SUPPLEMENT: Reisemagazin

Sudan: Die Pyramiden der schwarzen Pharaonen

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): [18]

Sobik, Helge

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Die Pyramiden von Meroe: kein Terrain für Reisebusse, nichts für Massentourismus Foto: Flickr/Lauradeiana
Die Pyramiden von Meroe: kein Terrain für Reisebusse, nichts für Massentourismus Foto: Flickr/Lauradeiana
Vorausgereist: unterwegs im Nordsudan, der einst zum ägyptischen Pharaonenreich gehörte und eine Vielzahl noch kaum besuchter archäologischer Schätze birgt.

Wahrscheinlich haben sie ihn erst gestern eingemauert, den letzten Stein gesetzt, den Eingang verschlossen und sind in endloser Prozession davonmarschiert. Und über Nacht kam die Wüste. Stürme trugen feinsten Sand herbei, türmten die gelben Körnchen zwischen den Pyramiden auf, modellierten bei Dunkelheit Dünen vor den angrenzenden Tempel des verstorbenen Pharao. Die Hieroglyphen dort sind seltsam klar, frisch, wie vor Kurzem gemeißelt. Göttin Isis blickt dem Toten hinterher. Jeder ihrer Züge ist sichtbar, kaum ein Detail verwittert in den Jahrtausenden. Ein paar Schritte weiter liegen noch die Steine, aus denen die Maler von einst die Pigmente für ihre Farben gelöst haben: Viele der mehr als 20 Pyramiden von Meroe im Sudan sind in einem Zustand, als wären sie gerade erst errichtet worden und als lebten ihre Baumeister noch heute in den fünf, sechs Kilometer entfernten einfachen Dörfern mit Häusern aus Lehm unten am Nil – als würden die vier Reiter, die morgens auf ihren Dromedaren am Ausgrabungsfeld vorbeiziehen, die Pharaonen noch persönlich kennen. Manche der in steilerem Winkel als in Ägypten errichteten Bauwerke sind restauriert, andere seit einer Ewigkeit unberührt. Nicht anders ist es bei den etwa 300 Kilometer entfernten Pyramiden von Dschabal Barkal.

Sie alle sind auch deshalb so gut erhalten, weil sie tief im größten Land Afrikas weit abseits der weltweiten Reiseströme verborgen liegen – und weil etwa in Meroe nicht einmal eine asphaltierte Straße zu den fast zweieinhalb jahrtausende alten Wunderwerken im Wüstensand führt. Erreichbar ist diese Ausgrabungsstätte wie die meisten anderen im Sudan nur über Pisten und mit Geländefahrzeugen: kein Terrain für Reisebusse, nichts für Massentourismus.

Das heutige Ägypten beginnt gut 800 Kilometer weiter nördlich. Das Reich der alten Ägypter aber erstreckte sich bis tief in den jetzigen Sudan hinein. Ein paar Jahrhunderte lang regierten Nubier all das. Pharao Taharqa, bedeutendster der „schwarzen Pharaonen“, hielt weit nördlich in Karnak und Theben Hof. Taharqa kam als Eroberer aus dem Süden. Bestattet ist er in seiner Pyramide im sudanesischen Nuri am Ostufer des Nils.

Sechs Fahrtstunden von seinem Grab, fünf Fahrtstunden vom berühmteren Pyramidenfeld von Meroe entfernt, wacht er bis heute in Überlebensgröße aus Stein gehauen im Eingangsbereich des sudanesischen Nationalmuseums in Khartoum. Es ist dunkler Stein, glatt poliert. Und Taharqas granitenes Ebenbild trägt bis heute die Doppelkrone von Ober- und Unterägypten.

