ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2008NS-Machtergreifung (II): Abwärts auf der schiefen Bahn

POLITIK

NS-Machtergreifung (II): Abwärts auf der schiefen Bahn

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): A-781 / B-680 / C-669

Jachertz, Norbert

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„Euthanasie“ war angeblich geheim, wenn auch die grauen Busse durchs Land fuhren und die Verbrennungsöfen hübsche Städtchen mit fettem Rauch belästigten. Auf dem Foto erkennt man den rauchenden Schornstein des Krematoriums der NS-Tötungsanstalt Hadamar, vermutlich aufgenommen im Jahr 1941. Foto: Diözesanarchiv Limburg, Nachlass Pfarrer Becker
„Euthanasie“ war angeblich geheim, wenn auch die grauen Busse durchs Land fuhren und die Verbrennungsöfen hübsche Städtchen mit fettem Rauch belästigten. Auf dem Foto erkennt man den rauchenden Schornstein des Krematoriums der NS-Tötungsanstalt Hadamar, vermutlich aufgenommen im Jahr 1941. Foto: Diözesanarchiv Limburg, Nachlass Pfarrer Becker
Standesorganisation, Staat und Partei wurden verflochten. Das Erbgesundheitsgesetz bezog die Ärzteschaft ein. Auf Zwangssterilisation folgte Zwangseuthanasie.

Eigenhändig tippt Dr. Adolf Schiemann am 25. März 1933 einen Brief an Adolf Hitler mit der dringenden Bitte, bei den kommenden ärztlichen Kongressen – der Chirurgen in Berlin und der Internisten in Wiesbaden – im Auge zu behalten, „dass der Vorsitz und die Vortragsfolge nicht vorwiegend von Herren jüdischer Confession beherrscht werden“. Ein handschriftlicher Vermerk auf dem Briefrand, offenbar aus dem Reichsministerium des Innern (RMdI), bestätigt, in diesem Sinne vorgesorgt zu haben.

Ein Jahr später sorgen die Internisten selbst beizeiten vor. Prof. Dr. Alfred Schittenhelm aus Kiel, der Vorsitzende des Internistenkongresses 1934, fragt beim RMdI an, „ob von der Reichsregierung eine geeignete Persönlichkeit zum Führer der Gesellschaft für innere Medizin ernannt werden soll oder wie bisher durch Wahl aus dem Vorstand der Gesellschaft der Führer bestimmt werden soll“. Das Ministerium hat gegen eine Wahl nichts einzuwenden, verlangt aber, dass der Vorstand durch das RMdI bestätigt wird.

Wagner bittet um eine kurze Bescheinigung
Bestätigungen sind längst üblich, Schittenhelm ist sogar etwas spät dran. Selbst den Vorsitzenden des NS-Ärztebundes, Dr. Gerhard Wagner, der seit März 1933 ungezählte „Beauftragte“ und „Kommissare“ bestätigt und sich selbst zum „Reichsführer“ berufen hat, überkam nach seinem Eroberungszug das Bedürfnis nach staatlicher Bestätigung. Und so bat er Ende April 1933 das RMdI um eine „kurze Bescheinigung“, dass er nunmehr der „Reichsleiter der deutschen Ärzteschaft“ sei. Das Ministerium zierte sich und bestätigte lediglich, dass Wagner „an der Führung der deutschen Ärzteschaft maßgebend teilnimmt“. Wagner ärgerte sich und schmetterte zurück: „Ich nehme nicht maßgebend an der Führung der gesamten deutschen Ärzteschaft teil, sondern ich bin der alleinige Führer der gesamten deutschen Ärzteschaft mit absoluten Vollmachten und als solcher auch von den ärztlichen Spitzenverbänden anerkannt.“

Das Hin und Her über Führung und Organisation der Ärzteschaft sollte eine Reichsärzteordnung klären. Zugleich sollten mit ihr alte ärztliche Forderungen erfüllt werden. Damit hatte Wagner die alte Führungsriege gelockt. Die tat sich mit den neuen Herren zunächst zusammen.

