ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2008Elektronische Gesundheitsakten: HealthVault, Google Health & Co

TECHNIK

Elektronische Gesundheitsakten: HealthVault, Google Health & Co

Dtsch Arztebl 2008; 105(15): A-795 / B-692 / C-680

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Gesundheitswebsite von Microsoft: Die großen Technologiekonzerne steigen weltweit in die Gesundheitsmärkte ein und bieten zunehmend auch Lösungen für die Speicherung und Kommunikation von Patientendaten an.
Die Gesundheitswebsite von Microsoft: Die großen Technologiekonzerne steigen weltweit in die Gesundheitsmärkte ein und bieten zunehmend auch Lösungen für die Speicherung und Kommunikation von Patientendaten an.
Die zentrale Speicherung medizinischer Daten entwickelt sich zu einem vielversprechenden Geschäftsfeld für Unternehmen. Kritiker beobachten dies mit Sorge.

Während in Deutschland die Diskussion um die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und eine zentrale Speicherung medizinischer Daten voll entbrannt ist, werden in den USA Fakten geschaffen: Technologiekonzerne wie Microsoft, Google oder AOL haben begonnen, in den lukrativen Markt der Verarbeitung von Gesundheitsdaten einzusteigen.

So hat beispielsweise Microsoft im Oktober 2007 das „HealthVault“-Programm gestartet (www.healthvault.com). Dieses sieht vor, dass Nutzer ihre Gesundheitsdaten verschlüsselt in einer persönlichen Gesundheitsakte ablegen und verwalten können, die zentral bei Microsoft gespeichert wird. Nutzer der webbasierten Akte können medizinische Daten und Befunde von behandelnden Einrichtungen direkt dort einspeisen lassen, sodass sie jederzeit online abrufbar sind. Der Konzern arbeitet mit Partnern wie der American Heart Association, Johnson & Johnson Life Scan (ein Hersteller von Blutzuckermessgeräten), der Mayo-Klinik und MedStar Health, einem Netzwerk von sieben Krankenhäusern in der Region Baltimore-Washington, zusammen, weitere Kooperationen sollen folgen. „HealthVault“ umfasst zusätzlich eine auf Gesundheitsaspekte spezialisierte Suchmaschine, die Informationen über Krankheiten, Gesundheitstipps und Webseiten zu Medizinthemen zur Verfügung stellt (https://health.live.com). Das Angebot ist werbefinanziert. Die Daten sollen außerdem gegen eine Gebühr in anonymisierter Form Pharmaunternehmen und Versicherungen für Marktforschungszwecke zur Verfügung gestellt werden.

Ganz ähnlich agiert der Konkurrent Google, der sein Projekt „Google Health“ – ebenfalls bestehend aus einer Spezialsuchmaschine für Gesundheitsthemen und einer persönlichen Gesundheitsakte – in der englischen Version noch 2008 starten will. Bereits Mitte 2007 kursierten Screenshots einer Testversion im Netz. Für den Suchmaschinenanbieter sind die Aktivitäten im Gesundheitsbereich quasi eine „natürliche Fortsetzung“ seines bisherigen Geschäftsfelds, denn die Suchanfragen zum Thema Gesundheit nehmen ohnehin einen breiten Raum ein. Darüber hinaus stellt das Unternehmen bereits heute kostenfreien Speicherplatz für Texte, Fotos oder E-Mails zur Verfügung und will dieses Angebot künftig auf medizinische Daten ausdehnen. Ähnlich wie beim Webdienst „Google Mail“ soll der Zugang zu den Gesundheitsdaten nur nach Eingabe von Benutzername und Passwort möglich sein. Google will auf Werbung verzichten. Das Unternehmen will davon profitieren, dass durch „Google Health“ die zentrale Startseite für die Webrecherche – ähnlich wie beim werbefreien News-Dienst – noch stärker frequentiert wird. Die persönliche Gesundheitsakte wird derzeit mit rund 1 370 Freiwilligen an der Cleveland-Klinik (Ohio) getestet. Geplant ist, bis zu 10 000 Testteilnehmer zu gewinnen. Die Gesundheitsakte soll anschließend zunächst in den USA und dann schrittweise auch in anderen Ländern eingeführt werden.