Der Sudan, siebenmal so groß wie Deutschland, taucht jetzt mit ersten Expeditionstouren in den Programmen von Studienreiseveranstaltern auf: Der Norden gilt dem Auswärtigen Amt zufolge als sicher, der Bürgerkrieg im Süden ist weitgehend beigelegt, und die Gewalt marodierender Banden in Darfur wiederum ist 1 000 Kilometer entfernt. Darf man in ein derart zerrissenes und problembeladenes Land reisen? „Ja“, sagen die Menschen auf den Märkten, in den Dörfern, vor den Tempeln und an Deck der hochbetagten kleinen Nilfähren. Sie legen die Hand auf ihr Herz, lächeln, sagen „Salam alaikum“ und freuen sich über die Fremden aus Europa – ohne ihnen etwas verkaufen oder Dienste als Fremdenführer andienen zu wollen. Sie prosten den Fremden mit dunkelrotem Karkadé – Hibiskustee – zu, eilen herbei, schütteln Hände, sagen „Welcome to Sudan“, sofern sie Englisch können. Hinter vorgehaltener Hand reden sie mehr: „Es ist schön, dass ihr da seid. Das gibt uns das Gefühl, von der Welt nicht übersehen zu werden. Jeder, der hier ist, stößt das Fenster ein kleines Stück weiter auf. Und je weiter es geöffnet ist, desto mehr frischer Wind kommt herein.“ Sie können diesen Luftzug gebrauchen in ihrem Land, das seit 1989 von Militärs regiert wird, als Armenhaus Afrikas gilt und durch zum Teil erst jüngst entdeckte Öl- und Erdgasvorkommen gewaltigen Ausmaßes eines Tages reich sein wird.

Seltsam klar, frisch, wie vor Kurzem gemeißelt: Kaum ein Detail an den Säulen und Mauern ist verwittert in den Jahrtausenden. Foto: Helge Sobik
Seltsam klar, frisch, wie vor Kurzem gemeißelt: Kaum ein Detail an den Säulen und Mauern ist verwittert in den Jahrtausenden. Foto: Helge Sobik
Weil der Sudan seit Jahrzehnten im Schatten des touristischen Interesses liegt, wissen außerhalb des Landes nur Fachleute, dass es dort viel mehr Pyramiden als in Ägypten gibt. Hunderte sind es. Viele weitere werden tief unter dem Sand vermutet. Und auch die Tempel von Musawwarat und von Naga mit ihrer Allee aus Widder-Sphingen stehen den ägyptischen Überbleibseln der Pharaonenzeit an Pracht nicht nach – ausgegraben und restauriert binnen der letzten Jahre von deutschen Archäologen. Es macht diese Stätten heute umso eindrucksvoller, als man all das fast allein erleben und, mit Blick auf die Reliefs von Amun und dem löwenköpfigen Gott Apedemak, Zwiesprache mit der Vergangenheit halten kann.

Drumherum hat die Natur karge Landschaften aus hellem Sand und schwarzen Felsen modelliert, mit ein paar Akazien und trockenen Büschen gespickt, mit Dromedaren, Ziegen und Schafen. Sie hat die Weite alle paar Dutzend Kilometer mit ein paar Nomadenzelten dekoriert. Und urplötzlich stehen Menschen im Nichts mit einem Arm voller Holz für das Feuer in einem unsichtbaren Haus oder Zelt irgendwo hinter dem nächsten Hügel. Wenig hat sich hier geändert, seit die Pharaonen von der Bühne der Geschichte abtraten. Die Erinnerung an ihre Schrift haben sie mit ins Grab genommen. Die Hieroglyphen der meroitischen Kultur sind bis heute nicht vollständig entziffert.

Der Nil ist oft weit, aber dort, wo er fließt, ist Farbe: das satte Grün schmaler Felder, dichter Dattelpalmenhaine, kleiner Mangoplantagen. Dazwischen ackern Menschen mit archaischem Gerät. In langen weißen Gewändern stehen die Männer auf den Feldern, pflügen und eggen mit einfachsten Mitteln und ganz ohne Maschinenkraft.