Am 31. März 1933 nämlich – zehn Tage nach dem „Tag von Potsdam“ (dazu DÄ, Heft 12/2008) – trifft sich in Leipzig, im Haus des Hartmannbundes, der Reichsärzteordnungsausschuss unter Leitung von Geheimrat Dr. Alfons Stauder, dem Vorsitzenden von Ärztevereinsbund und Hartmannbund. Anwesend sind ferner fünf weitere der alten Riege sowie zwei neue Herren, Wagners Kommissare. Dazu vier Mitarbeiter, die noch zwischen den Stühlen sitzen. Einer von ihnen, Dr. Karl Haedenkamp, hat das neue Ticket schon in der Tasche: Wenige Tage später tritt er im Reichsarbeitsministerium seinen neuen Dienst an und überwacht in Wagners Auftrag die „Ausschaltung“ nicht arischer und sozialistischer Ärzte.

Die seltsame Leipziger Runde aus alten und neuen Herren sowie sprungbereiten Funktionären verabschiedete, vermeintlich übereinstimmend, den Entwurf einer Reichsärzteordnung. Mit ihr sollte die ärztliche Selbstverwaltung gesetzlich fundiert werden. Die alte Riege ging am 31. März noch von demokratischen Strukturen der Selbstverwaltung aus, so als hätte sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Der NS-Ärztebund sprach zwar auch von Selbstverwaltung, meinte aber anderes.

"Ich muss gestehen, dass auch ich nicht alle die Fragen beantworten konnte, müsste nach dieser Theorie der Fragebogen also auch sterilisiert werden." Reichsärzteführer Gerhard Wagner zum Verfahren der Zwangssterilisation bei den Erbgesundheitsgerichten auf der Grundlage von „Intelligenzfragebögen“
"Ich muss gestehen, dass auch ich nicht alle die Fragen beantworten konnte, müsste nach dieser Theorie der Fragebogen also auch sterilisiert werden." Reichsärzteführer Gerhard Wagner zum Verfahren der Zwangssterilisation bei den Erbgesundheitsgerichten auf der Grundlage von „Intelligenzfragebögen“
Ganz andere Grundsätze
Im Juni 1933 reichte Wagner einen Entwurf der Reichsärzteordnung beim RMdI ein; in seiner Erläuterung unterschied er zwischen alter und neuer Selbstverwaltung. Bei der Alten hätten die Betroffenen durch Mehrheitsbeschluss ihre Geschicke selbst bestimmen wollen. Wagner dagegen: „Die heutige Selbstverwaltung geht von anderen Grundsätzen aus. Selbstverwaltung soll bleiben, weil eine Verstaatlichung in dem Sinne, dass alles durch Behörden des Staates erledigt wird, dem berufsständischen Gedanken nicht entsprechen würde. Aber es soll der Staatswille eindringen in die berufsständischen Lebensbereiche und diese in den Staat einbeziehen.“

Zum Vorreiter der neuen Selbstverwaltung wird Preußen. Am 30. Dezember 1933 tritt hier ein Gesetz in Kraft, mit dem die Zuständigkeit der Mitgliederversammlungen auf die Kammervorstände übergeht, diese wiederum werden vom preußischen Innenminister ernannt, das Amt der alten Vorstände „erlischt“. Dr. Wagner habe „dem Gesetz zugestimmt“, versichert der Innenminister und belegt so, dass die Grenzen zwischen Staat, Partei und Ärzteführung bereits verwischt sind.

Das preußische Muster der „Ernennung“ findet sich in der Reichsärzteordnung vom 13. Dezember 1935 (in Kraft seit dem 1. April 1936) wieder. Erstmals wird eine Reichsärztekammer errichtet. Deren „Reichsärzteführer“ wird vom „Führer und Reichskanzler berufen und abberufen“, der Reichsärzteführer ernennt wiederum die regionalen Ärztekammern. Der Begriff meint eine Handvoll Funktionäre, nicht die Gesamtheit der Kammermitglieder. Von Wahlen keine Rede. Der Deutsche Ärztetag (jetzt Reichsärztetag), das Prunkstück der alten Selbstverwaltung, wird beiläufig erwähnt. Er tritt während des Dritten Reiches nie zusammen.

