EDITORIAL

Posttraumatische Belastungsstörungen bei Soldaten: Die Dunkelziffer ist hoch

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 145

Bühring, Petra

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Bombenanschläge, Terrordrohungen, Geiselnahmen – Bundeswehrsoldaten in den Krisengebieten der Welt sind enormen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Jährlich müssen etwa 200 Soldaten vorzeitig nach Hause geschickt werden, weil sie den psychischen Druck nicht aushalten. Die Politik muss jeden Einsatz sorgfältig abwägen, trotzdem hat die Zahl der Auslandseinsätze zugenommen und wird sich vermutlich weiter erhöhen.

Ein Staat, der seine Soldaten in Kriegsgebiete schickt, muss ihnen fürsorglich alle erdenklichen Präventions-, Behandlungs- und Unterstützungsangebote zukommen lassen. Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) muss vorgebeugt, sie müssen angemessen behandelt und den Soldaten muss geholfen werden, sich wieder in ein ziviles Leben einzugliedern. Es wird bislang zwar einiges, aber eben noch nicht das Mögliche getan. Das geht sowohl aus dem aktuellen Bericht des Wehrbeauftragten Reinhold Robbe als auch aus zwei Anträgen der Fraktionen der FDP und Der Linken hervor, die im Bundestag beraten wurden. Robbe, der in seiner Funktion möglichen Missständen in der Bundeswehr nachgeht, fordert, dass vor Ort ausreichend klinische Psychologen und Psychotherapeuten zur Verfügung stehen, um PTBS zu erkennen und zu behandeln. Er weist darauf hin, dass in den Bundeswehrkrankenhäusern ärztliche Psychotherapeuten fehlen. Der tatsächliche Bedarf an Behandlungskapazitäten sollte in einer Feldstudie ermittelt werden. Schließlich hält er den Ausbau der Erforschung von Rückkehrer-Traumata in einer bundeswehreigenen Einrichtung für sinnvoll und notwendig. Ein solches „Kompetenzzentrum“ für PTBS an einem Bundeswehrkrankenhaus fordern auch FDP und Die Linke. Die Parteien kritisieren, dass sich die stationären Behandlungskapazitäten nach dem Streitkräfteumfang richten, der stetig sinkt. Maßgeblich sollte hingegen die Einsatzrealität sein. Schließlich fordern sie, 24-Stunden-Hotlines mit psychologischen Bereitschaftsdiensten einzurichten, an die sich betroffene Soldaten anonym wenden können.

Alle diese Forderungen sind richtig und wichtig. Doch vielleicht kann gerade das anonyme Beratungsangebot dem eigentlichen Problem am ehesten begegnen: der hohen Dunkelziffer der an PTBS erkrankten Soldaten. Bislang sind insgesamt 700 Soldaten im Zusammenhang mit einer PTBS behandelt worden. Das ist ein Prozent der Soldaten, die im Auslandseinsatz waren. Diese Zahl ist auffallend niedrig; in den Streitkräfteverbänden andererer Länder sind vier bis fünf Prozent betroffen. Wehrpsychologen gehen davon aus, dass sich viele Soldaten nach wie vor stigmatisiert fühlen, wenn sie sich psychologisch behandeln lassen. Die Wissenschaftler Hauffa und Brähler, Leipzig, fanden in einer Studie an 118 Soldaten des Afghanistan-Einsatzkontingents ISAF ebenfalls auffällig wenige mit Angsterkrankungen, Depressionen oder PTBS. Sie begründen dies einerseits mit den strengen Auswahlkriterien der Bundeswehr, die vorwiegend stabile und resiliente Soldaten in den Einsatz schicke. Andererseits müsse mit „sozial erwünschtem Antwortverhalten“ gerechnet werden. Viele Soldaten befürchteten auch negative Folgen für die Karriere, wenn sie bei psychischen Beschwerden Hilfe suchen.

Das Wichtigste ist es also, in der Truppe ein Bewusstsein für psychische Erkrankungen zu schaffen. Das Eingeständnis von Schwäche darf nicht zu Statusverlust oder gar zu Sticheleien in der Gruppe führen. Erst dann kann Hilfe angenommen werden.
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