Wenig hat sich in Meroe geändert, seit die Pharonen von der Bühne der Geschichte abgetreten sind. Foto: mauritius images
Wenig hat sich in Meroe geändert, seit die Pharonen von der Bühne der Geschichte abgetreten sind. Foto: mauritius images
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Wer es zu gewissem Wohlstand gebracht hat, besitzt ein neues Statussymbol, das er sich selbst dann ans Ohr hält, wenn er auf dem Esel in einem sandigen Provinznest wie Shendi zwischen Türmen aus Melonen und Kisten voller teurer Hühnereier über den Markt reitet. Handys sind der letzte Schrei, denn seit einem Dreivierteljahr gibt es ein erstes, noch lückenhaftes Netz entlang des Niltals. Manchmal ist dieses kleine Gerät das einzige Indiz für die Gegenwart. Alles andere im Nordsudan abseits der wenigen Überlandstraßen, die mit den ersten Erträgen aus den Ölfunden nach und nach asphaltiert werden, existiert außerhalb der Zeiten.

Amun schläft noch, während die Muezzins in der Ortschaft Karima zu Füßen des Dschabal Barkal, des heiligen Bergs der alten Ägypter, vor Sonnenaufgang zum ersten Gebet rufen. Ein paar Widder-Sphingen und zwei Hathor-Säulen stehen noch. Aber Sonnengott Amun hat Platz gemacht für das, was nach ihm kommen sollte. Sein Tempel ist zerfallen, noch von niemandem wieder zusammengeflickt, doch nur ein paar Kilometer weiter in El Kurru am Nil verschwimmen die Zeiten wieder: Nur die schweren Eisentüren und die vielen Vorhängeschlösser sind aus der Gegenwart. Was dahinter kommt und sich viele Treppenstufen tiefer im Boden erstreckt, ist dreieinhalbtausend Jahre alt und nahezu unberührt. Wer den Wächter fragt, darf in El Kurru in die Königsgräber hinabklettern, deren farbige Hieroglyphen im Schein der Taschenlampen so strahlend erscheinen als wären die Maler erst vor Stunden abgerückt – obwohl dort seit über hundert Generationen niemand mehr nachgebessert hat.

Ob die Pharaonen geahnt haben, wie still die Orte ihrer Bestattung auch nach Jahrtausenden noch sein werden in El Kurru, am Dschabal Barkal, in Nuri und in Meroe? Ob sie sich ausmalten, dass in ferner Zukunft an manchem Nachmittag Einheimische mit Unimogs nach Meroe kommen würden, um im Schatten der größten Pyramide bis zum Sonnenuntergang miteinander zu singen und zu tanzen, Männer und Frauen, ungesehen von strengen Sittenwächtern? Niemals werden sie daran gedacht haben, dass eines Tages auf einem Felsplateau zwei Kilometer abseits der Pyramiden ein Camp mit zehn möblierten Safarizelten, jedes vier mal vier Meter groß, mit Ölfunzeln und Aussichtsterrasse errichtet würde, mit jeder Menge Atmosphäre und traumhaftem Blick – alles für die erhofften Fremden, die eines Tages auf den Spuren dieser schwarzen Pharaonen durchs Land reisen würden. Die Zelte stehen dort jetzt. Sie sind selten ausgebucht, und sortiert der Wind dort den Sand neu, fegen dienstbare Geister die Körnchen schnell wieder von den Zeltverandas: weil alles akkurat sein soll, bald Gäste kommen könnten – und weil es viele werden dürften. Helge Sobik

Informationen:
Sudan entdecken: Nordsudan-Studien- und Rundreisen bieten Studiosus (www.studiosus.com) und der Spezialreiseveranstalter Oase-Reisen (www.oasereisen.de) an.
Eine touristische Infrastruktur ist im Sudan so gut wie nicht vorhanden. Hotels nach europäischem Standard haben Seltenheitswert. Hervorragend ist das „Tented Camp at Meroe“ in Sichtweite der Pyramiden von Meroe. Dieselben Betreiber führen das ebenfalls stimmungsvolle 10-Zimmer-Hotel „Nubian Resthouse“ in Karima am Dschabal Barkal (www.italtoursudan.com).
Sicherheit: Der Nordsudan gilt als sicher. Aktuelle Informationen unter www.auswaertiges-amt.de. Von Individualreisen ist noch abzuraten.

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