Während das „Führerprinzip“ für die Ärzte neu ist, findet man in der Reichsärzteordnung vielfach ein Gemisch alter und neuer Vorstellungen, zumeist drückt sich der neue Geist in wenigen eingeschobenen Worten aus. So heißt es etwa,
- die Ärzteschaft sei berufen, „zum Wohle von Volk und Reich für die Erhaltung und Hebung der Gesundheit, des Erbgutes und der Rasse des deutschen Volkes zu wirken“. „Erbgut“ und „Rasse“ erscheinen neu, wenn auch nicht völlig fremd, sind doch eugenische Ideen in der Ärzteschaft allgemein verbreitet.
- wer „unbefugt“ gegen das Berufsgeheimnis verstoße, werde bestraft. Doch bleiben Verstöße straffrei, wenn der Täter ein Geheimnis „zur Erfüllung einer Rechtspflicht oder sittlichen Pflicht oder sonst einem nach gesundem Volksempfinden berechtigten Zweck offenbart, und wenn das bedrohte Rechtsgut überwiegt“. Eine Durchlöcherung der Schweigepflicht sahen auch schon ältere Entwürfe vor, neu ist das „gesunde Volksempfinden“.
- die Bestallung (Approbation) sei solchen Bewerbern zu versagen, denen die „nationale oder sittliche Zuverlässigkeit“ fehlt oder die „nicht deutschblütig“ sind. Das ist neu und eindeutig nazistisch. Doch läuft der Alltag längst auf dieser Schiene. Man erinnere sich daran, wie rigoros die örtlichen Ärztevereine 1933 ihre jüdischen oder politisch missliebigen Kollegen aus den Praxen vertrieben haben.

Endlich kein Gewerbe mehr
Mit der Reichsärzteordnung wird dem Arzt bescheinigt, zum Dienst an der Gesundheit des einzelnen Menschen und des gesamten Volkes berufen zu sein. Nach einer solchen Anerkennung ärztlichen Wirkens hatten ganze Ärztegenerationen gestrebt. Nachdem die Ärzte im 19. Jahrhundert der Kurierfreiheit ausgesetzt und der Gewerbeordnung unterworfen wurden, sah man sich mit dem Makel des Gewerbetreibenden gezeichnet. Ärzteverbände und Deutsche Ärztetage kämpften seitdem dafür, den Arzt aus der Gewerbeordnung herauszunehmen, und bekämpften Kurierfreiheit und Kurpfuschertum. 1935 heißt es endlich: „Der ärztliche Beruf ist kein Gewerbe.“ Die Kurierfreiheit wird mit der Reichsärzteordnung freilich nicht beseitigt, gibt es doch in der Partei zu viele prominente Befürworter nicht ärztlicher Heiler. Erst 1939 kommt es zu einem faulen Kompromiss. Mit dem Heilpraktiker wird ein nicht ärztlicher Heilbehandler eingeführt. Nach dem Willen der Nazis sollte er aussterben (er lebt indes heute noch).

Die „Einheit“ scheint erreicht
Die lang ersehnte „Einheit der Ärzteschaft“ stellen die Nationalsozialisten mit der Reichsärzteordnung her. Auf ihre Weise. Und nur für begrenzte Zeit. So werden alle Ärzte (bis auf die der Wehrmacht) in der Reichsärztekammer, Kassenärzte zusätzlich in der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD) organisiert. Diese ist eine Abteilung der Reichsärztekammer und, wie auch die Reichsärztekammer, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, ein Kuriosum. Im Übrigen wird das bisherige Vereinswesen mit der Reichsärzteordnung eingeebnet. Der Deutsche Ärztevereinsbund und der Hartmannbund werden aufgelöst. Sonstige Ärztevereinigungen – ob sie nun berufspolitische, wirtschaftliche oder wissenschaftliche Ziele verfolgen – müssen von der Reichsärztekammer genehmigt werden.

Damit war die Gleichschaltung der Ärzteschaft, die im März 1933 mithilfe des NS-Ärztebundes handstreichartig, aber dank des vorauseilenden Gehorsams der alten Ärzteführer reibungslos über die Bühne ging, am 1. April 1936 auch auf dem Weg der Gesetzgebung vollzogen. Der NS-Ärztebund hatte seine Schuldigkeit getan, er führte fortan ein Schattendasein. Sein Vorsitzender amtierte nun als gesetzlich bestallter Reichsärzteführer; dessen Getreuen waren in der neu formierten Ärzteschaft gut untergebracht.