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) betrachtet diese Entwicklung mit Sorge. Zwar sollen die Patientendaten bei der Onlineakte von Google nicht ohne explizite Zustimmung der Patienten weitergegeben oder verkauft werden. Allein die Möglichkeit einer kommerziellen Weiterverwendung aber sei alarmierend. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Patientendaten zur Handelsware werden. Diese hochsensiblen Gesundheitsdaten gehören nicht in die Hände von unbefugten Dritten, die in Betracht ziehen, daraus ein Geschäft zu machen“, warnte Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telematik der BÄK. Bei der notwendigen kritischen Auseinandersetzung mit der eGK dürften andere Bedrohungen gegenüber den Patientendaten nicht ignoriert werden.

Denn auch in Deutschland schreitet die Entwicklung von elektronischen Gesundheitsakten unaufhaltsam voran. Bemerkenswert daran ist, dass dies unabhängig von der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und einer bundesweit verfügbaren Tele­ma­tik­infra­struk­tur geschieht und ohne dass dies Kritiker einer zentralen Speicherung medizinischer Daten, wie etwa den NAV-Virchow-Bund oder die Freie Ärzteschaft, bislang auf den Plan gerufen hätte. Unternehmen wie die Compugroup (Vita-X-Gesundheitsakte) und Intercomponentware (Lifesensor) haben technische Lösungen längst im Portfolio, und Krankenkassen wie die Barmer oder die DAK haben bereits Projekte zu patientengeführten Gesundheitsakten aufgelegt.

Vor diesem Hintergrund hat die Bundes­ärzte­kammer erst kürzlich vor einer externen Speicherung von Patientendaten auf zentralen Servern der Industrie im Auftrag der Krankenkassen gewarnt. Anlass ist der Hausarztvertrag nach § 73 b SGB V, den die AOK Baden-Württemberg, der Hausärzteverband und der MEDI-Verbund derzeit aushandeln. Dieser sieht auch eine von den Krankenkassen finanzierte elektronische Gesundheitsakte vor, in die die Ärzte künftig Patientendaten einspeisen. „Das hohe Sicherheitsniveau kollektivvertraglicher Regelungen zwischen Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen muss auch in Selektivverträgen gelten“, forderte Bartmann. Es sei zu befürchten, dass dieser Standard in dem Hausarztvertrag unterschritten werde. So stellen die rechtlichen Rahmenbedingungen des Gesundheitskartenprojekts nach § 291 a Abs. 8 SGB V jede kommerzielle Nutzung von Patientendaten ausdrücklich unter Strafe: „Eine Nutzung der Daten der elektronischen Gesundheitskarte durch andere Personen als den Patienten sowie Mitarbeiter der Gesundheitsberufe ist durch Verschlüsselung mithilfe der Chipkarte unter Kontrolle des Patienten ausgeschlossen.“ Diese strenge Regelung hinsichtlich des Datenschutzes ist bei der elektronischen Gesundheitsakte nach § 68 SGB V nicht gegeben.

Diese datenschutzrechtliche Problematik greift die BÄK auch in ihrem Positionspapier zum Einsatz von Telematik im Gesundheitswesen auf: „Für den Aufbau elektronischer Patientenakten ist vonseiten des Staates und der Industrie ein sicherer rechtlicher und technischer Rahmen zu schaffen beziehungsweise anzubieten, der sich nicht auf im Rahmen des SGB V geschaffene Lösungen beschränkt. Die technische Realisierung ist so zu gestalten, dass eine Nutzung der Patientendaten durch Kostenträger, staatliche Stellen, Industrieunternehmen oder andere ,Dritte‘ sicher und dauerhaft ausgeschlossen ist“, heißt es darin.

Beim nächsten Deutschen Ärztetag in Ulm werden die Auswirkungen der Gesundheitstelematik auf das Patient-Arzt-Verhältnis diskutiert. Letztlich müssen die Ärzte dann entscheiden, ob sie den Aufbau einer Tele­ma­tik­infra­struk­tur, die durch rechtliche Rahmenbedingungen und durch eine zertifizierte Sicherheitstechnologie geschützt ist, konstruktiv begleiten wollen oder ob sie die Implementierung von Telematik im Gesundheitswesen weitgehend Industrieunternehmen überlassen wollen, „deren Geschäftsmodelle offenbar auch den Handel mit Patientendaten mit einbeziehen“, wie Bartmann befürchtet.
Heike E. Krüger-Brand
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