ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 1/2008Unterwegs in Burma: Sanfte Tour mit Käpt’n U

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Unterwegs in Burma: Sanfte Tour mit Käpt’n U

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): [4]

Schiller, Bernd

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Bagan, die historische Königsstadt: Die Überreste von 2 000 Pagoden ragen aus einem riesigen Ruinenfeld. Foto: Picture Alliance/maxppp
Bagan, die historische Königsstadt: Die Überreste von 2 000 Pagoden ragen aus einem riesigen Ruinenfeld. Foto: Picture Alliance/maxppp
Logbuch einer ungewöhnlichen Flussreise durch ein Land, das die Hoffnung auf Freiheit nicht aufgibt.

Später Nachmittag in Zentralburma auf der „Amara“, einem kleinen, feinen Teakholzschiff. Zwölf Passagiere träumen auf Bambusliegen vor sich hin, heben die Köpfe und die Ferngläser, wenn eine Fähre in Sicht kommt, beladen mit Lastwagen und Ochsenkarren, oder ein Floß, auf dem das Essen über Kohleöfen gekocht wird und daneben die Wäsche im Fahrtwind trocknet. Die goldenen Kuppeln der Pagoden an Backbord und an Steuerbord blinken aus dunstigem Grün, hundertfach, tausendfach.

Ein Tropenparadies, von der Reling aus gesehen. Aber jetzt nach Burma? Ein paar Monate nach den Bildern, die die Welt bewegt haben: friedliche Mönche im Protest gegen die Soldateska eines Regimes starrsinniger Generäle? Sollte man dieses Reiseziel nicht besser boykottieren, wie es Aung San Suu Kyi empfiehlt, die Friedensnobelpreisträgerin und wichtigste Stimme der unterdrückten Opposition?

Viele Freunde des Landes und seiner Menschen meinen, dass ein Boykott vor allem jene trifft, die auf Kontakte zu interessierten und bewusst reisenden Besuchern zählen, auch auf Informationen „von draußen“ setzen. Neben der moralischen Entscheidung darf auch die wirtschaftliche Konsequenz eines Banns nicht vergessen werden: Für Tausende „kleiner Leute“, Kellner, Köche, Chauffeure, wäre es eine Katastrophe, wenn sich nicht endlich wieder Touristen sehen ließen.

Die Stunden an Deck fließen so träge dahin wie der breite Fluss, der Ayeyarwady heißt und früher unter dem Namen Irrawaddy bekannt war. Er ist die Lebensader eines Landes, das wie der Strom seine offizielle Bezeichnung gewechselt hat. Mehr als 2 000 Kilometer mäandert er durch Myanmar, wie Burma heute heißt, von den Götterbergen im Himalaya, durch Schluchten und flaches Reisland, bis er südwestlich der Millionenmetropole Yangon, einst Rangun, in die Andamanensee mündet.

Zeit für einen Sundowner. Mi Mi, den sie alle nur „Mr Smith“ rufen, mixt heute eine „Ayeyarwady Queen“, viel Gin, etwas Cointreau, Grenadine, Angostura, einen Spritzer Orange, ein paar Tropfen Limone. Mi Mi steht kurz vor einem Wirtschaftsexamen, aber in den Semesterferien verdient er sich sein Studium an Bord. Englische Passagiere haben ihm vor den Herbstunruhen aus einer Sektlaune heraus den „neuen“ Namen verpasst, seither trägt er ihn sogar auf dem Schild an seiner blütenweißen Servicejacke. Er müsste, so sagt er, seine Ausbildung an den Nagel hängen, wenn der Boykottaufruf befolgt würde.

Die Stunden an Bord der Amara fließen so träge dahin wie der Ayeyarwady. Der Fluss ist die Lebensader des heutigen Myanmar. Fotos: Bernd Schiller
Die Stunden an Bord der Amara fließen so träge dahin wie der Ayeyarwady. Der Fluss ist die Lebensader des heutigen Myanmar. Fotos: Bernd Schiller
Vor zwei Tagen sind wir in Mandalay, der letzten Königsstadt des alten Burma, an Bord gegangen, über eine schwankende Planke, an deren Seiten zwei Matrosen Bambusstangen als Halt anboten: sieben Österreicher aus einer Großfamilie, ein US-amerikanisches Ehepaar, wissbegierig und bestens vorbereitet, und wir. Nur sieben Kabinen hat die 30 Meter lange „Amara“, gegessen wird an Deck, mit der Bar im Rücken und dem Fluss vor Augen, auf dem das Leben wie in einem schönen, stillen Film abläuft.

Fotos: Bernd Schiller
Fotos: Bernd Schiller
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Gerald Schreiber, ein Münchner Betriebswirt, der mit einer Burmesin verheiratet ist, hatte 2001 die Idee, Reisende wie früher auf dem Wasserweg durch das Heimatland seiner Frau bummeln zu lassen: langsam, genüsslich, mit einer gesunden Brise an Deck und auch in den komfortablen Kabinen ohne Klimaanlage. Oft nutzen große Familien oder Freundeskreise alle sieben Kabinen für eine gemeinsame Annäherung an ein Land, das mit Legenden, Klischees und Vorurteilen belastet ist.

„Dies ist Burma, und es wird wie kein anderes Land sein . . .“, lässt Rudyard Kipling, der Barde des britischen Empire, 1889 einen Freund sagen, als er zum ersten Mal ins Land kam, geblendet von der Schönheit und Erhabenheit der buddhistischen Pagoden. Und auch heute noch ist Burma ein Sehnsuchtsziel, in das die Besucher derzeit nur zögernd zurückkehren.

Vom Bug unseres Flussdampfers schaut eine fein geschnitzte Galionsfigur über den Horizont hinaus: Amara, „die Unsterbliche“. Sie stammt aus dem mythischen Dunkel burmesischer Sagenwelt. Die meisten Passagiere finden den Namen und das damit verbundene Versprechen irgendwie beruhigend. Dazu trägt auch bei, wie liebevoll Miu Min, ein sehr junger Kabinensteward, der Göttin jeden Morgen eine Blütenkette um den Hals legt.

Die Shwezigon-Pagode in Bagan wurde im Jahr 1084 fertiggestellt. Sie war der Prototyp für alle nachfolgenden in Myanmar. Foto: Bernd Schiller
Die Shwezigon-Pagode in Bagan wurde im Jahr 1084 fertiggestellt. Sie war der Prototyp für alle nachfolgenden in Myanmar. Foto: Bernd Schiller
Morgenstimmung, ein erster Kaffee an Deck. Es duftet nach Spiegeleiern mit Speck und warmen Pfannkuchen. Wasservögel huschen über den Strom, ein Fischer lässt sich neben der „Amara“ auf seinem Einbaum treiben. Wieder glitzern an Land die Pagoden in der Sonne. Zum Lunch wird Ko My, der Koch aus Mandalay, etwas Leichtes vorbereiten: Kürbissuppe und ein Kartoffelcurry. Das Abendmenü: Spinatsuppe, gebratener Tintenfisch, vielleicht auch ein frischer Fisch aus dem Fluss. Manchmal wird auch ein Barbecue auf einer Sandbank zelebriert, im Schein vieler Fackeln.

Tagsüber, zwischen diesen kulinarischen Abenteuern: Ausflüge zu Tempeln und Klöstern, Spaziergänge durch Dörfer, die kein Reisebus anfahren könnte, Besuche in Schulen und Werkstätten. Langsame Annäherung mit viel Hintergrund, für den Mr Htin sorgt, ein gebildeter junger Mann, der mit viel Erfolg für Wohlbefinden in allen Bereichen sorgt.

Gläubige Buddhisten ehren den Buddha, der für den Wochentag ihrer Geburt steht und ihnen Glück bringen soll. Foto: Picture-Alliance/ZB
Gläubige Buddhisten ehren den Buddha, der für den Wochentag ihrer Geburt steht und ihnen Glück bringen soll. Foto: Picture-Alliance/ZB
Diesmal warten Pferdekutschen am Ufer. Eine Stunde über Sandwege und durch schmale Alleen, vorbei an glitzernden Reisfeldern. Und dann eine Schule im Kloster Bagaya.

Es gehört zum großen Komplex von Inwa, das auch einmal burmesische Hauptstadt war. Der Abt und „Rektor“ heißt U Week Sa Ra. Es ist angenehm kühl zwischen den mächtigen Holzpfeilern und so dunkel, dass man die feinen Schnitzereien kaum sieht. Nur in den Klassenraum fällt Licht, gefiltert durch Bambusjalousetten. Der Schulleiter unterrichtet an diesem Vormittag mehr als 40 Jungen und Mädchen, die sich nur zu gern ablenken lassen: „Hello Mister, hello Madame . . . Germany okay . . . Beckenbauer, Ballack . . .“

Letzter Abend. Wir liegen im Strom vor Anker, vor uns die Lichter von Bagan, der heiligen Stadt Alt-Burmas. 2 000 Pagoden, die meisten nur noch Ruinen, sollen es sein, die aus dem riesigen Ruinenfeld neben der kleinen Stadt von heute ragen. Die Reisetruppe schmökert auf bequemen Bambusstühlen in Büchern, bereitet sich auf dieses Weltkulturerbe vor. Ein älterer Passagier raucht eine Zigarre, wie wir sie in den Dörfern die alten Frauen haben paffen sehen, zu dieser Stunde auch gut gegen Moskitos. Gespräche kreisen um die Lage im Land. Hoffnung ist zurzeit die einzige Perspektive.

Mr Smith empfiehlt heute einen „Mandalay Old Fashion“, Whisky mit Honig, Limonen und Angustura. Starke Scheinwerfer lassen die große Pagode auf der anderen Seite des Flusses sogar jetzt, in der Tropennacht, in goldenem Licht erstrahlen. Aus Bagan, aus der Nähe, wehen Mönchsgesänge an Deck. Mr Htin schlägt den Gong zum Dinner, ganz sanft. Bernd Schiller

Informationen:
„Amara“: Flussreisen mit der „Amara“ werden von Studiosus, Kuoni und direkt von Myanmar Discovery angeboten. Dieser Spezialveranstalter mit Büros in München und Rangun bietet auch Burma-Reisen im Baukastensystem für Individualtouristen an (Telefon: 0 89/2 72 15 96, www.myanmar-discovery.com).
Sicherheit: Das Auswärtige Amt hält die Lage vor Ort für „angespannt“, warnt aber derzeit nicht vor Reisen dorthin (www.aus waertiges-amt.de).
Reiseliteratur: Myanmar-Handbuch, Stefan-Loose-Verlag, 22,95 Euro; Amitavv Ghosh: Der Glaspalast, btb, 12 Euro; Bernd Schiller: Gute Geister im Land der goldenen Pagoden. Zeitreisen in Myanmar/Burma. Picus-Verlag, 13,90 Euro.

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