Gegen die Gleichschaltung scheint sich kaum Widerstand geregt zu haben. Eine rühmliche Ausnahme macht der Aerztliche Verein Hamburg. Als Wagners Hamburger Beauftragter verlangt, Nichtarier auszuschließen, weigert sich der Vorstand und tritt geschlossen zurück. An einen Ärzteaufstand wie in den Niederlanden war in Deutschland freilich nicht zu denken. Im Nachbarland stand 1941 die Gleichschaltung nach deutschem Vorbild an. Daraufhin traten 4 261 Ärzte, das entsprach 73 Prozent der Ärzteschaft, geschlossen aus der Koninklijk Nederlandsche Maatschappij tot Bevordering der Geneeskunst aus. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, teilten sie dem deutschen Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart mit, dass der Arztberuf vor politischer Einmischung bewahrt werden müsse.

Doch die Niederlande – das ist eine andere Geschichte. In Deutschland war das Einvernehmen mit den Nazis verbreitet. Schon früh, 1936, gehörten 30,8 Prozent der Ärzte der NSDAP, 21,3 Prozent der SA und 4,1 Prozent der SS an. In der Folgezeit stieg die Parteizugehörigkeit auf 44,8 Prozent. Die Ärzteschaft war wie kein anderer akademischer Berufsstand mit dem System verbunden. Und davon überzeugt: 1937 hielt das Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP 66,7 Prozent der niedergelassenen Ärzte für „weltanschaulich und fachlich besonders geeignet“ (Angaben nach Rüther, 1997).

In die Rassenhygiene verstrickt
Parallel zur Gleichschaltung wird 1933 Eugenik in die Tat umgesetzt. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (in Kraft seit dem 1. Januar 1934) verordnet die Sterilisation bei acht Krankheiten, nicht alle erblich, sowie bei schwerem Alkoholismus. Ärzte waren vielfach involviert: als Antragsteller, als Gutachter, als Erbgesundheitsrichter, als Operateure der 400 000 Opfer. Ärzte, die als Zeugen oder Sachverständige vor den Erbgesundheitsgerichten auftraten, waren ohne Rücksicht auf das Berufsgeheimnis zur Aussage verpflichtet.

Den Erbgesundheitsgerichten, die bei den Amtsgerichten eingerichtet wurden, gehörten neben einem Amtsrichter ein Amtsarzt sowie ein weiterer Arzt als Beisitzer an. „Ich habe von vornherein angeordnet“, heißt es zu diesem zweiten Arzt in einem Brief von Reichsinnenminister Frick an Wagner vom 13. November 1936, „dass der nicht beamtete Beisitzer nur nach Anhörung der zuständigen Stellen des NS-Ärztebundes als der ärztlichen Spitzenverbände (sic!) berufen werden dürfe.“ Wagner hatte sich beschwert, dass die Gerichte zu schematisch anhand eines Intelligenzfragebogens urteilten (Wagner: „Ich muss gestehen, dass auch ich nicht alle die Fragen beantworten konnte, müsste nach dieser Theorie der Fragebogen also auch sterilisiert werden.“). Die Beschwerde fiel somit auf den Ärztebund zurück. Fricks Brief bestätigt auch, dass die Standesorganisation offiziell in das Verfahren eingebunden war.

