ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2008Tötungsmaschine: Unerträgliche Selbstinszenierung

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Tötungsmaschine: Unerträgliche Selbstinszenierung

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): A-757 / B-661 / C-649

Klinkhammer, Gisela

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Gisela Klinkhammer Chefin vom Dienst
Gisela Klinkhammer Chefin vom Dienst
Das Gerät ist ab sofort einsatzfähig“, sagte der frühere Hamburger Justizsenator Roger Kusch bei der Vorstellung seines Injektionsautomaten in Hamburg. Mit dieser Selbsttötungsmaschine will der Befürworter aktiver Sterbehilfe Schwerstkranken auch in Deutschland einen selbst gewählten Weg in den Tod ermöglichen. Und das funktioniert nach den Vorstellungen Kuschs folgendermaßen: Wenn sich ein Sterbewilliger an den Verein „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe“ wende, lasse Kusch ein ärztliches Gutachten erstellen. Nur wenn der Patient an einer unheilbaren Krankheit leide, bei vollem Bewusstsein seine Sterbebitte äußere und ausreichend über die Alternativen informiert worden sei, dürfe das Gerät zum Einsatz kommen. Mit einem Knopfdruck könnten Todkranke die Maschine in Gang setzen, die dann aus zwei Spritzen jeweils ein Narkotikum und Kaliumchlorid in die Venen presst. Zuvor müsse ein Arzt lediglich eine Kanüle legen. Kusch hält die Methode rechtlich für zulässig, da er nach eigenen Angaben Beihilfe zum Suizid leistet, was in Deutschland straffrei bleibt.

Auf heftige Kritik stießen Kusch und sein makaberes Angebot unter anderem bei Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, dem Präsidenten der Ärztekammer Hamburg und Vizepräsidenten der Bundes­ärzte­kammer. „Wir brauchen keine Tötungsmaschine, sondern eine Sterbebegleitung und palliativmedizinische Betreuung, die den Menschen am Ende ihres Lebens Schmerzen und Ängste nehmen“, sagte Montgomery. Dass die Palliativmedizin in den 25 Jahren ihres Bestehens in Deutschland für einen Paradigmenwechsel in der Medizin gesorgt hat, verdeutlicht auch Prof. Dr. med. Raymond Voltz, Köln, in einem Beitrag in diesem Heft: „Nichtaufgeben von Patienten auch bei Fortschreiten der Erkrankung, radikale Orientierung an Patientenbedürfnissen, der Patient als Teil eines Beziehungssystems, der Arzt als Mitglied in einem multiprofessionellen Team, Rückbesinnung auf den Sinn von Handlungen, ja des Lebens überhaupt – das sind nur wenige Schlagworte.“ Dafür Sorge zu tragen, dass diese Entwicklung auch Nachhaltigkeit in Deutschland erlange, werde die Hauptaufgabe der kommenden 25 Jahre sein.

Zunehmende Bestrebungen, aktive Sterbehilfe zu legalisieren, könnten durch eine solche „unerträgliche Selbstinszenierung“, wie Montgomery Kuschs Aktivität zutreffend bezeichnete, bestärkt werden. Die Förderung der Palliativmedizin kann sicherlich dazu beitragen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung solchen Tendenzen eine Absage erteilt. Dass dies dringend nötig ist, zeigt das Beispiel Belgien. In dem Nachbarland, in dem aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen bereits zulässig ist, wird nämlich zunehmend über eine weitere Liberalisierung des Sterbehilfegesetzes diskutiert. Nach Vorstellungen mehrerer Politiker sollen dort künftig auch unheilbar kranke Kinder und Demenzkranke auf Wunsch Unterstützung beim Sterben erhalten.
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