ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 1/2008Schweizer Nationalpark: Wo sich Murmeltier und Gämse gute Nacht sagen

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Schweizer Nationalpark: Wo sich Murmeltier und Gämse gute Nacht sagen

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): [12]

Diemar, Claudia

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Wie es die Tourenbeschreibung verspricht: „Grandiose Einblicke ins Cluozzatal und auf das Quatervals-Massiv.“ Foto: Schweizer Nationalpark/Hans Lozza
Wie es die Tourenbeschreibung verspricht: „Grandiose Einblicke ins Cluozzatal und auf das Quatervals-Massiv.“ Foto: Schweizer Nationalpark/Hans Lozza
Wandern ohne Gepäck von Zernez nach Tschierv

Allegra!“, begrüßt uns Bea Müller vom Verkehrsbüro Zernez auf dem Parkplatz neben dem Bahnhof. Allegra ist Rätoromanisch und bedeutet so viel wie „Hallo und herzlich willkommen“. Dann händigt sie uns die Wanderkarte und die Toureninfos aus. Wir müssen nämlich subito abmarschieren, wenn wir die Hütte noch erreichen wollen. Aus dem Auto direkt in die Berge – natürlich ist das eine ganz falsche Herangehensweise. Und spät dran sind wir noch dazu, weil es schon ab Karlsruhe so geschüttet hat, dass wir auf der Autobahn viel zu langsam vorwärtskamen. Jetzt ist es schon 16 Uhr, und wir wollen die erste Etappe der Tour noch schaffen. Wandern ohne Gepäck durch den Schweizer Nationalpark steht auf dem Programm.

Zernez grenzt unmittelbar an den einzigen Nationalpark der Schweiz, gut 170 Quadratkilometer groß, gegründet 1914 und nur im Sommerhalbjahr geöffnet. Im Winter ist der Eintritt streng verboten, dann sind hier nur die zehn Parkwächter unterwegs und schauen auf Tourenskiern nach dem Rechten. Zernez liegt auf gemäßigten 1 500 Metern Höhe, während die höchsten Punkte des Parks mit dem Piz Pisoc (3 174 Meter) und dem Piz Quattervals (3 164 Meter) gesetzt sind. 80 Kilometer Wanderwege führen durch den Park und die Ofenpassstraße, die sich mitten durch das Naturreservat windet und auch Reisebus-Gruppen einen Ausblick auf die Engadiner Bilderbuchlandschaft gewährt.

Wir aber sind zu Fuß unterwegs, und unser erstes Ziel ist die Cluozzaschlucht. Weil die dortige Chamanna-Cluozza-Hütte nur per Helikopter versorgt werden kann, gilt der Gepäcktransport nicht für die ersten beiden Etappen der Tour. Aber die Schlepperei hält sich in Grenzen, denn mit einem Satz trockener Wäsche, Waschzeug und Regenschutz lässt es sich zwei Tage lang auskommen.

Von Zernez geht es ein kurzes Stück im Tal ostwärts Richtung Ofenpass, dann wird der Bach Spöl mittels einer Holzbrücke überquert. Über die sanften Wiesenterrassen des Prazüra führt der Weg in einen lichten Lärchenwald, steigt jedoch bald darauf deutlich an. 655 Meter Anstieg und 244 Meter Abstieg liegen vor uns – für echte Bergfexe keine wirkliche Herausforderung, doch für Großstädter, die noch nicht an die Höhe akklimatisiert sind, Anspruch genug. Mit weiß-rot-weißen Balken ist der Pfad markiert. Wir steigen weiter durch den Wald auf. Bergföhren sind reichlich vertreten, Arven, Lärchen und Fichten stehen vereinzelt dazwischen. Der Nieselregen schwebt lautlos, und auch ansonsten ist kein Geräusch zu hören, außer den Huftritten der flüchtenden Gämsen, die uns, mitten auf dem Weg ausharrend, sekundenlang anstarren, bevor sie Fersengeld geben. Die Wolken hängen so tief, dass wir mitten durch sie hindurch zu marschieren meinen.

„Grandiose Einblicke ins Cluozzatal und auf das Quattervalsmassiv“ verspricht die Tourenbeschreibung, doch in der Wolkensuppe reicht der Blick gerade mal 30 Meter weit. Bei der Gabelung von Il Prà zweigt unser Weg nach Süden ab. Ausgedehnte Legföhrenwälder werden durchquert, dann geht es bergab. Die Cluozzaschlucht verbirgt sich in der Nebelsuppe, aber das Rauschen des Bergbachs ist deutlich zu hören. Ein Steg führt hinüber, dann folgt der letzte Anstieg: 80 Höhenmeter hinauf zur Chamanna-Cluozza-Hütte.

Zweieinhalb bis drei Stunden Gehzeit waren für die Tour vorgemerkt, wir haben gut vier Stunden gebraucht.

Foto: Fotolia/SBL
Foto: Fotolia/SBL
Doch alle Mühen sind umgehend vergessen, denn eine urigere Herberge als die Holzhütte aus dem Jahr 1910 lässt sich kaum vorstellen. Strom (von einem Wasserrad am Bach) gibt es nur für die Beleuchtung der Gaststube, die Toiletten und der sehr bescheidene Waschraum befinden sich draußen vor der Tür. Aber der Empfang, den die Hüttenwirte Urs und Patricia bieten, ist überaus herzlich und die Küche vortrefflich. 15 Gäste aus fünf Nationen sind in dieser Nacht auf der Hütte und bald sind alle im Gespräch.