Eugenik entspricht dem Zeitgeist
Ohnehin war der Ärzteschaft das Thema vertraut. Für den 1933 geplanten, aber nicht mehr zustande gekommenen Deutschen Ärztetag hatte der Ärztevereinsbund, der Veranstalter der Ärztetage, Eugenik als Schwerpunkt vorgesehen und gar ein Preisausschreiben ausgelobt, „durch dessen Bearbeitung ein größerer Kreis der Ärzteschaft für die erbbiologische Materialbeschaffung durch in der Praxis stehende Kollegen interessiert werden soll“, erläuterte der Geschäftsausschuss des Bundes. Bis Ende des Jahres 1932 waren immerhin 44 Arbeiten eingegangen. In Vorbereitung des Ärztetages beschäftigte sich der Geschäftsausschuss 1932 zweimal ausgiebig mit dem Thema. Wirtschaftliche wie bevölkerungspolitische Aspekte standen zur Debatte. Haedenkamp prägte den Bund stark in dieser Frage. Er meinte, der Fürsorgegedanke dürfe insofern nicht überspannt werden, als man für die Erhaltung belasteter Familien Mittel aufwende, die für die Unterstützung gesunder Familien fehlten. Haedenkamp sah auch Anzeichen, dass sich die Bevölkerung „quantitativ und qualitativ verschlechtert“. Bedenken gegen die Sterilisation kamen im Geschäftsausschuss zwar hoch – sie bedeute einen schweren Eingriff in die Persönlichkeit; abzulehnen sei Sterilisierung aus sozialen Gründen (so De Bary vom Preußischen Ärztekammerausschuss) – aber schließlich verabschiedete der Ärztevereinsbund im September 1932 eine von Haedenkamp vorbereitete Entschließung, in der die Sterilisation „unter gesicherten sachlichen und rechtlichen Voraussetzungen“ befürwortet wird. Gefordert wird die Einwilligung des Kranken und „eine autoritative, sachverständige staatliche Instanz“, die in jedem einzelnen Fall über die Zulässigkeit des Eingriffs zu befinden habe. Selbstverständlich dürfe die Sterilisation nur vom Arzt vorgenommen werden. Vergleicht man die Forderungen des Ärztevereinsbundes mit dem Erbgesundheitsgesetz, stimmt vieles überein. Die Ärzte setzten jedoch auf Freiwilligkeit, die Nazis auf Zwang. Nur wenige der alten Herren werden aber die mörderischen Folgen der praktizierten Eugenik, mit der auch die Ärzteschaft auf die schiefe Bahn geriet, vorausgesehen haben.

Der Übergang von der Zwangssterilisation zur Zwangseuthanasie hatte seine eigene Logik. Die eine sollte dem „lebensunwerten Leben“ von „Ballastexistenzen“, wie die Nazis sich ausdrückten, vorbeugen, die andere sollte diese, wenn sie denn schon am Leben waren, beseitigen. „Euthanasie“ stand beschönigend für Mord. Ärzte waren führend dabei, den Mord an 200 000 (wenn nicht mehr) Kranken zu organisieren – und manch einer hat auch selbst Hand angelegt.

Conti zankt sich mit allen
Wagner starb bereits 1939, nach Angabe eines Mitarbeiters an Leukämie. Seinem Nachfolger Dr. Leonardo Conti entglitt zunehmend die Führung der Ärzteschaft. Nach der Reichsärzteordnung unterstanden ihm zwar alle Ärzte im Deutschen Reich. Doch von Beginn an war die Wehrmacht ausgenommen. Conti hatte sich sodann mit der SS über die Zugehörigkeit von SS-Ärzten, mit dem Reichsarbeitsminister oder der Organisation Todt über Zuständigkeiten für die Deutsche Arbeitsfront beziehungsweise wehrwirtschaftliche Betriebe und Lager auseinanderzusetzen. Reichsmarschall und Reichsjägermeister Göring reklamierte 1942 als Präsident eines Reichsforschungsrates die Oberhohheit über die medizinische Forschung für sich. Und schließlich setzte Hitler dem Reichsärzteführer 1943 seinen Leibarzt Karl Brandt als Koordinator für das Gesundheits- und Sanitätswesen vor die Nase. Dem Reichsärzteführer blieb am Ende die Zuständigkeit für die zivile Versorgung der Bevölkerung, und auch die musste er mit seinem Stellvertreter Dr. Heinrich Grote teilen. Der leitete die KVD. Diese gehörte formal zur Reichsärztekammer, agierte jedoch eigenständig. Das wurde ihr durch die eigene Rechtspersönlichkeit und den Sitz in Berlin leicht gemacht, während die Reichsärztekammer bis zum bitteren Ende in München verblieb.

Krankenmord mit Ärztehilfe
Conti war nicht nur Reichsärzteführer, sondern auch Staatssekretär im RMdI, zuständig für das Gesundheitswesen und in dieser Funktion mit den Euthanasiemorden verquickt. Der Referatsleiter für die Heil- und Pflegeanstalten, Dr. Herbert Linden, gleichfalls Arzt, organisierte zusammen mit der T4-Verwaltung (benannt nach der Berliner Tiergartenstraße 4) ab 1939 den Krankenmord durch Vergasung, Nahrungsentzug und Medikamente. Conti selbst war im Januar 1940 im Zuchthaus Brandenburg dabei, als zwei Tötungsmethoden, Morphium-Scopolamin gegen Kohlenmonoxid, an Patienten getestet wurden; man entschied sich für das Gas. Conti nahm vermutlich als Beamter des Innenministeriums teil. Er war aber immer auch der Reichsärzteführer, und es ist eine schwer erträgliche Vorstellung, dass der oberste Arzt im Land Patienten die tödliche Injektion versetzte oder den Tod durch Gas begutachtete.

Die Reichsärztekammer scheint Conti, ausweislich der Verhöre beim Nürnberger Ärzteprozess 1945, aus der „Euthanasie“ herausgehalten zu haben. In einer Unterredung mit Hitler 1939 will er derart feinsinnige Einwände vorgebracht haben, dass Hitler ihm den Auftrag, ein Konzept für die „Euthanasie“ zu erarbeiten, wieder entzog. Es ist freilich nicht anzunehmen, dass Conti Hitlers Absichten konterkariert hat, wahrscheinlicher scheint es, dass die Reichskanzlei Conti austrickste. Den Euthanasiemord („Gnadentod“) organisierten jedenfalls im Auftrag Hitlers dessen Kanzleichef („Reichsleiter“) Philipp Bouhler und Karl Brandt, der Leibarzt, mittels T4, unter Mithilfe des RMdI.

„Dienstlich“ nichts gewusst
Die Münchener Funktionäre der Reichsärztekammer haben – auch das kam 1945 in Nürnberg zutage – von den Euthanasieverbrechen immerhin gewusst, wenn auch nicht „dienstlich“ und nicht im Detail. Es sei verboten gewesen, die Frage zu diskutieren, bezeugte in Nürnberg Justiziar Kossmehl. Solcherart Nichtwissen brachte die Münchener denn auch nicht in die Verlegenheit, Disziplinarmaßnahmen gegen die vielen Ärzte in den psychiatrischen Krankenanstalten, in den sogenannten Kinderfachabteilungen, in den Lagern, an den Gasventilen, die ihre Patienten im Stich ließen oder direkt am Mordgeschäft teilhatten oder daraus Nutzen zogen, kurzum Verfahren gegen auch nur einen Arzt einzuleiten, der gegen die ärztlichen Ethik und die Berufsordnung verstoßen hatte. Beschwerden aus der Bevölkerung habe man, so erklärte der Justiziar, der Einfachheit halber an die nahe gelegene Parteileitung der NSDAP weitergereicht. Von dort sei nie eine Antwort gekommen.
Gab es Gegenwehr? Einzelne Ärzte haben mutig und listig einzelne Patienten vor Sterilisation oder „Euthanasie“ gerettet. Einzelne Ärzte haben sich geweigert, beim Mordgeschäft mitzumachen. Die große Mehrheit hat ihre Arbeit getan und die Augen zugemacht. „Euthanasie“ war ja geheim, wenn auch die grauen Busse durchs Land fuhren, die Verbrennungsöfen hübsche Städtchen mit fettem Rauch belästigten und Tausende von Ärzten, Schwestern, Pflegern, Fahrern und Verwaltungsangestellten dafür sorgten, dass die Mordmaschinerie lief.
Norbert Jachertz

Anmerkungen
Die beiden Artikel (der erste erschien in DÄ, Heft 12/2008) stützen sich im Wesentlichen auf Aktenkopien im Archiv des Deutschen
Ärzteblattes.
Der Kölner Historiker Dr. phil. Bernd Rüther hat in den DÄ-Heften 8 und 9/1997 einen gründlichen Artikel über die Reichsärzteordnung veröffentlicht sowie in der von Robert Jütte herausgegebenen „Geschichte der deutschen Ärzteschaft“ (Köln, 1997) den nach wie vor lesenswerten Teil über die NS-Zeit verfasst.
Zur „Euthanasie“: Die jüngste Neuerscheinung („Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst“, Göttingen 2008) wurde in DÄ, Heft 11/2008 besprochen.
Der Hinweis auf die Niederlande ist Dr. med. Rolf E. Ullner zu verdanken.
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