ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2008Wartezeiten: „Die Wissenschaft hat festgestellt . . .“

POLITIK

Wartezeiten: „Die Wissenschaft hat festgestellt . . .“

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): A-765 / B-667 / C-655

Gerst, Thomas

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"Diese Unterversorgung ist staatlich verursachte Zweiklassenmedizin." Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe Foto: modusphoto/Jardin
"Diese Unterversorgung ist staatlich verursachte Zweiklassenmedizin." Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe Foto: modusphoto/Jardin
Ärzte behandeln gesetzlich und privat Versicherte bei der Terminvergabe unterschiedlich: Eine schon ältere Studie sorgt für neuen Rummel.

Vor Kurzem konnten die Ärzte beruhigt die neue Allensbach-Umfrage zur Kenntnis nehmen, nach der sie unter allen Berufen das weitaus höchste Ansehen in der Bevölkerung genießen. Mit 78 Prozent stehen sie in der Wertschätzung mit großem Abstand vorne. Ganz weit hinten auf der Beliebtheitsskala rangieren, wie auch in den vergangenen Jahren, die Journalisten mit elf Prozent. Die in der vergangenen Woche in den Medien losgebrochene Erregung über Unterschiede bei der Terminvergabe von Arztpraxen für Krankenversicherte wird daran wohl kaum etwas ändern.

Was war der Anlass für diesen Medienhype? Am 1. April machte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf der ersten Seite mit der wohl kaum überraschenden, nun aber auf dem Weg der Versorgungsforschung „verwissenschaftlichten“ Erkenntnis auf, dass Privatversicherte bei der Terminvergabe für bestimmte elektive fachärztliche Leistungen bevorzugt würden. Präsentiert wurden die Ergebnisse einer Studie („Waiting times for elective treatments according to insurance status: A randomized empirical study in Germany“) des Instituts für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie der Universität zu Köln. Die Studie war im Januar 2008 im britischen Internetjournal „International Journal for Equity in Health“ veröffentlicht worden. Eingereicht wurde sie dort im August 2006, die Befragung von Arztpraxen hatte im April/Mai 2006 stattgefunden. In die statistische Auswertung flossen die Daten aus standardisierten Anrufen in 128 Facharztpraxen ein. Unberücksichtigt blieben etwa diejenigen Praxen, in denen keine festen Termine vergeben wurden.

Koautor der Studie ist Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, derzeit als Mitglied des Deutschen Bundestags von der Leitung des Kölner Instituts für Gesundheitsökonomie beurlaubt. Als Gesundheitspolitiker durfte er die Forschungsergebnisse seines eigenen Instituts sogleich als „die Spitze eines Eisbergs“ interpretieren und dies mit der Forderung nach einheitlichen Honoraren für gesetzlich und privat Versicherte verbinden. Damit solle, sagt Lauterbach, der Anreiz für eine Bevorzugung ausgeschaltet werden. Allerdings dürfe dies keine Honorareinbußen insgesamt für die Ärzte nach sich ziehen.

Der mediale Coup glückte Lauterbach. Tags darauf wird das Thema prominent von fast jeder Tageszeitung sowie vielfältig in Funk und Fernsehen aufgegriffen. In Hülle und Fülle äußern sich Ärzte- und Patientenverbände, Krankenkassen und das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Lauterbach selbst tritt fast zeitgleich – mit farblich unterschiedlichen Fliegen – in zwei Fernsehtalkshows auf.

Dabei ist das Thema beileibe nicht neu. Bereits vor etwa einem Jahr hatte eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK für Aufsehen gesorgt, derzufolge gesetzlich Krankenversicherte bei akuten Beschwerden im Durchschnitt länger auf einen Arzttermin warten müssen als Privatversicherte (DÄ, Heft 9/2007). Die Meinungen und Argumente zu diesem Thema wurden auch vor einem Jahr schon ausgetauscht.

Die zuständige Ministerin Ulla Schmidt rügt nun erneut die Ärzte und ruft die Krankenkassen auf, sich in dieser Angelegenheit stärker für ihre Versicherten zu engagieren. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med Jörg-Dietrich Hoppe, verweist auf den ökonomischen Druck, der auf vielen Ärzten laste: „Zu den Wartezeiten für gesetzlich Versicherte kommt es, weil oftmals die vorgegebenen Budgets vor Ende des Quartals ausgeschöpft sind.“ Da das Budget vieler Ärzte bereits lange vor Ablauf eines Quartals aufgebraucht sei, versuchten sie mitunter, nicht akut notwendige Behandlungen auf das nächste Quartal zu verlegen. Hoppe nennt es perfide, wenn die Ärzte für die Folgen staatlich vorgegebener Unterfinanzierung verantwortlich gemacht würden. Es liege an der Politik, für die Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten ausreichend Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Andreas Köhler, weist darauf hin, dass die Zusatzeinkommen aus der privaten Kran­ken­ver­siche­rung viele Ärzte erst in die Lage versetzten, in ihre Praxen zu investieren. Er betont, dass es keine Unterschiede in der Behandlung der Patienten gebe, sondern allenfalls Serviceunterschiede. Die Qualitätssicherung der Leistung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung sei oft sogar besser als in der privaten Kran­ken­ver­siche­rung.
Thomas Gerst
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