Früh am Morgen brechen wir wieder auf. Im Zickzack steigt der Pfad deutlich an, zunächst durch Legföhrenwald, dann über Alpweiden hinauf zum Gipfel des Murter. Fast 800 Meter Aufstieg sind zu bewältigen. Wilder Rittersporn steht in dichten Gruppen auf den Bergwiesen. Fast reißt der Himmel auf. Die Murmeltiere kommen schon heraus und warten auf eine Gelegenheit zum Sonnenbaden. Doch Minuten später ist der Himmel wieder dunkelgrau, und es beginnt erneut zu regnen. Oben auf dem Murter auf 2 545 Metern Höhe pfeift der Wind und reißt die Regencapes in die Höhe. Die herrliche Aussicht aufs Val Sassa und den gigantischen Blockgletscher lässt sich heute nur erahnen. Man könnte hier oben Saurierspuren auf einer Felsplatte bewundern, aber wir wollen bei dem unwirtlichen Wetter einfach nur weiter. Auch die Bartgeier, die hier zuweilen zu sehen sind, zeigen sich wegen schlechten Flugwetters heute nicht.

Urige Herberge: Die Berghütte im Cluozzatal liegt auf 1 882 Metern Höhe. Foto: Swiss-Image/Bernhard van Dierendonck
Urige Herberge: Die Berghütte im Cluozzatal liegt auf 1 882 Metern Höhe. Foto: Swiss-Image/Bernhard van Dierendonck
Anzeige
Der Abstieg Richtung Ofenpassstraße ist mühsam. In dicken Stollen klebt die feuchte Erde an den Bergschuhen, der Weg wird immer glitschiger. Endlich ist der Bergwald wieder erreicht und bietet Schutz vor dem Wind. Riesige mehrstämmige Lärchen säumen den Weg ins Tal, wo die Sprölschlucht auf einem Steg gequert wird. Noch einmal geht es 120 Meter hinauf zu einem der Parkplätze an der Ofenpassstraße, wo der Postbus hält. Man hätte von hier aus in rund drei Stunden direkt zum Pass weiterwandern können, doch so durchweicht wie wir sind, erscheint das knallgelbe „Postauto“ uns als rettender Engel.

Diesmal haben wir der widrigen Umstände wegen die vorgegebene Gehzeit von vier Stunden sogar um satte 50 Prozent überschritten. Gut, dass uns der Gepäcktransport frische Kleider zum Hotel Süsom Givè auf dem Pass gebracht hat. Nach einer heißen Dusche und Graubündner Spezialitäten kehren die Lebensgeister zurück.

Am nächsten Tag hat es sich endlich ausgeregnet. Vom Ofenpass aus, direkt gegenüber dem Quartier, startet die nächste Etappe. Der Nationalpark endet hier, doch das tut dem Landschaftserlebnis keinen Abbruch. Unbeschwert von jedem Gepäck wandert es sich geradezu genüsslich auf dem gelb markierten Weg mit nur 70 Metern Anstieg und sacht abfallenden 550 Metern Abstieg.

Die Tour führt zunächst durch den Bergwald mit gigantischen Arven, dann bei Kuhglockenkonzert über die Wiesen der Alp da Munt und weiter zum Alp Champatsch. Auf beiden Alpen gibt es Einkehrmöglichkeiten. Die überaus kommode Tour wartet zudem mit Bänken zum Ausruhen und zig Brunnen mit frischem Bergwasser auf. Unterwegs zeigen sich traumhafte Panoramen ins Val Müstair, auf die markanten Bergspitzen des Piz Daint und des Piz Dora sowie auf die schneebedeckte Ortlergruppe. Dann ist das Bergdorf Lü mit prächtigen Engadiner Häusern in üppigem Blumenschmuck erreicht. Ein Spazierweg führt weiter nach Tschierv, wo im Sporthotel Staila Quartier gemacht wird. Claudia Diemar

Informationen:
Unterkünfte: Chamanna-Cluozza-Hütte, Reservierung unter Telefon: 00 41/81/8 56 12 35. Hotel Süsom Givè auf dem Ofenpass, Telefon: 00 41/81/8 58 51 82. Sporthotel Staila in Tschierv, Telefon: 00 41/81/8 58 55 51. Hotel Parc Naziunal il Fuorn (Ofenpass), Telefon: 00 41/81/8 56 12 26.
Geführte Tagestouren in den Park: Informationen unter Telefon: 00 41/81/8 56 13 78 oder im Internet: www.nationalpark.ch.
Pauschale „Wandern ohne Gepäck“: Samnaun Tourismus,
Telefon: 00 41/81/8 68 58 58, www.samnaun.ch.
Auskünfte: Schweiz Tourismus, Postfach 16 07 54, 60070 Frankfurt am Main, kostenfreie Servicenummer: 0 08 00/ 10 02 00 30, www.myswitzerland.com.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema