ArchivDeutsches Ärzteblatt PP4/2008Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Rupprecht Geiger – Jenseits der Leuchtfarben

KUNST + PSYCHE

Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Rupprecht Geiger – Jenseits der Leuchtfarben

PP 7, Ausgabe April 2008, Seite 146

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Auf vielen Bildern von Rupprecht Geiger knallt ein kaltes Rot gegen ein warmes Orange, oder ein schrilles Gelb kontrastiert zu einem leuchtenden Rot. Mit ihren Leuchtfarben dominieren diese Gemälde ganze Räume und werden selbst von vielen Kunstliebhabern nur in Museen ertragen.

Das hier gezeigte Bild aus dem Jahre 1968 ist anders. Ein leuchtendes Gelb am unteren Rand und ein nach oben hin schwächer werdendes Weiß – mehr Farbe hat das Bild nicht aufzuweisen. Die Farben sind, dem Zeitgeist der 60er-Jahre entsprechend, mit der Spritzpistole aufgetragen, eine persönliche Handschrift, ein individueller Pinselduktus, wurde seinerzeit von vielen Künstlern gemieden. Aber weder Farbwirkung noch Individualität stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern das zentrale Rund: Hier schauen wir auf die rohe, unbehandelte Leinwand. In seinem Zentrum ist das Bild leer. Offensichtlich tritt uns ein ganz anderer Aspekt der Bilder des Künstlers entgegen. Es geht um Stille, um eine meditative Haltung. Mit ganz reduzierten Mitteln wird etwas Nichtmaterielles, eine geistige Dimension, thematisiert. Derartiges kennen wir aus dem Zen-Buddhismus. Kein Wunder also, dass Geiger, ein Mitbegründer der Künstlergruppe „Zen 49“, auf der viel beachteten Ausstellung „Zen und die westliche Kunst“ im Jahr 2000 im Museum Bochum vertreten war. Ohne einen abbildhaften Bezug herzustellen, atmen viele seiner Bilder etwas vom Geist des Zen. Ein einflussreicher Meister der Meditation, der eigenwillige Denker Dogen Kigen (1200–1253), fasste die Quintessenz des Zen in folgenden Sätzen zusammen: „Den Buddha-Weg lernen heißt, das eigene Selbst lernen. Das eigene Selbst lernen heißt, das eigene Selbst vergessen. (...) Die Spuren der Erleuchtung verschwinden; die spurlose Erleuchtung dehnt sich aus – endlos.“ Es wäre stimmig, gerade vor diesem Bild die Skulptur eines meditierenden Buddhas sitzen zu sehen.

Im Januar 2008 wurde Rupprecht Geiger 100 Jahre alt. Er ist nach wie vor künstlerisch produktiv.
Hartmut Kraft

Biografie Rupprecht Geiger
Geboren 1908 in München, dort Studium der Architektur. 1936 bis 1940 Tätigkeit in einem Architekturbüro. Nach dem Kriegsdienst als Maler Autodidakt, Mitbegründer der Gruppe „Zen 49“. 1949 bis 1962 als selbstständiger Architekt tätig. 1959 Salomon-Guggenheim-Preis, New York. Beteiligungen an der Documenta II (1959), III (1964), IV (1968) und VI (1977). Ab 1965 Verwendung von Leuchtfarben. 1965 bis 1976 Professur an der Kunstakademie Düsseldorf. Lebt in München.

Literatur
Dornacher P, Geiger J (Hrsg. für die R.G.-Gesellschaft): Rupprecht Geiger – Werkverzeichnis 1942 bis 2002. München: Prestel 2003.
Geiger J. (Hrsg. für die R.G.-Gesellschaft): Rupprecht Geiger – Werkverzeichnis der Druckgrafik. München: Prestel 2007.
Golinski HG, Hiekisch-Picard S (Hrsg.): Zen und die westliche Kunst.
Museum Bochum. Köln: Wienand Verlag 2000.
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