen, zwei Fischfabriken, bunt durcheinander gewürfelte Häuser, Plattenbauten, Schlittenhunde wie überall im Norden. Schön ist Ilulissat nicht. Dennoch gibt es hier mehr Hotels als sonst wo auf Grönland. Eine einstündige Wanderung durch die aufgeweichte Tundra löst das Rätsel. Soweit das Auge reicht, Eis, Eis und nochmals Eis. Wir sind am Eisfjord angelangt. Über schroffen Fels klettern wir zum Kaellingekloften. Von hier, so der grönländische Mythos, haben sich „überflüssige“ Frauen in Zeiten der Not in die Altweiberschlucht hinuntergestürzt, um das Überleben der Sippe zu sichern. Die Aussicht auf Hunderte von Eisbergen ist überwältigend, obwohl nur ein Zehntel der bis zu 1 000 Meter dicken Giganten aus dem Wasser ragt. Jetzt verstehen wir auch die Tsunami-Warnschilder im Tal. Die Eisberge können plötzlich umkippen und eine Flutwelle auslösen. Deshalb steuert Kapitän Larsen den Kutter sehr vorsichtig in die Diskobucht. Je näher wir dem Fjordausgang kommen, umso unwirklicher wird die Landschaft. Kapitän Larsen schaltet den Motor aus. Jeder fühlt, dass wir den ultimativen Höhepunkt unserer Reise erreicht haben. Wie eine Nussschale verliert sich das kleine Ausflugsboot im gewaltigsten Eislabyrinth der Erde. In weiter Entfernung knallt ein Eisbrocken mit lautem Getöse in die Tiefe. Dann wieder absolute Ruhe. Nur das leise Knacken schmelzenden Eises begleitet unsere Gedanken. Möge Grönlands fragiles Weltkulturerbe dem Klimawandel noch lange widerstehen. Roland Motz

Infos: Hurtigruten GmbH, Kleine Johannisstraße 10, 20457 Hamburg, Telefon: 0 40/37 69 30, Fax: 0 40/36 41 77, E-Mail: info@hurtigruten.de, www.hurtigruten.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige